Aug 18 2011

Liveblog-Experiment:
Die Entstehung eines 30-Minüters Tag 4

Zur Erklärung erstmal das hier lesen. Hier geht es zu Tag 1, hier zu Tag 2 und hier zu Tag 3. Ich blogge live von oben nach unten, weil ich die Marotte, das Neueste oben haben zu wollen hasse. So ist der Einstieg leichter und das Neueste steht ganz unten.

Donnerstag, 18.8.2011

10:00 Renate ist seit einer Stunde dabei die Teile zusammen zu fügen und fein zu tunen. Und dann müssen wir mal sehen, wie es sich im Gesamten anschaut und dass wir das Ding auf eine vorläufige Länge von 34 Minuten kriegen, damit ich die die gute Laune von Produzent Michael nicht gefährde. Mehr will er nämlich auf keinen Fall sehen. Verständlicherweise.

11:48 Wir haben uns den kompletten Film angesehen und sind zuversichtlich. Läuft ganz gut durch, leider ist der erste Part zu lang und zu langweilig. Der Mittelpart läuft dafür ganz gut.

So, mal wieder alles anders.

Neuer Ablauf. Mal wieder alles anders.

Wir entschließen uns, nochmal an der Struktur zu arbeiten. Szenen fliegen hin und her. Die mit dem Schleifen weiter nach vorne, die mit dem Kettenbasteln weiter nach hinten, das sollte vielleicht besser nach da und jenes nach dort. Dieser O-Ton auf jeden Fall noch kürzer, der ganz raus. Wir arbeiten hochkonzentriert.

 

11:52 F***! Der Klassiker! COMPUTERABSTURZ! :-( (( Wieviel von unseren gerade gemachten Änderungen weg sind wissen wir noch nicht… Und gleich kommt Michael und will was sehen…

11:55 Puh. Scheint alles da zu sein. Aber wir wollen noch schnell eine 20-Sekunden-Strecke basteln, um den Jubiläumstag zusammen zu fassen. Es wird etwas hektisch. Denn die Bilder dazu fehlen irgendwie. Dabei war ich mir so sicher, alles gedreht zu haben…

12:16 So, Michael ist da. Die Jubiläums-Strecke noch nicht. Ich hab ihn nochmal telefonieren geschickt. <ironie> Das macht er eh am liebsten. </ironie>

12:23 So, geht los.

12:46 Er lacht zwischendurch. Und schreibt sich was auf. Bin gespannt.

14:06 So, Abnahme ist durch und kann als “harmonisch” bezeichnet werden. Der Produzent hat viel gelacht und fühlte sich insgesamt wohl gut unterhalten, will den Film aber vom Rhythmus her noch etwas gestrafft haben. Ich bin da seiner Meinung. An der ein oder anderen Stelle holpert es noch oder ist definitiv zu lang(weilig).

Wir haben jetzt eine laaaaange List mit Kleinigkeiten, Frickelkram und Kürzer-Machens. Hier noch Musik und da übertexten. Aber der widmen wir uns erst nach der Mittagspause.

 

Auf diesen Festplatten ist übrigens unser Material. Wehe einer zieht den Stecker!

Auf diesen Festplatten ist übrigens unser Material. Wehe einer zieht den Stecker!

15:48 Während des Mittagessen haben Renate und ich uns über das Livebloggen unterhalten. Sie ist insgesamt mit dem Experiment unzufrieden. Hier in Stichworten ihr Feedback

  • Das Bloggen verändert die Schnittsituation, weil es potentiell immer einen Beobachter gibt. Allein schon die Möglichkeit, dass da jemand anders drauf guckt verändert das Ganze schon.
  • Sie spricht nicht mehr frei, überlegt, was sie äußert und ob dies eventuell im Netz landen könnte
  • Es nervt sie, weil meine Aufmerksamkeit teilweise woanders liegt
  • Sie findet, dass es Bereiche und Prozesse gibt, die einen Reifungsprozess brauchen, bevor sie der Öffentlichkeit präsentiert werden

Ich kann ihre Meinung durchaus nachvollziehen und finde diese Einwände unter anderem sehr wertvoll für die Post-Privacy-Debatte.

15:52 Wir sind jetzt übrigens dabei das Best-of für den Anfang zu basteln. Das Format “Typisch” hat vorne immer ein 30-40 Sekunden Potpourri aus O-Tönen und Stimmungsbildern. Wir finden: Könnte man sich auch schenken, der Film ist so ja schon halb erzählt. Aber gut, wat mutt, dat mutt.

16:08 Oh, ein ARGH!-Moment. Das Schnittprogramm ist uns schon wieder abgeraucht. Die Hälfte unseres Vorspanns ist dahin. Danke, Apple! :-(

16:33 Ist gottseidank nicht soviel weg gewesen. Aber gar nicht so einfach einen guten Vorspann zu bauen. Und gute Musik fehlt auch noch…

17:02 Einigermaßen gute Musik gefunden. “NDR-Gitarre” hat der Produzent dieses Genre genannt. Vorspann ist ganz okay geworden, den lassen wir jetzt so. Schließlich haben wir noch einen ganzen Film zu polieren und viel Zeit ist nicht mehr.

 

Zu der Schokolade und den Reiswaffeln gesellen sich jetzt noch Honigwaffeln dazu.

Zu der Schokolade und den Reiswaffeln gesellen sich jetzt noch Honigwaffeln dazu. Hilft nicht, aber schmeckt.

Also das Prozedere wieder von vorne: Film von Anfang zum Ende durchgehen, O-Töne kürzen, Szenen raffen, Bilder austauschen. Schneiden ist Sisyphos-Arbeit. “Wer schneidet, leidet.” Noch so ne Cutter-Weisheit (aber nicht von Renate).

18:06 Verflucht. Durch die Umstellerei ist der Winter-Teil zwar besser geworden. Aber jetzt haben wir kein Bild, um aus der Oma-Situation zu kommen.

18:41 Wir haben die Oma-Situation erstmal übersprungen. Dafür widmen wir uns dem Rest des Films und setzten die Änderungswünsche vom Produzenten um. Leider wird der Film nicht wirklich kürzer. Statt bei 28:30 landen wir am Ende immer noch bei 32:00. Suboptimal.

18:50 Jetzt werden wir rabiat. Erste Szene gekillt. Bamm! Eine Minute weg. Next!

18:57 Der nächste O-Ton wird amputiert. Beim Kürzen stöhnt er leise. Wir ignorieren das Gejammer. Next!

19:14 Sie sterben wie die Fliegen, die O-Töne und Szenen. Schnittgemetzel. Noch 2 Minuten zuviel. Stirb, Gelaber!

19:26 Wir sind eine Minute über der Sendelänge. Das lassen wir jetzt so. Der Redakteur wird morgen sowieso noch das ein oder andere anders haben wollen, da macht es wenig Sinn jetzt eine Punktlandung hinzulegen. Jetzt nur noch die Musikbetten an der ein oder anderen Stellen korregieren bzw hinzufügen, wo noch Musik hin soll – DANN FERTIG! Vorerst…

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Aug 17 2011

Liveblog-Experiment:
Die Entstehung eines 30-Minüters Tag 3

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Mittwoch, 17.8.2011

10:00 Ich sitze etwas müde im Schnitt. Walisischer Tee und Schokoreiswaffeln sind meine Geheimdrogen und sollen mich aufpushen. Klappt bedingt.

