Warum sich nicht jeder über #FreeDeniz freut

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Deniz Yücel ist frei – aber die Reaktionen darauf sind nicht nur Jubel sondern auch Abscheu. Denn Yücel hat nicht nur viele Unterstützer, sondern auch viele Feinde. Und das nicht nur im türkisch-nationalistischen Lager, auch deutsche Patrioten und Nationalisten wünschen ihm alles Schlechte.

Während die Türkisch-Nationalen ihn natürlich für einen Terroristen halten, verabscheuen ihn die Germanonationalen wegen zwei Geschichten. In ihren Augen hasst Yücel Deutschland, das leiten sie aus einer Polemik in der taz ab, in der er sich 2011 über den demografischen Niedergang Deutschlands freute. Nicht mein Humor, unnötig provokant, aber hey – ist halt die taz.

Ausserdem wurde die taz 2013 wegen einer Kolumne von Yücel verurteilt, in der er die Persönlichkeitsrechte von Thilo Sarrazin verletzt hatte. Ohne Zweifel war dieser Debattenstil total daneben – aber nicht nur Yücel haben sich von Sarrazin und Co damals ordentlich triggern lassen.

Für mich ist das alles nicht rühmlich, aber im Gegensatz zu Leuten aus dem entgegengesetzten politischen Spektrum sehe ich bei diesen Ausfällen kein System. Und angesichts seiner journalistischen Leistungen der letzten Jahre würde ich sagen: Absolution erteilt. Der Mann hat vermutlich für seine Arbeit mehr gelitten als alle, die sich gerade über seine Freilassung und den Jubel darüber aufregen. (Wer Belege dafür braucht: einfach in die Kommentare zu diesem Bildpost gucken.)

Keine Freude? WTF?!

Dass es überhaupt Leute gibt, die sich nicht darüber freuen, dass eine offenkundige Polit-Geisel freikommt hat mich erst hart verwirrt. Aber dann hab ich risikofreudig den Perspektivwechsel gewagt: Wie wäre meine Reaktion, wenn ein Sarrazin oder Pirinçi aus einer ähnlichen Situation kämen? Jubel? Eher nicht.

Aber ich würde auch nicht einen geballten Hass auf alles, was nicht meiner Weltsicht entspricht, in die Kommentarspalten dieser Netze kotzen. Man muss Yücel nicht mögen und darf den mediale Freudentaumel hysterisch bis befremdlich finden. Aber wer ihn zurück in den Knast wünscht zeigt doch nur, wie wenig Empathie in einem selber übrig geblieben ist.

Tee und Kekse für alle Unempathischen

Das ist aus vielen Gründen traurig – am traurigsten ist das aber für die Hasskommentatoren selber. Man möchte ihnen einen Keks, eine warme Decke und einen Tee reichen und sie eine Runde in den Arm nehmen. Aber wer keine Empathie mehr kennt, wird die Tasse an die Wand schmeißen, die Decke zerreißen und die Umarmung zu einem MMA machen. (Den Keks werden sie essen, Hass macht hungrig.)

Uns anderen bleibt wie so oft nur eins: sich nicht die Laune verderben lassen. Viele andere sitzen noch in türkischen Gefängnissen, aber Deniz Yücel ist frei. Und das ist für heute eine gute Nachricht.



  1. parker030

    ich hasse erdogan und ich hasse die afd.

    trotzdem sehe ich es als pure selbstüberschätzung und reine dummheit an, das deniz yücel erstmal jahrelang extrem provozierend über einen diktator und faschisten (erdogan) auf einem niveau schreib schreibt, das einfach nur als verächtlich, vieleicht sogar menschenverachtend bezeichnet werden kann und dann noch dieses vollkommen geisteskranke maß der selbstüberschätzung an den tag legte, dann auch noch in das land zu reisen, wo dieser benannte diktator und faschist REGIERT und dann noch zu erwarten, dass man danach wieder sicher nach hause reisen kann.

    ich finde deniz yücels aufenthalt in türkei war mehr als verdient, ein klassisches lehrestück des karmas. auf akltion erfolgt reaktion.

    ich leide mit jedem türkischen journalisten der IN TÜRKEI die türkei und die türken kritisiert. wer, wie deniz yücel, jahrelang gutes geld im sicheren deutschland, in der taz verdient hat, für diese texte auch noch gefeiert und wie ein volksheld verehrt wird, der muss ganz klar und sicher damit rechnen, dass ihm das passiert, was deniz yücel in türkei passiert ist.

    ich bin links, ich bin kurde und ich habe regelmäßig angst, wenn ich in türkei bin. vor den beamten, vor der bevölkerung. und ich habe auch beschlossen dort nicht mehr hinzureissen. wieso? weil ich nicht dumm bin. weil ich in kein faschistisches land reise, von dem ich weiss, das es mich hassen wird für meine meinung und persönliche einstellung.

    aber zum glück bin ich nicht deniz yücel.

    dem autor dieses blogs würde ich erstmal empfehlen, den mund zu diesem thema einfach nicht mehr auf zu machen und auch diese ganze, vollkommen lächerliche sympathisierung für deniz yücel sich sonstwo hinzustecken und sich mal ein wenig gegen rassismus und faschismus IN DEUTSCHLAND zu engagieren, statt sich auf irgendwelche schauplätze zu fokussieren, von denen der autor offensichtlich keinerlei ahnung oder tiefere kenntnisse besitzt und nur die allgemeine meinung wiederkäut die es so oder so tausendfach auf veschiedenen webseiten zu bewundern gibt.

  2. Richard Ehrlich

    Erst einmal – schön dass Sie so selbstkritisch und offen sind, dass Sie zugeben, dass Ihre Empathie von Ihrer politischen Einordnung des jeweiligen Menschen abhängt – toll finden Sie das wohl selbst nicht.
    Wer den Artikel in der taz, den Sie selbst anführen, liest, kann das nicht als „Humor“ bagatellisieren – daraus spricht tiefer Hass gegen seine Wahlheimat Deutschland und seine Menschen, wie auch aus anderen Einlassungen. Warum wir, die wir froh sind in D zu leben uns jetzt FREUEN sollen, dass ein solcher Hassprediger wieder on duty in D sein wird, entschliesst sich mir nicht. Mir geht das Schicksal der vielen menschlich anständigen Journalisten und Politiker in der Türkei, die von der Erdogan-Clique und ihren Schergen malträtiert werden viel mehr ans Herz, als wenn jemand wie Herr Yücel mit der gleichen „Qualität“ an Menschlichkeit und Verständnis für andere jetzt mal erfahren hat, wie es ist, wenn jemand die Macht hatte ihn so zu misshandeln – er hat auch nicht gezögert uns verbal zu misshandeln, ausnutzend die Macht, die eine Publikation der linken Extreme wie die taz ihm gab. Traf es da eher den richtigen – sollten wir uns unsere Empathie nicht für die aufsparen, die sie auch verdienen?


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