“Akte 2011″ fällt auf falschen iSharegossip-Betreiber herein
Ganz schön ernüchternd: Tagelang war ein “Akte 2011″-Reporter auf der Suche nach dem Betreiber der Pöbel-Webseite iSharegossip.com. Nach zahllosem Klingeln an verschlossenen Haustüren, Trips in die gefährliche Boxwelt und endlosen Sendeminuten findet er ihn in Lübeck und kriegt sogar ein Interview. Dumm nur: Der Mann scheint ein Hochstapler zu sein.
Die Nachrichten waren heute morgen voll davon, sogar Deutschlandradio Kultur berichtete (zu meinem Erstaunen) darüber: In Lübeck sei ein 25jähriger festgenommen worden, der einer der Betreiber der Pöbel-Website iShareGossip.com sein soll. Die Polizei hätte ihn nach dem Sat.1-Interview festgenommen.
Mangelhafter Informatenschutz
Es spricht nicht wirklich für die Redaktion, dass es der Polizei so leicht gemacht wird, anhand eines Interviews den (eigentlich verpixelten) Verdächtigen zu finden. Aber man hat sich auch nicht wirklich Mühe gegeben, z.B. den Wohnort des jungen Mannes unkenntlich zu machen. Ein blaues Haus in einer kleinen Lübecker Strasse – das ist leichtes Spiel für die Polizei. Informantenschutz sieht anders aus. // BITTE UPDATE 17:15h BEACHTEN!
Im Verhör mit der Polizei ist der Mann dann eingebrochen: Laut Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ist er nicht Betreiber, sondern ein “Trittbrettfahrer”. Eine irreführende Information, die im isharegossip-Blog konkretisiert wird: “Manuel T.” sei Mitarbeiter aus dem engeren Kreis gewesen, der aber weder Betreiber noch verantwortlich für die Seite ist. Damit steht “Akte 2011″ doppelt dumm da.
Beitrag offline
Bei Sat1 hat man den Beitrag schon kommentarlos offline genommen. Aber youtube ist ja eine unerschöpfliche Quelle des Hochladens:
//UPDATE 16:36//
Das ging schnell: Die Beiträge sind mittlerweile auch auf youtube nicht mehr zu finden. Sie werden hier zwar noch angezeigt, aber abgespielt werden können sie nicht mehr.
Der betreffende “Manuel T.” tritt im zweiten Teil bei Minute 5:22 auf und darf vollmundig behaupten, er sei Betreiber der Seite und würde unanständig viel Geld mit ihr verdienen. Die von ihm genannte Summe wird im Sprecher-Text journalistisch sauber angezweifelt. Einen Beleg dafür, dass er tatsächlich die Seite betreibt muss der junge Mann indes nicht liefern.
Da erinnere ich mich doch gern an das alte Recherchesprichwort: If your mother says she loves you – check it out!
//UPDATE 17:15h//
Gerade rief mich Margit Ricarda-Rolf von der Mobbing-Zentrale – einem privaten Unternehmen, das Mobbing-Opfer hilft – an. (Einige Infos dazu hier.) Sie wies mich darauf hin, dass nicht der Akte-Bericht ausschlaggebend für die Verhaftung Manuel T.s gewesen sei.
Vielmehr habe sie Hinweise aus dem Freundeskreis des Mannes bekommen, die ihn beim Dreh mit “Akte 2011″ beobachtet hätten und sich darüber empörten, dass er sich als Betreiber der Webseite ausgegeben habe.
“Ich habe die Polizei informiert”
Frau Ricarda-Rolf hat sich dann nach eigenen Angaben an die Kriminalpolizei Frankfurt a.M. gewendet. “Noch bevor die Sendung ausgestrahlt wurde, hatte die Polizei von mir die Daten, hatte konkret einen Namen und eine Adresse von Manuel T.”, sagte sie mir am Telefon.
In Frankfurt kümmert man sich zentral um alle Belange rund um iSharegossip, weshalb sich auch heute der Frankfurter Generalstaatsanwalt Alexander Badle im Laufe des Tages zu dem Falle äußerte.
Manuel T. soll demnach ein Arbeitsloser sein, der erhofft haben soll, mit der Gründer-Geschichte etwas Geld machen zu können. Interessant ist jedoch nach wie vor der Blogpost im iSharegossip-Blog, in dem behauptet wird, Manuel T. sei zumindest im Team tätig gewesen.
“Manuel T. hat mit der Seite nichts zu tun”
Nach Aussage von Frau Ricarda-Rolf sei auch dies unrichtig. “Die haben die Polizei an der Nase herumgeführt”, sagte sie mir gegenüber. “Manuel T. hat mit der Seite nichts zu tun. Sonst hätten die ihn doch auch gar nicht wieder frei gelassen.”
Sie vermutet, dass Manuel T. die “Akte 2011″-Redaktion selber auf sich aufmerksam gemacht hat, um sich dann gewinnbringend als Gründer der Seite verkaufen zu können. (Was ihm wohl nicht gelungen ist.)
Ich halte diese Theorie für eher unwahrscheinlich. Woher soll der Mann gewusst haben, dass die Redaktion “Akte 2011″ nach dem Gründer der Seite sucht? (Es sei denn, sie haben in Internetforen oder Online um Hilfe gebeten, das machen Redakteure ganz gerne mal…)
Ob die Angaben von Frau Ricarda-Rolf stimmen kann ich leider derzeit nicht nachprüfen. Bei der Generaltstaatsanwaltschaft in Frankfurt geht Freitag abends keiner mehr ans Telefon. Sollte sie mir ihrer Version Recht haben, so haben heute einige Medien noch mehr Falschmeldungen verbreitet als sie meldeten, die Polizei sei erst durch den “Akte 2011″-Bericht auf Manuel T. aufmerksam geworden.

