Deutschlands digitale Bildung ist akut versetzungsgefährdet

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Der Kommentar erschien zuerst in der Hamburger Morgenpost als „Standpunkt“

Wenn ich heute in die  Lüneburger Grundschulklasse meiner neunjährigen Tochter gehe, habe ich ein Déjà-vu: grüne Tafel, bunte Kreide, die Wände voller Basteleien, von denen alle Eltern hoffen, dass sie sie nicht mit nach Hause nehmen müssen. Unterschied zu meiner Grundschulzeit vor 30 Jahren: Keiner.

Das wäre alles nicht weiter schlimm, wenn wir nicht das Jahr 2018 hätten. Und der Merkel-Satz vom Internet als „Neuland“ nicht schon 2013 extrem absurd gewesen wäre. Mittlerweile hat eine ganze Generation unser Schulsystem durchlaufen, für die YouTube, Snapchat, Instagram und Youporn „Bravo“ und Fernsehen ersetzt haben – aber diese Digital Natives wurden größtenteils mit Mitteln aus der Ära Overheadprojektor unterrichtet.

Das ist so, als würden wir versuchen, Fahrschüler auf Pferdedroschken im Alten Land für den Hamburger Wahnsinnsverkehr fit zu machen, weil es an Fahrlehrern fehlt, die mit diesen Autos umgehen können.

Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“

Hamburg bemüht sich zwar in Sachen digitale Bildung: Stadtweit wurden Schulen mit Smartboards ausgestattet. Aber weder ist „stets bemüht“ ein Lob, noch macht eine digitale Tafel schon einen digitalen Unterricht. Analoger Quark auf Monitoren bleibt analoger Quark.

Aber auch im Digitalen gilt der analoge Spruch „Wenn du nicht mehr weiter weißt, bilde einen Arbeitskreis. Guckst du dann dumm aus der Suppe, bilde eine Projektgruppe.“ Hamburg versucht es mit sechs digitalen Projektschulen, dem Pilotprojekt „Digitalisierung macht Schule“ an immerhin sieben Projektschulen  und lässt im Projekt „Digitale Unterrichtsbausteine“ digitale Unterrichtsbausteine entwickeln, mit denen dann digitaler Unterricht gebaut werden kann.

Wo so viele Piloten testweise ins Digitale vorfliegen sollen, wird klar: Der echte Pilot mit dem Masterplan ist noch in der Ausbildung (womöglich mit einem Overheadprojektor).

Das zeigt auch eine Studie im Auftrag der Telekom-Stiftung. Drei Jahre lang befragten die Forscher Lehrer bundesweit zu ihren digitalen Erlebnissen. Das Bundesergebnis: Es tut sich was, aber extrem langsam in 56k-Modem-Geschwindigkeit. Das Hamburger Ergebnis: Mittelfeld mit Tendenz zum Abstieg.

Die digitale Bildung hängt an Einzelnen

Noch immer hängt die Frage, ob unsere Kinder lernen, mit digitalen Medien zu lernen, am Engagement Einzelner. An engagierten Schulleiterinnen und Schulleitern, die versuchen, ein Konzept zu entwickeln und dafür Mittel zu organisieren. An engagierten Lehrerinnen und Lehrern, die ihre Freizeit opfern, um eine schulische IT-Struktur aufzubauen und zu pflegen, oder die versuchen, trotz völliger Arbeitsüberlastung ihren Unterricht raus aus der Overhead-Ära zu bringen.

An engagierten Eltern, die ihre Kinder und deren Schulfreunde nicht mit Smartphone und Tablet alleinlassen, sondern sich selber bilden, um sie dabei zu begleiten. Und wer einmal anderen Jugendlichen auf YouTube dabei zusehen musste, wie sie ein Computerspiel zocken und sich dabei filmen (bei sogenannten „Let’s Plays“), weiß, was das für ein Opfer ist.

Es fehlt an Mitteln für umfassende technische Ausstattung und es fehlt an Fachpersonal, das die Geräte dann aufbaut und in Schuss hält. Es fehlt an Lehrerfortbildungen und der Verpflichtung, die Digitalisierungs-Kurse, die es gibt, zu belegen. Es fehlt an Konzepten für digitalen Unterricht. Und nein, damit meine ich nicht eine Stunde PC-Unterricht in der Woche.

Denn nur an einem fehlt es nicht: Am Zeitdruck, dass sich hier was bewegen muss. Deutschlands Bildung ist akut versetzungsgefährdet.