Renate ist schon dabei den Rest des Frühling-Teils schick zu machen. Musik drunter legen, den Rhythmus schon mal etwas anpassen. Ich merke wieder mal, wie wichtig ein/ gute/r Cutter/Cutterin ist, gerade bei längeren Reportagen. Sie bestimmen maßgeblich den Film mit, weil sie den richtigen Rhythmus reinbringen, die Bilder komponieren. Als Autor hat man natürlich das letzte Wort, aber man sollte sich auf eine/n erfahrene/n Cutter/in immer verlassen. Sie haben fast immer Recht.

So sieht übrigens meine Shotliste aus. Das rote sind die Stellen, die für den Film in Fragen kommen würden

So sieht übrigens meine Shotliste aus. Das rote sind die Stellen, die für den Film in Fragen kommen würden

Diskutieren ist erlaubt, aber ich als Autor bin nicht der “Das ist mein Film und ich muss mich darin verwirklichen”-Typ. Die soll es ja auch geben und ich glaube, das ist sehr anstrengend für alle Beteiligten und kontraproduktiv für den Film. Das Produkt steht im Vordergrund und für mich ist ein Film immer eine Gemeinschaftsarbeit von vielen Leuten. Als Autor ist man der zentrale Punkt, wo alles zusammenläuft. Aber man sollte nicht den Fehler machen, alles an sich reissen zu wollen.

Wir werden nachher drei Timelines haben, die wie Rohdiamanten geschliffen werden und in die richtige Form und Reihenfolge gebracht werden wollen. Ich bin sehr gespannt, wie das alles zusammen wirkt. Gerade kann ich mir es noch nicht so recht vorstellen.

Zu besseren Orientierung hab ich die Grobstruktur aufgeschrieben. Für die, die mich besser kennen (Hallo Tina!): JA! AUF PAPIER!

 

Die Grobstruktur des Filmes. AUF PAPIER!

Die Grobstruktur des Filmes. AUF PAPIER!

11:01 Renate macht wieder “Betriebsgeräusche”. Ich würd das ja gern mal aufnehmen. Aber das lass ich lieber.

11:30 Der Frühling ist soweit fertig. Auch noch gut 3 Minuten zu lang. Aber passt schon. Mich von O-Tönen zu trennen fällt mir mit jedem Projekt leichter. Am Anfang ist das unheimlich schwer, weil man immer denkt “Aber den brauch ich doch, das ist doch wichtig und interessant.” Irgendwann lernt man dann, sich zu reduzieren. Der Zuschauer ist nur begrenzt aufnahmefähig. Und das Format so lang, wie das Format eben ist.

12:01 Frustrierend ist es, wenn man so viel gedreht hat, wie ich für dieses Projekt (21 Tapes á 40 Minunten, das ist schon Oberkante) und dann trotzdem nach guten Bildern suchen muss, weil immer irgendwas fehlt. Hinterher fragt man sich dann oft “Warum hab ich denn das jetzt nicht mehr gedreht?!”.

Grund dafür ist häufig, dass schlicht die Zeit fehlt. Drehen dauert. Oft länger, als man plant und vor allem länger, als Nicht-Fernsehmacher sich vorstellen können. Die Zeit jedoch ist begrenzt. Sender bezahlen nicht unendlich viel Drehzeit, nur damit man das perfekte Bild hinbekommt. Selbst öffentlich-rechtliche nicht (mehr). Oft muss man beim Dreh Kompromisse machen oder schnelle Entscheidungen treffen. “Das Motiv oder das? Fahren wir jetzt noch an den Strand oder drehen wir den Besuch bei Oma?” Hinterher ist man dann immer schlauer. Und ärgert sich manchmal.

13:26 So, gleich Mittag. Aber vorher für euch die mit witzigste Szene im Film:

13:42 Ach, Mist. Wir haben ne Materialsammlung von 30 Minunten im Sommer. Das ist VIEL zu viel. Wir müssen uns von ganzen Szenen verabschieden und ich kann mich nicht entscheiden. Renate möchte eine Szene los werden, die mir am Herzen liegt. Ich wehre mich. Noch.

14:31 Wir fangen dann mal an, den Sommer in Form zu bringen. Das heisst: Rausschmeissen. Renate zu mir: “Jetzt sei stark. Jetzt heisst es, 20 Minuten tapfer durchhalten.” Ich glaub, ich hab zuviel gejammert.

15:26 Renate bemerkt zu Recht, dass der letzte Tag im FIlm zu voll ist und unübersichtlich zu werden droht. Nach eineigem Hin und Herüberlegen entscheiden wir uns, die Szene, in der Boy Jöns eine Kette für seine Mutter macht, weiter nach vorne in den Film zu ziehen. Soviel zur Authentizitätsdebatte im Fernsehen. Ohne Inszenierung funktionierts halt leider nicht.

Diese Bilder dürfen natürlich nicht fehlen. Das Ding ist übrigens ein Klohaus.

Diese Bilder dürfen natürlich nicht fehlen. Das Ding ist übrigens ein Klohaus. Aber ein schönes.

15:59 Wieder was gelernt: Nicht einfach dem Protagonisten hinterrennen, sondern eher abgeschlossene Sequenzen drehen, in denen die Leute dann aus dem Bild gehen. Sonst wird das hart im Schnitt. Aber Renate rettet. Denn nächste Schnittregel: Irgendwie geht’s immer.

16:38 So, wir brauchen mal eben einen kleinen Break. Den gönnen wir uns hiermit:

17:26 Wir sind beide müde. Das Niveau sinkt dementsprechend. Auf dem Bildschirm sagt Jöns “Lass uns mal an die Schafe” und uns fällt nichts besseres ein als “Kennst Du Andi? Andi Schafe?”-Witze zu machen.

Der Sommer ist aus Gründen geschnitten 18 Minuten lang. Das heisst, dass wir mindestens 6 Minuten rausschmeissen müssen. Das heisst, wir müssen uns von mindestens zwei Szenen verabschieden. Renate: “Ich glaube mehr.” Und ich so: :-/

17:34 Unter das Kitsch-Bild von oben kommt jetzt noch Kitsch-Musik. Ich mag das manchmal ja. Und alle so: Hach. <3

NACHTRAG 18.8.2011, 11:30h
Gestern nachmittag wurde es dann doch noch ziemlich stressig. Als klar wurde, dass das nichts wird mit 17 Uhr präsentieren, haben wir die erste Abnahme durch den Produzenten auf 12h am Donnerstag (also heute) verschoben.

Das war auch gut so, denn wir waren erst um 19:00 so weit, dass der letzte Teil einigermaßen in Ordnung war. Aber wenigstens hat er eine Länge von 12 Minuten, was ungefähr meiner angepeilten Ziellänge entspricht. Es war aber schon ein relativ konzentrierter Kampf, so dass ich nicht mal mehr zum Mitschreiben gekommen bin. Daher jetzt dieser Nachtrag.

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Aug 16 2011

Liveblog-Experiment:
Die Entstehung eines 30-Minüters Tag 2

Zur Erklärung erstmal das hier lesen. Hier geht es zu Tag 1. Ich werde live von oben nach unten bloggen, weil ich die Marotte, das Neueste oben haben zu wollen hasse. So ist der Einstieg leichter und das Neueste steht ganz unten.

