In einer der nächsten Folgen “Klub Konkret” geht es um “Tauschen & Leihen vs Besitzen. Der Blogpost hat meine Freundin Annika Thum dazu gebracht, mal über ihre Verhältnis zu Besitz zu reflektieren. Als “Zonenkind” wuchs sie mit einem komplett anderen Verhältnis zu Konsum auf als ich. Ihre Geschichte:
In der DDR war Besitz nicht wichtig. Einmal im Jahr haben wir unser Lieblingsspielzeug mit in die Schule genommen. Dann haben wir es abgeben müssen und wir haben große Päckchen gepackt für Nicaragua oder irgendwo anders hin, wo es eben gar nichts gab. Denn wir hatten ja so viel. Und wir sollten lernen:
Besitz hat keine Bedeutung.
Wenn wir etwas brauchten, haben wir es im Garten angebaut, mit Fruchtfolgekalender. Wir wurden auf den 3. Weltkrieg vorbereitet und wussten Besitz ist nichts. Frieden ist alles. Mein Vater hat mir immer wieder erklärt, wie wichtig es sei, alles selbst zu herstellen zu können, zu bauen, selbst zu schaffen, zu teilen, zu tauschen und auch wieder abzugeben. Zement gießen, Metalllöcher aus Fieberglas flicken, mit Nachbarn alles tauschen.
Besitz war Mittel zum Zweck und das Meiste war vergänglich. Ich träumte davon, dass wenn ich groß bin, dass alle Menschen der Erde mindestens ein Spielzeug hatten. Ich hatte im Kindergarten gelernt, wenn ich groß sei, bräuchten wir kein Geld mehr. Man ginge dann in den Laden und nehme mit was man bräuchte. Wir waren alle so verdammt gute Menschen und reich. Dachte ich. Und vielleicht stimmte es auch, es war nur anders. Besitz für alle.
Tauschleben schafft Gemeinschaftsleben.
Mit den Nachbarjungen zusammen in deren Badewanne gehen müssen, es wurde getauscht bis ins Privatleben. Unter der Hand, unter dem Ladentisch aber auch. Wir hatten alles und nichts und für uns Kinder hatte es keine Bedeutung. Das System förderte das und verkaufte es ideologisch. Das dahinter ein Wenig stand, war mir nicht bewusst.
Bucheckern und Kastanien im Winter Kiloweise für die Tiere im Wald sammeln, im Herbst Kartoffelnachlese nach den Maschinen, regelmäßiges Altstoffsammeln. Ich habe auf der Straße alte Schrauben und Nägel gesammelt, habe gelernt das Gewinde neu zu schneiden, es neu zu lackieren und es wieder zu benutzen bzw. es zu verschenken.
In der 3. Klasse lernte ich Punktschweißen. Ich war in der AG Junge Instandhalter, kommt von instandhalten. Wir erneuerten Metallgegenstände. Besitz musste langlebig sein und teilbar. Alles gab es einmal. Das bedeutete in der damaligen Logik, es war genug da.
Irgendwann habe ich gelernt, dass viel Haben viel Sein bedeutet. Das war nach der Wende. Ich habe es erst nicht verstanden. Ich habe es mir angeschaut und habe weiterhin Dinge neu verwendet, repariert, oder getauscht, verschenkt. Es ist einfach aus dem Besitz heraus, sich frei für Nichtbesitz zu entscheiden. Es ist einfach aus dem Nichtbesitz heraus Besitz wieder abzugeben.
Mein Studium war ein reines Tauschleben.
Ich hatte gar keinen eigenen Besitz. Obwohl ich mir erste Dinge kaufte, habe ich sie schnell wieder weitergegeben. Besitz war mir suspekt. Nur Bücher, davon habe ich immer geträumt. Ich habe jede mögliche Minute in der Bibliothek gesessen, bin durch die Regale gewandert, habe den Besitz an Wissen bewundert.
Es ist aus heutiger Sicht amüsant. Denn es war ja alles Geld da, aber ich hatte es nicht gelernt, diesen Konsum. Dieses Haben. Ich habe diese Wichtigkeit damals nicht verstehen gelernt. Also habe ich nichts gekauft von meinem Geld. Es vermehrte sich alleine auf der Bank. Ich wurde irgendwie reich, Besitz!
Und dann Mitte Zwanzig habe ich mir einfach ein Auto gekauft, ein neues, wenn schon, denn schon. Und habe aus meiner Sicht so in Geld geschwommen, dass ich ausprobieren wollte, wie Besitz ist. Es hatte mich gepackt. Wie war es Besitz zu haben? Viel Besitz? Einfach so Besitz vermehren?
Ich habe gekauft. Ohne Orientierung, nur des Effektes willen. Ich habe es geübt. Geschmack will gelernt sein, also musste ich im Schnelldiskurs vom einfachen Second-Hand-Laden bis hin ins LeGrandeMarché in Paris. Sich theoretisch mit Dingen beschäftigen oder sie ertauschen ist schön. ABER:
Besitz macht glücklich. Kurzzeitig.
Ich habe es wieder aufgegeben. Ich habe versucht ohne Konsum zu leben. Weder Besitz noch Tausch. Einfach mit wenig. Und dennoch zurecht kommen. Ein Modell, dass ich nach 2 Jahren wieder verworfen habe. Man befindet sich außerhalb der Gesellschaft. Willkommen.
Inzwischen habe ich durch die ganzen Experimente mit Haben soviel Besitz, dass ich den Überblick verloren habe. Seit 4 Jahren sortiere ich aus. Und es ist dennoch zu viel. Immer noch. Also geht es weiter, mehr verschenken, mehr verkaufen und eben auch wegwerfen. Besitz braucht Platz. Besitz benötigt Systeme, sonst endet man im Chaos.
Eigentlich braucht man nur wenig.
Aber was ist das? So wenig, wie in meiner Kindheit? So wenig wie in manchen Armutsändern? So wenig, wie in manchen Millionärsfamilien? Wenig ist relativ. So wie reich. So wie Schön. Weniges, Schönes, gerne auch mal Wertvolles.
Ich kaufe jetzt mein Iphone5 und versuche immerhin meine anderen vielen Handys loszuwerden. Mein kleiner Fortschritt, der sich dann doch wieder als solcher ausschließt. Denn neben dem Besitzen und Tauschen bleibt einfach auch die Geilheit an Dingen Spaß zu haben. Es ist der kurze Moment, in dem man frei ist oder glaubt zu sein. Frei sein, z.B. welchen Nagellack ich aus den 100 verschiedenen Farben auswählen soll. Jede/r hat da so seinen Schwerpunkt.
Ein endloses Thema.
Aber ich glaube, ich habe es inzwischen gelernt bzw. verstanden und finde shoppen phasenweise geil. Dann widerum verstehe ich es nicht, wie früher.
Immerhin. Gesellschaftlich wird in unserer Generation etwas weniger konsumiert, bewusster, hoffen wir es jedenfalls.
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