Dienstag, 16.8.2011

9:30 Moin zu Tag 2 hier im Liveblog. Ich hab nicht so richtig viel geschlafen, daher erstmal Kaffee vom Holstenbäcker und das derbste Franzbrötchen in der Schanze für den Zucker-Flash:

Kalorienbombe. Aber Hallo.

Kalorienbombe. Aber Hallo.

So. Und jetzt zur Arbeit. Nachdem wir ja gestern schon 4 Minuten über der Ziellänge des ersten Teils waren, wollten wir ja eigentlich heute morgen kürzen. Renate hat mir aber vorgeschlagen, erstmal alles “runter zu schneiden”, um dann zu gucken, wie es in der Länge wirkt, wo was redundant ist und wie der Rhythmus des Films ist. Sie hat mehr Erfahrung, also mok wi dat so.

10:44 O-Töne picken, O-Töne picken, O-Töne picken. Erstmal alles auf die Timeline. Und dann weiter gucken.

11:28 Fertig gepickt. Mal wieder ganz schöne Riemen, das wird lustig, die auf sendbare Länge zusammen zu stauchen. Vor allem das Streitgespräch zwischen Jöns und seiner Frau. Aber dafür ist das eine ganz starke Szene.

Während sich Renate daran macht, die schönsten Frühlingsbilder für den Übergang rauszusuchen, fang ich damit an, die besten Töne aus dem Sommer-Teil zusammen zu stellen. Der fehlt nämlich noch. In meinem Kopf ist er fertig, aber sich dann durch die Shotlisten zu wühlen, um die relevanten Töne zu finden ist dann doch nochmal was anderes.

Renate hat den Blogbeitrag von gestern gelesen und mir Feedback gegeben. Hier die Kurzform:

  • Das Nebenher-noch-was-anderes-arbeiten findet sie befremdlich. Sie hat das Gefühl, dass meine Konzentration darunter leidet. Also werde ich ab jetzt etwas weniger schreiben.
  • Den Schnittprozess findet sie nur mäßig gut wieder gegeben.
  • Es gibt für sie keine Schnittbilder. Alle Bilder werden geschnitten.
  • Sie hat nicht über den Kameramann geschimpft. Sowas würde sie niemals machen, da sie nicht genau weiß, wie die Situation beim Drehen war. Das Murren während des Schneidens ist für sie eher ein “Cutter-Betriebsgeräusch”.

11:37 Wir haben übrigens fast jedes Norddeutschland-Klischee im Film: Schafe, Krabbenfischer, Krabben pulen, Strand, Männer im Seemannshemd, Möwen und Plattdütsch. Nur der Shanty-Chor fehlt. Müssen wir wohl doch noch nachdrehen.

11:58 UND KÜHE! UND DÜNEN!

 

Noch so ein Klischee: Spazieren mit Hunden in den Dünen

Noch so ein Klischee: Spazieren mit Hunden in den Dünen. Aber watt mutt, dat mutt, nech? ;-)

13:00 Wir sind jetzt dabei die einzelnen O-Ton-Szenen, die später freistehen sollen sinnvoll zu kürzen. Unser Protagonist redet zum Glück gern, so dass wir tolle Töne haben, leider passt nicht alles in den Film. Also muss man sich entscheiden. Nicht immer einfach.

14:00 Wir haben den Frühjahrs-Teil jetzt grob vorgeschnitten. O-Töne gekürzt, die Szenen mit schönen Bildern aufgefüllt. Mal wieder alles zu lang, aber beim schnellen Durchsehen sieht das schon ganz ordentlich aus. Von der Länge her wäre der Film jetzt fertig. ;-) Aber der Sommer-Part fehlt ja noch. Dem widmen wir uns nach der Mittagspause.

16:04 ARGH. Hatten eine Traum-Szene MIT HUNDEN, die gemacht haben WAS SIE SOLLTEN und die Kamera war nicht am Start, sondern sucht viel zu lang den passenden Ausschnitt. Menno. Aber Renate meint, sie kann da was retten. Sowas passiert leider immer wieder. Beim Dreh denkt man immer “Wird schon gepasst haben” und im Schnitt schreit man “ARGH!”

16:42 *weint* Wir haben viel zu viel Sommer-Material. Da war der Dreh größer als das Format. Gut, wir machen den gröbsten Grobschnitt gerade. Wäre der Film eine Fleischware, wäre er jetzt noch grobes Mett. Aber trotzdem etwas besorgniserregend, wenn nur die Rohcuts schon 20 Minuten lang sind. Reich mir mal einer den Langhaarschneider, bitte! Aber wenigstens haben wir Peter-Hary Carstensen mit im Film. Klischees halt.

 

Da ist ein Ministerpräsident auf meinem Bildschirm!

Da ist ein Ministerpräsident auf meinem Bildschirm!

16:56 Gerade landet der letzte Schnippsel Rohmaterial auf der Timeline. Der Film wird ein schönes musikalisches Ende mit der Band von Jöns’ Sohn kriegen. Dann noch ein paar schöne Sonnuntergangsbilder und ZACK! Die Bohne. Ab jetzt heisst es grob runterraspeln.

 

Schöne Musik von Mr. Green is dancing. Hoffentlich GEMAfrei.

Schöne Musik von Mr. Green is dancing. Hoffentlich GEMAfrei.

17:00 Von wegen “fertig”. Ich hab das Abschlussinterview vergessen. *seufz*

17:27 Schnittgespräche: “Das Bild brauchen wir nicht.” “Da putzt sich aber gerade ein Schaf die Nase.” “Na gut.”

17:49 So. Das Gefeilsche um die Bilder fängt an. “Können wir das Bild nicht gegen ein anderes tauschen..?” – “Nein, das ist das Einzige, wo man ihn von vorne sieht.” -”Ich brauch aber noch Platz, um zu sagen, wo die Schulklasse herkommt.” – “Dann sag das hier und da schneid ich dir die Klasse rein, aber das Bild MUSS.” Auf seine Cutterin sollte man hören. Sie haben fast immer Recht. Außerdem macht sie das schon wirklich lange. Aber das mit Schulklasse muss irgendwo rein…

18:25 Erstes Feintuning des Frühlings-Parts. In der Schlüsselszene hat anscheinend das Mikrofon von Frau Jöns nicht funktioniert. Zwei Minuten später im Rohmaterial geht das Mikro wieder, dafür ist der Bildausschnitt suboptimal. Toll. Und jetzt?!

18:40 O-Ton-Gefrickel. Wir probieren verschiedene O-Ton-Kombinationen in der Schlüsselszene aus. So rum? Oder doch lieber so rum?

Zum ersten Mal merke ich, wie wichtig es bei einer Reportage ist, zuerst auf die Bilder und die szenischen O-Töne zu achten und zu schauen, wie sie wirken und gemeinsam funktionieren. Erst wenn das alles steht, kommt der Text als Stütze. Leider denken auch manche Redakteure diese Vorgehensweise bei Magazinstücken anwenden zu müssen, wo sie nichts macht als Ärger, graue Haare und enorm viel Stress.

18:45 Renate schiebt hier gerade die O-Töne hin und her, dass mir ganz schwindelig wird.

19:30 So. Feierabend. Die Schlüsselszene ist endlich zufriedenstellend. Ziemliches Stückwerk, aber sinnvoll zusammen geschnitten. Der Rest des Frühlings-Schnitts machen wir morgen früh, am Mittag kümmern wir uns um den Sonntag und dann wird brutal rausgeschmissen. Um 17 Uhr kommt der Produzent, ihm wollen wir ne schicke 35-Minuten-Version präsentieren.

 

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Aug 15 2011

Liveblog-Experiment:
Die Entstehung eines 30-Minüters Tag 1

Zur Erklärung erstmal das hier lesen. Ich werde live von oben nach unten bloggen, weil ich die Marotte, das Neueste oben haben zu wollen hasse. So ist der Einstieg leichter und das Neueste steht ganz unten.

Montag, 15.08.2011

10:15 Cutterin Renate und ich treffen uns im Schnitt. Ich erkläre ihr erstmal worum es gehen soll und wie die nächsten Tage ablaufen werden. Tagesziel für heute: Den ersten Teil des 3-gliedrigen Films fertig machen. Da ich Jöns im Winter, Frühling und Sommer getroffen habe heisst das: Winterbilder schneiden.

11:00 Das Konzept habe ich in den letzten Tagen so gut wie fertig gemacht. Also kann ich Renate jetzt ziemlich genau sagen, welche O-Töne ich gern nehmen würde. Wir beginnen damit sie aus dem Rohmaterial zu suchen. Der erste Cut wird gesetzt!

11:30 Ich hab’s befürchtet. Alles viel zu lang. Die Winter-Sequenz soll ca 8 Minuten lang werden und wir sind allein mit O-Tönen schon bei 12 Minuten. Also erstmal O-Töne kürzen.

 

Meine Cutterin bei der Arbeit (sie ist kamerascheu).

Meine Cutterin bei der Arbeit (sie ist kamerascheu).

12:15 Renate fängt an, die erste Szene (Bernsteinsuchen am Strand im Winter) mit Schnittbildern zu füllen. Ich such dann mal Musik raus. Ich liebe es, die passende Musik zu meinen Filmen zu finden. Meistens geh ich dafür zu sonoton.de. Man muss sich über eine Redaktion o.ä. anmelden und bekommt dann kompletten Zugriff auf ihr Musik-Archiv inklusive Streaming-Vorhören. Ich hab bislang dort immer alles gefunden, was ich suchte.

13:00 Hach, Akkordeon <3

14:00 Ich liebe diesen Moment, wenn Du die Bilder, die Du schon vorm Dreh im Kopf hattest zum ersten Mal geschnitten mit Musik siehst und merkst: Es funktioniert!

 

Sieht doch schon ganz gut aus...

Sieht doch schon ganz gut aus...

14:29 Ich bemerke schon wieder Frame-Fucking-Tendenzen und will jetzt schon alles perfekt machen. In dieser Projektphase noch keine gute Idee. Da noch mindestens zwei Redakteure an dem Film rumkritteln werden, wäre das vergebene Liebesmüh. Aber Renate bremst mich zum Glück aus.

14:35 So, vorm Mittag mal eben die Strand-Szene durchgucken. Flutscht schon ganz gut, an der einen oder anderen Stelle hakt es aber noch ein wenig. Machen wir nachher schick.

15:43 Back from Mittagessen. Waren im völlig unterschätzten “Schröders Kartoffelhaus“. Einer der wenigen nicht-gentrifizierten Läden in der Schanze. Das gab’s:

 

Hmm.. lecker Kartoffelpüree mit Spiegelei

Hmm.. lecker Kartoffelpüree mit Spiegelei

16:04 Hab gerade eine neue Kamera-Weisheit erfunden (glaub ich): Wer nicht denkt, schwenkt. Oder gibt’s die schon? Renate hat einen Zoom im Material entdeckt: “Sowas hatte ich auch schon lange nicht mehr.”

16:16 Während Renate eine Totale vom Laden sucht (Für Laien: Eine Aufnahme, die möglichst viel zeigt), die wir scheinbar nicht gemacht haben, schreib ich eine Mail an die Produktionsfirma für Folgeprojekte. Wenn man als Autor vorbereitet ist und eine gute Cutterin hat, kann man im Schnitt nebenher noch viele andere Dinge erledigen. Live bloggen zum Beispiel.

16:31 @stot66 meint gerade, dass es meine Kameramann-Weisheit schon lange gibt:

@ gibts schon lange ;) "nicht denken, schwenken" ;)

Ich hab ihn aber umgedreht. Also immer noch Unikat bis Gegenbeweis erbracht wurde.

16:54 Wir sind jetzt bei Minute 2:30. Ich hab gerade leichte Zweifel, ob wir unser Tagesziel, heute den Winter runterzuschneiden, wirklich erreichen. :-/

17:57 Schöne Scheisse. Uns gehen gerade die Schnittbilder aus. Bei der Szene im Museum haben Kamera und ich irgendwie geschlampt. Er hat teilweise unscharf und uninspiriert gedreht. Und ich hab mir nicht genug Bilder ausgedacht. Jetzt stehen wir vor dem klassischen Dilemma: Wie kriegen wir die Löcher gestopft?

Besonders ärgerlich ist, dass wir die 5000 Jahre alte Bernsteinfigur nicht ordentlich abgefilmt habe. ARGH. Mal sehen, vielleicht kann man das über ein Foto davon lösen… Gleich mal Boy Jöns anrufen.

18:15 Renate stöhnt leise. Gut, ich kenne das. Cutter stöhnen fast immer über die Bilder, die sie bekommen. Und schimpfen auf den Kameramann. Ich glaub es ist gleich mal Zeit für ne Zigarettenpause. Dummerweise raucht keiner von uns. Die Bilder sind aber auch eher suboptimal gerade. Zum Glück kommen die Guten noch…

18:27 Ich merke gerade wieder, dass es nicht wirklich funktioniert, bei einer Reportage einfach “laufen zu lassen”. So fehlen einige elementare Bilder, wie z.B. Close-Einstellungen. Auf der anderen Seite bemühe ich mich immer, so wenig wie möglich zu inszenzieren. Aber für einen guten Schnitt ist das leider fast unabdingbar.

18:43 Zeit für Nervennahrung. Damit kriegt man fast jeden Cutter wieder auf gute Laune. Und das ist WICHTIG!

 

Schokolade - Cutter's Delight

So, wird Zeit für Schokolade - Cutter's Delight

18:47 F***. Wir sind JETZT schon bei 9 Minuten, obwohl der Winter-Teil eigentlich nur 8-9 Minuten werden soll. Und wir haben noch einige O-Töne auf der Timeline, die verwurstet werden wollen. Wir beraten uns gerade, was wir von dem Geschnittenen rausschmeissen. “Kill your Darlings” ist auch so ne Cutter-Weisheit, die man immer zu hören bekommt. Und die stimmt.

18:54 Quote of the day: “Jetzt werd ich nicht nur unglücklich, sondern auch noch fett.” Merke: Bei Cutterinnen vorsichtig mit der Schokolade sein.

18:57 Puh. Wir haben die nachgedrehte Begrüßung von Oma Jöns gefunden. Renate ist wieder glücklich. Ich kann die Schoki wegstecken. Werden wir sicher nochmal brauchen…

19:17 Positiv: Wir werden auf jeden Fall heute unsere Winter-Etappe zu Ende schneiden. Negativ: Wir sind ca 3 Minuten zu lang. Aber rausschmeissen ist immer einfacher, als nicht hinterher kommen. Das kenn ich auch. Vor allem von festangestellten Cutterinnen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

19:32 Suchen krampfhaft nach Bildern für den Übergang von Oma Jöns zum Biekefeuer am Strand. Das Gedrehte taugt nicht:

 

Wegen solcher Bilder hat Renate schlechte Laune. Ich auch.

Wegen solcher Bilder hat Renate schlechte Laune. Ich auch.

Und dann macht noch eine Dame im Hinterhof Gesangsübungen. Wie erhebend. Renate: “Hat ihr denn noch keiner gesagt, dass das nichts bringt?”.

19:42 Wir sind jetzt bei geschnittenen 13 Minuten. Aber bevor wir uns jetzt quälen, wollen wir lieber morgen früh mit einem frischen Blick ganze Blöcke rauszuschmeissen. Das ist immer einfacher, wenn man etwas Abstand hat. Für heute also erstmal Schicht. Vielen Dank fürs Lesen und Stay tuned!

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Aug 15 2011

Mein erster 30-Minüter

Fernseh-Reportagen und Dokumentationen werden im Allgemeinen als Königsdiziplin angesehen. Jeder Fernsehmacher träumt davon, irgendwann mal Langstücke machen zu dürfen. Auch wenn es viel Arbeit, Nervkram und Durchhaltevermögen braucht – seinen Namen unter einen 30-, 45- oder 60-Minüter zu sehen, ist etwas ganz Besonderes. Vielleicht vergleichbar mit dem Veröfentlichen eines Buches. Ich bin in diesem Moment dabei, meinen ersten eigenen 30-Minüter zu schneiden (keine Co-Autorenschaft wie sonst) und werde hier die nächsten 5 Tage live davon berichten.

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Das Thema

Hauptdarsteller des Films ist Boy Jöns, ein echtes nordfriesisches Original. Er ist Inhaber zweier Bernsteinschmuckläden in St. Peter Ording und betreibt in der Hauptfiliale nebenbei noch das Nordsee-Bernsteinmuseum.

 

Boy Jöns in seiner Werkstatt

Boy Jöns in seiner Werkstatt

Außerdem ist er Bürgervorsteher des Ortes, also quasi der “Gruß-Onkel” des Dorfes. Wenn es eine Rede zu halten gibt oder Honorationen begrüßt werden müssen, ist Boy Jöns gefragt. Außerdem ist er ein echter friesischer Schnacker und Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Eine echter Macher also.

Das Ziel

Ein 30-Minuten-Porträt für den täglichen 18:15-Reportage-Sendeplatz des NDR. Der NDR Kiel wollte, dass wir ihn übers Jahr begleiten und so auch zeigen, wie sich St. Peter Ording in dieser Zeit verändert. Außerdem soll Boy Jöns in seinem Alltag gezeigt werden, seine Familie, sein Beruf, sein Ehrenamt und wie er das Jahr verbringt.

Der Zeitplan

Ich habe Jöns seit Februar drei Mal getroffen, an insgesamt vier Drehtagen habe ich ihn mit der Kamera begleitet. Die Vorbereitungen begannen schon im Sommer 2010, als ich Boy Jöns im Urlaub kennenlernte und ihn spontan fragte, ob er sich eine Reportag über ihn vorstellen könne.

Das Stück soll Anfang nächsten Jahres ausgestrahlt werden. Ab heute (Montag, 15.8.2011) schneide ich insgesamt fünf Tage mit meiner Cutterin Renate. Die erste Abnahme durch die Produktionsfirma Elbmotion Pictures (EMP) soll am Mittwoch um 17 Uhr sein.

Am Donnerstag oder Freitag kommt der Redakteur aus Kiel zur Abnahme, danach ist noch Luft für den Umschnitt. Anschließend wird das Stück in der Endfertigung von einem professionellen Sprecher vertont.

Der Liveblog

Gerade kam mir die Idee, die Entstehung des Film als eine Art Werkstattbericht 2.0 zu livebloggen. Da mindestens drei Follower die Idee gut fanden, werde ich also in regelmäßigen Abständen das Fortschreiten der Arbeit und unsere Stimmung hier festhalten. Über RTs, Kommentare, Feedback und Aufmunterungen freue ich mich sehr. :-)

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Aug 8 2011

Interview bei Trackback (Fritz/RBB)

Zu meinem “Reisst euch endlich zusammen“-Aufruf von letzter Woche habe ich am Samstag der Fritz-Sendung Trackback ein kurzes Interview gegeben.

Die Sendung gibt es hier mit Playlist oder hier als Download. Mein Interview startet bei Minute 40:00.

Nach der Schalte meinte Moderator Marcus zu mir, ich hätte die höchste Wortdichte/Minute-Rate des Jahres gehabt. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist und hab mich daher nicht getraut, nochmal reinzuhören, um mein fragiles Selbstbild nicht zu gefährden. Ich hoffe, ihr versteht, was ich der Welt mitteilen wollte.

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Aug 5 2011

Facebook-Privacy: Trotz Deaktivierung werden Aktivitäten im Stream angezeigt

Wer auf Facebook unterwegs ist, wird für seine Freunde zum gläsernen Nutzer. Fast alle Aktivitäten wie neue Bekanntschaften, Veranstaltungen oder abgegebene Kommentare werden im Stream von Freunden angezeigt. Eigentlich soll man dies ausschalten können. Kann man auch. Aber nur auf seiner Pinnwand. Typisch Facebook-Logik.

Eigentlich hatte n-tv Netzreporter Moritz Wedel alles richtig gemacht. In seinen Pinnwand-Optionen hatte er angegeben, dass neue Kommentare und neue Freundschaften NICHT in den Streams seiner Freunde angezeigt werden sollen.

Die Funktion findet sich gut versteckt unten rechts am Ende der Pinnwand:

 

Facebook-Pinnwand Optionen
Gut versteckt unten rechts auf der Pinnwand ist das Menü “Optionen bearbeiten”

Dort kann man sehen, welche Aktivitäten versteckt wurden. Das sieht bei mir so aus:

 

Diese Aktivitäten sollen meinen Freunden eigentlich nicht angezeigt werden

Diese Aktivitäten sollen meinen Freunden eigentlich nicht angezeigt werden

Aktivitäten verstecken kann man, in dem man in seinem Profil rechts auf das Kreuz neben der Aktivät klickt und diese verbergen lässt.

Im Chat mit Moritz kamen wir auf seine neue Bekanntschaften zu sprechen, woraufhin Moritz sich wunderte, dass ich diese sehen konnte. Denn eigentlich hatte er die Aktivität (s.o.) ausgeschaltet. Trotzdem wurden seine neuen Freunde in meinem Stream angezeigt:

 

Trotz abgeschalteter Benachrichtung: Moritz neue Freundschaften werden in meinen Stream angezeigt

Trotz abgeschalteter Benachrichtung: Moritz' neue Freundschaften werden in meinen Stream angezeigt

Das Kuriose: Auf seiner Pinnwand ist hingegen NICHT zu sehen, dass er neue Freunde hat:

 

Auf Moritz' Pinnwand: Keine Spur von neuen Freundschaften
Auf Moritz’ Pinnwand: Keine Spur von neuen Freundschaften

Heißt im Klartext: Man kann zwar auf seiner Pinnwand ausschalten, dass Aktivitäten wie neue Freundschaften, abgegebene Kommentare oder neue Veranstaltungsteilnahmen nicht angezeigt werden. Im Stream der Freunde tauchen sie scheinbar trotzdem auf.

Bravo Facebook! Die Logik “Pinnwand-Eintrag ist ungleich Stream” kannst auch nur Du entwickeln.

HINWEIS: Ich hab diesen “Bug” jetzt nur mit Moritz’ Profil und nur bei “neuen Freundschaften” nachprüfen können. Aber es würde mich überraschen, wenn das anders anders wäre. Vielleicht kann das noch jemand anders irgendwo reproduzieren und hier posten? Danke!

Interessant? Sag es weiter! Facebook ist aus Datenschutzgründen vorerst nicht mehr verfügbar.

Aug 4 2011

Reißt euch endlich zusammen!

Der digitale Graben will sich einfach nicht schließen. Seit Jahr und Tag bekriegen sich Netzaktivisten, Politiker und Wirtschaftsvertreter mit virtuellen Sprachgeschützen. Die einen weil sie die Freiheit im Netz als bedrohte Chance sehen, die anderen weil ein unreguliertes Web Sinnbild für Anarchie und Chaos ist. Doch anstatt auf die Sturköpfe in Politik und Wirtschaft zuzugehen, überschüttet die digitale Bohemia sie mit Hohn und Spott. Lustig zwar, aber kontraproduktiv. Es wird Zeit, sich endlich zusammen zu reissen.

Es war wieder einer dieser Tage. Das Oslo-Attentat war noch nicht mal ansatzweise verarbeitet, da meinte Hans-Peter Uhl, innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschlandfunk: „Diese schreckliche Tat von Oslo wurde ja nur scheinbar von einem Einzeltäter begangen. Jetzt wird immer mehr bekannt über seine Internet-Kontakte. In Wahrheit wurde diese Tat im Internet geboren.“

 

Photocollage Uhl und Alarmknop

Hihi, ein blöder Politiker. Lustig. Aber irgendwie auch Lame.

Was folgte war beinahe absehbar: Aus der Äußerung wurde innerhalb kürzester Zeit ein Mem, es wurde geshitstormt, gebloggt, gerantet was das Zeug hielt.

Der Effekt: Eine kleine Äußerung eines Politikers aus der zweiten Reihe erhielt mehr Aufmerksamkeit, als ihr eigentlich zustand. Die Debatte um Freiheit und Kontrolle im Netz war damit keinen Millimeter voran gekommen. Stattdessen wieder einmal die Fronten verhärtet: Hier die Internet-Versteher, dort die Internet-Regulierer. Lame.

Rituelles Ranten

Die unüberlegte Uhl-Äußerung ist nur das EIN Beispiel dafür, was schief läuft in der Debatte. Der Netzprotest hat sich längst ritualisiert: Ein Politiker sagt etwas internetahnungsloses im Fernsehen, fordert etwas netzfeindliches in der Zeitung oder bringt einen bedingungslos dämlichen Vorschlag zur Überwachung unserer Computer im Bundestag.

Anstatt den Ahnungslosen beiseite zu nehmen und ihm in Ruhe zu erklären, warum sein toller Vorschlag geistiger Dünnpfiff ist, beginnt der öffentliche Spott der Netzaktivisten.

Dabei wird häufig übersehen, dass ein Verspotteter selten eingeräumt hat, dass er im Unrecht ist. Im Gegenteil: Er sieht sich in seinen hohlköpfigen Argumenten bestätigt („Im Internet wohnen nur Terroristen, die auf Randale aus sind.“ / „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum“ / etc ) und macht erst Recht weiter. Ein Teufelskreis.

„Die Medien sind schuld!“ „Nein – aber auch.“

Man muss diesen elendigen Zustand auch den Nachrichten-Redaktionen ankreiden, die sich mit wohligem Grunzen auf jede blödsinnige Forderung und Killerspiel-Anschuldigung stürzen, die in irgendeinem Berliner Flur in die Hauptstadtstudio-Mikrofone gefurzt wird. Man muss nicht jede unüberlegte Forderung eines Hinterbänklers gleich mit einem Artikel veredeln, nur weil es sich so schön schmissig anhört.

Man muss diese Artikel aber auch nicht mit dem immer gleichen „Oh, wie dämlich ist das denn?!“  versehen und über die Kanäle pusten. Man kann, man darf, man muss sowas vielleicht einfach ignorieren. Sonst wird aus einer blöden Idee in irgendeinem Blog eine blöde Idee in den Medien eine blöde Idee im Bundestag.

Ein kurzes Seufzen sei erlaubt. Aber dann sollte man sich wieder an das Positionspapier oder den Blogpost setzen, die jenem beschränktem Hinterbänkler in seiner verkorksten Sprache erklären, warum er aus einem vergangenen Jahrhundert stammt. Das ist das Einzige, was wirklich hilft: Ausdauerndes Bohren von Holzköpfen, beratungsresistente Systeme knacken, schnarchlangweilige Sitzungspapiere studieren und übersetzen, Hinterzimmergespräche bis der Magen vor lauter Kaffee und Keksen rebelliert.

Gewöhnen wir uns dran!

Die Politik hat lange Zyklen, merkwürdige Rituale. Gewöhnen wir uns endlich daran. Wir werden dieses politische System mit all seinen Gremien, Konferenzen und Papieren nicht innerhalb von wenigen Jahren ändern, egal wieviel wir spotten, ranten, schimpfn und Blinkebanner bauen.

Der Shitstorm ist der einfache Weg. Das Mem das billigste Argument. Der Rant das unüberlegteste Positionspapier. Doch alle sind weder nachhaltig noch wirksam. Sie sind – zugegeben – lustig, unterhaltsam und haben kulturwissenschafltich betrachtet ihren Sinn. Sie tragen zur Gruppenbildung und zum Zusammenhalt bei, sie fungieren als Code, der die Gruppe erst konstituiert und aufrecht erhält. Nur wer den Code entschlüsseln kann gehört dazu. Doch die Meme wechseln mittlerweile so schnell, dass ein Tag reicht, um nicht mehr im Bilde zu sein. Worum ging es nochmal bei „modegeworden“? Achso…

Der digitale Stammtisch liebt es, auf „die Großen da oben“ zu schimpfen, sich auf Twitter zotige Anekdoten über ihre Unfähigkeit zu erzählen und unterscheidet sich darin in gar nichts mehr von den ungeliebten Runden in deutschen Vorstadtkneipen. Man sucht sich als Angriffsstelle stets das schwächste Glied; den, der am wenisten weiss und am meisten glaubt, die Lösung zu kennen. „Er hat ‚kein rechtsfeier Raum gesagt! Auf ihn mit Gebrüll!“ Dass es auch durchaus vernünftige Gespräche mit Politikern geben kann, scheinen nur die Wenigsten zu wissen. Oder wissen zu wollen.

Blasengehabe einer peudo-elitären Truppe

Wenn Meme und Shitstorm zum Selbstzweck werden, sind sie jedoch nichts weiter als selbstreferentielles Blasengehabe einer pseudo-elitären Truppe. So werden Gräben nur noch tiefer gemacht, anstatt sie durch vermitteln und erklären endlich ein Stück weit zuzuschütten.

Warum es soviel Spaß macht sich derart lustvoll bekriegen liegt auf der Hand. Hinter der Auseinandersetzung liegen in sich geschlossene Wissen-, Denk- und Glaubenssysteme, die für ähnliche Probleme grundverschiedene Lösungsansätze bieten. „Diskurse“ nannte der Soziologe Pierre Michel Foucault diese Systeme, die in Gesellschaften herrschen und unterdrückt werden und widmete ihrer Analyse einen Großteil seines wissenschaftlichen Lebens. Wer einem Diskurs anhängt, so Foucault, hat immer Recht. Glaubt er. Die anderen haben dagegen Unrecht und müssen bekämpft werden. Denn in Diskursen geht es immer um Macht.

Foucault war der festen Überzeugung: Erst wenn wir verstehen, in welchen Kategorien wir denken und handeln, an was wir warum glauben, können wir diese auch überwinden. In diesem Konflikt heisst das: Erst wenn wir verstehen, warum viele Altvordere das Internet als Bedrohung betrachten und diese Sichtweise wirklich nachvollziehen, kann es uns zum Dialog kommen. Nur wer sich ernst genommen fühlt, ist auch bereit Kompromisse einzugehen. Nur wer verstanden hat, ist für vernünftige Lösungen offen.

Ein Forderungskatalog

Verschwendet eure Zeit nicht weiter mit Pöbeln! Es ist kontraproduktiv, pubertär und kostet Zeit und Energien, die woanders gebraucht werden.

Bündelt eure Energien! Bildet Banden! Teilt auf, wer welchen Politiker virtuell stalken soll, wer welche Positionspapiere auseinander frickelt, wer wo bei einem Kongress auftaucht! Tauscht euch aus. Beratet euch. Schmiedet Pläne.

Lasst Gags nicht zum Lebenssinn werden! Ein Lacher zwischendurch ist in Ordnung. Doch wer verspottet statt ernst zu nehmen, wird ewig gegängelt statt irgendwann in Ruhe gelassen.

Seid nachhaltig! Bleibt an den Themen länger dran als nur drei Tage! Verfolgt die Entwicklung, schaut in die Terminpläne, checkt die Agenda! Politik hat einen anderen, sehr langsamen Rhythmus, der dem schnellen Internet diametral entgegen steht – passt euch an!

Erklärt ihnen „Das Internet“. Wieder und wieder. Bis ihre Ohren bluten und eure Zungen lahm sind. Zeigt es ihnen, schreibt es auf, bloggt es und lasst sie ausprobieren. Macht euch nicht zum Kasper, sondern zum Lehrer. Oder um es mit den Worten von Markus Hündgen zu sagen: „Man muss den Leuten nicht den Hintern abputzen, aber man muss ihnen schon zeigen, wo das Klo ist.“

Es ist ein harter Weg. Aber es ist der einzig denkbare.

Dies ist die unredigierte Fassung meines Hyperland-Artikels “Reisst euch endlich zusammen!”

Nachtrag: Dieser Artikel wäre ohne die Inspiration und den Einfluss von Markus “@videopunk” Hündgen nicht entstanden. Beachten Sie auch bitte seinen kurzen Beitrag dazu: “Die Sache mit dem Glaubenskrieg”

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Jul 30 2011

Mein SocialMedia-Mix
– wie ich Facebook, Twitter und GooglePlus nutze

Seit ein paar Wochen haben wir also nicht nur Facebook und Twitter als digitale Spielzimmer, sondern auch noch GooglePlus. Da man die anderen kleinen Spielwiesen getrost vernachlässigen kann, konzentriert sich das digitale Leben auf diese drei Player. Doch welches Netzwerk wie nutzen? Hier meine vorläufige Lösung.

Facebook – Meine digitale Lounge-Area

Meine 460 Facebook-Kontakte kenne ich fast alle persönlich oder ich habe (bis auf ganz wenige Ausnahmen) wenigstens schon mal ein paar mehr Worte über die üblichen Kanäle mit Ihnen ausgetauscht.

Inhaltlich dümpelt Facebook daher sehr an der Oberfläche. Die meisten meiner Kontakte posten persönliches Zeug oder Dinge, die sie mögen, um inhaltliche Auseinandersetzungen geht es fast nie.

 

Meine Facebook-Seite

Meine Facebook-Seite: Unwichtiges mit Niveau

Aber genau deswegen erfüllt Facebook sehr gut seinen Zweck mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die ich nicht unbedingt jeden Tag sehe. Manche lerne ich so erst richtig gut kennen – mit positiven und negativen Resultaten.

Meinen Facebook-Kanal füttere ich daher auch mit Nichtigkeiten und Small-Talk-Themen. Beschwerden über’s Wetter, schöne Musik, lustige Begebenheiten und Links, ab und zu mal einen interessanten Artikel, den ich lesenswert fand. Harmlos, amüsant, unterhaltsam.

Dabei halte ich mich an die goldene Regel: Nicht mehr als 5 Posts pro Tag. Sonst droht der Overkill und die Spam-Keule wird geschwungen. Facebook – ein guter Platz zum Entspannen und Abhängen.

Ich bei Facebook: facebook.com/doktordab

Twitter – mein persönlicher Newsroom

“Entspannen und Abhängen” kann ich auf Twitter dagegen nicht. Hier rauscht das digitale Leben nur so an mir vorbei. Ich folge hier 626 Twitterern, die fast alle viel bis sehr viel zwitschern.

Ausgewählt habe ich sie nach dem Content, die sie posten, nicht nach persönlichem Kennen. Hier zählen für mich vor allem interessante Links zu den Themen, die mich interessieren sowie Kommentare dazu oder Einschätzungen zur Welt- und politischen Lage.

Twitter ist so für mich zu meinem persönlichen Newsroom geworden, aus dem ich für mich relevante Inhalte ziehe und in den ich für mich relevanten Inhalt wieder einspeise. Finde ich einen Link interessant, einen Artikel lesenwert poste ich ihn bei Twitter.

 

Mein Twitter-Stream

Mein Twitter-Stream: Links und Meinungen

Der Dienst packrati hebt die Links dann auf den Bookmarking-Dienst delicious, wo sie noch einmal gespeichert und vor allem durchsuchbar werden. So kann ich noch Monate später einen Artikel wiederfinden, in dem es z.B. um “Anonymous” und “LulzSec” geht.

Da ich berufsbedingt viel lese und teilweise über Twitter auch mit anderen Interessierten diskutiere, können da am Tag schon mal +50 Tweets bei rumkommen.

Trotzdem heisst das nicht, dass Twitter für mich völlig anonym ist. Über die letzten drei Jahre habe ich dort einige interessante und sympathischen Menschen kennengelernt, mit denen ich mich heute freundschaftlich verbunden fühle.

Trotzdem bleibt Twitter – auch durch die Zeichenbegrenzung – für mich der ideale Dienst um schnelle und kompakte Meldungen zu erhalten oder zu versenden. Nichts im Netz ist derzeit schneller als Twitter. Aber dadurch mitunter auch enorm anstrengend.

Ich bei Twitter: @doktordab

GooglePlus – der Debattierclub für Strebernerds

Ich hab lange nicht gewusst, was ich mit G+ anfangen soll. Irgendwie ist das Netzwerk aufgrund der Circle-Logik wie Twitter, aber auch irgendwie wie Facebook. Also was tun? Welchen Content posten? Den irrelevanten von Facebook? Oder den inhaltlich spannenden von Twitter?

Durch Lernen und Beobachten bin ich zu dem Schluss gekommen: Weder das eine, noch das andere. Wer Links von mir haben will, sollte zu Twitter gehen. Wer mich belangloses quatschen hören möchte zu Facebook.

GooglePlus entwickelt sich in meinen Augen in eine ganze andere Richtung: Die internationale Geekschaft trifft sich dort wie in einem altenglischen Gentleman’s Club und redettippt sich die Köpfe (bzw. Finger) heiss.

 

Mein GooglePlus-Stream

GooglePlus: Gentlemen's und -women's Debattierclub

Das liegt an zwei Dingen: Zum einen hat G+ keine Zeichenbegrenzung, weder für Posts, noch für Kommentare. Jeder kann so lange seinen Senf ablassen und Dampf dazugeben wie er mag. Das führt dazu, dass Leute wie Markus “Videopunk” Hündgen schon laut darüber nachdenken das Bloggen einzustellen, weil das Zentralisierte ja eh mehr Sinn macht.

Teilweise muss ich ihm Recht geben. Statt sich die Meinungen zum aktuellen netzpolitischen Thema auf netzpolitik.org, beim RA Stadler und beim AK Zensur zusammen zu suchen ist bei GooglePlus alles zusammen geführt, weil dort kommentiert wird als ob es kein Morgen gäbe.

Auf der anderen Seite hat das den Effekt, dass G+ fast nicht mehr konsumierbar ist. Das liegt vor allem daran, dass das Design nicht die Kommentare standardmäßig einfach einklappt, sondern die ersten 20 Posts (oder so) anzeigt. Ein halbe Stunde GooglePlus kann dann schon mal drei Bildschirme lang sein. Scroll-Terror vom Feinsten.

Auch hab ich nicht immer Lust mir die ellenlangen Ausführungen durchzulesen. In diesen Momenten vermisse ich Twitter, wo die User gezwungen werden, die Quintessenz ihres Denkes zu formulieren. Nicht immer leicht, hilft aber oft beim eigenen Argumentieren.

Trotzdem wird sich G+ auf die Dauer etablieren. Da bin ich fest von überzeugt. Ob es das Bloggen ablöst? Ich hoffe nicht.

Ich bei G+: www.gplus.to/doktordab

Ausblick

Meine Ausarbeitung zeigt: Noch erfüllen die unterschiedlichen Dienste unterschiedliche Aufgaben. Zuweilen ist das lästig: So muss ich nicht nur einen Twitterclient laufen haben, sondern auch bei Facebook und GooglePlus angemeldet sein, wenn ich die volle Dröhnung haben möchte.

Zusammen mit FeedReader und den üblichen Internetseiten, die offen bleiben “müssen” ergibt sich ein ganz schöner Information-Overload. Allein das Hin- und Herschalten frisst Zeit und Nerven.

Das wird sicher nicht ewig so bleiben. Die Anbieter werden versuchen ihren Dienst so attraktiv zu machen, dass man dort sich sowohl informiert, als auch abhängt oder unterhalten lässt. Das wird für mich irgendwann problematisch, wenn nicht mehr klar zu trennen ist, was ich wo machen kann oder möchte.

Die Unternehmen wünschen sich indes nichts mehr, als die User nur an sich zu binden und die Konkurrenz im eigenen Stream ersticken zu lassen. Ob das so gut ist, wenn EIN Dienst marktführend ist, ist eine andere, aber leicht zu beantwortende Frage. Ob es überhaupt dazu kommen wird? Ich glaube vorerst nicht.

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Jul 24 2011

Wie BILD am SONNTAG aus Fehlern Profit schlägt

Ein Gastbeitrag von Tina Schober

Vor vier Wochen wurde die siebenjährige Mary-Jane aus Thüringen ermordet. Der Fall hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. In ihrer aktuellen Ausgabe widmet die BILD am SONNTAG (BamS) dem kleinen Mädchen fast eine halbe Seite mit Foto und titelt:

„Mary-Janes Mutter möchte, dass ihre Tochter so in Erinnerung bleibt.“

So macht die BamS aus Fehler Profit

So schlägt die BamS aus Fehler Profit

Die BamS berichtet, dass der Täter gefasst wurde und den Mord gestanden hat. Und drückt dann auf die Tränendrüse.

„Den Schmerz der Mutter kann das Geständnis jedoch nicht lindern. Mary-Janes Mutter hat nun BILD am SONNTAG ein bisher unveröffentlichtes Foto zur Verfügung gestellt.“

Und BamS erklärt das so:

„Die trauernde Alleinerziehende sagt: ‚Ich möchte, dass meine Tochter so in Erinnerung behalten wird.‘“

Das liest sich herzzerreißend und ist aus Sicht der trauernden Mutter wohl auch nachvollziehbar. Doch es scheint schwer vorstellbar, dass Mary-Janes Mutter zum Telefonhörer gegriffen, die BamS-Reporter angerufen und ihnen diese Foto einfach so angeboten haben könnte. Wieso hat die Mutter der Zeitung also das Bild exklusiv „zur Verfügung gestellt“?

Die Erklärung liefert der weitere Text. Die BamS berichtet, dass sie das Schicksal von Mary-Jane bereits von Anfang an begleitet habe – und dann heißt es plötzlich:

„In einem Bericht unserer Zeitung wurde dabei ein Foto gedruckt, das nicht Mary-Jane zeigte. Die Redaktion bedauert die Verwechslung und entschuldigte sich bei Mary-Janes Mutter und den Eltern des abgebildeten Kindes für den schweren Fehler.“

Die Redaktion entschuldigt sich also für ein falsch abgedrucktes Foto – und belohnt sich mit einem Exklusiv-Bild.

Und es geht direkt weiter mit der BamS-Selbstkritik:

„Auch berichtete BILD am SONNTAG, Mary-Jane wollte nicht mit ihrer Mutter wie geplant nach Berlin umziehen. Das war nicht zutreffend. ‚In Wahrheit hat sich Mary-Jane sehr auf den Umzug gefreut‘, sagt ihre Mutter.“

Das falsche Foto und die falsche Aussage zum Berlin-Umzug – eine Blamage für die BamS.

Die Zeitung hat sich mit den Betroffenen wohl auf eine öffentliche Entschuldigung geeinigt . Das ist legitim. Für die BamS ist das wahrscheinlich sogar schmerzhafter als eine Gegendarstellung.

Aber fragwürdig ist es trotzdem, denn Profiteur ist ganz klar die BamS, schließlich druckt sie neben den entschuldigenden Worten eben auch ein „bisher unveröffentlichtes Foto“.

Und nächste Woche? Gibt es dann die BamS-Exklusiv-Geschichte über das Kind, das fälschlicherweise als Mordopfer abgedruckt wurde? Zuzutrauen wäre es ihnen ja..

Tina Schober ist freie Journalistin und arbeitet wie ich unter anderem für das Medienmagazin ZAPP (NDR).

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