Wie vereinigt sind wir?

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28 Jahre Mauerfall, 27 Jahre Wiedervereinigung, 2 Jahre gelebte Vereinigung.

Als Wessi-Kind war der Mauerfall für mich interessant, aber hatte sonst keine große Bedeutung oder brachte gar eine Veränderung meines Lebens mit sich. Ich besuchte nun den Osten wie ich früher Süddeutschland besucht hatte: Es war Deutschland, aber irgendwie in einer anderen Version.

„Ostalgie“ – mehr als nur ein Gefühl?

Im Studium beschäftigte ich mich kurz mit „Ostalgie“ – diese Sehnsucht nach der DDR, Filme wie „Sonnenallee“ oder „Good Bye, Lenin“ waren für mich der einzige Zugang zu einem nicht mehr existenten Land. Dass dieses Land für manche seiner Bewohner verloren gegangen war und mit ihm ein Teil ihrer Identität hab ich erst verstanden, als ich begann, mein Leben mit einer Ostdeutschen zu teilen. Ihre Verzückung, wenn sie ein Produkt aus ihrer Kindheit im Laden findet, die anderen Geburtagslieder, dieses Gefühl, etwas verloren zu haben, das nie mehr wieder kommt – das kannte ich bis dahin nicht.

Richtig nachempfinden kann ich es bis heute nicht, meine Kindheit ist ja auch Vergangenheit. Aber es war ein schleichender Prozess während die DDR innerhalb eines Jahres Geschichte war. Und mit ihr Alltagsprodukte, Rituale, Verlässlichkeiten. Ja, auch Repression und Zwang. Aber wie ich gelernt habe, wurden diese sehr unterschiedlich stark wahr genommen. Und gerade die, die davon nicht viel spürten (oder spüren wollten), scheinen der DDR bis heute in einem besonderen Maße verbunden.

DDR-Erinnerung als Tabuthema

Aber diese Gefühle sind in der Öffentlichkeit zum größten Teil tabuisiert: Einer Diktatur darf man nicht hinterher trauern. Dass die DDR für viele noch viel mehr war als nur Mauer, Stasi und Unterdrückung wird dabei – besonders aus westlicher Sicht – oft vergessen. Es war für die Menschen 40 Jahre ihr Alltag und ihr Leben, innerhalb kurzer Zeit wurde dieser in großen Teilen getilgt und durch die West-Version ersetzt. Von Nationalhymne bis zur Kaufhalle, die jetzt Supermarkt hieß.

Wirklich vereint?

Den Effekt daraus sehen wir unter anderem in den Wahlergebnissen und in einer teilweisen sehr unterschiedlichen Wahrnehmung der deutschen Realität. Für mich zeigt es, dass wir auch nach 27 Jahren immer noch nicht wirklich wieder vereinigt sind. Es wird wohl mindestens eine Generation dazu brauchen, vielleicht sogar noch mehr, bis die Unterschiede nur noch in den Geschichtsbüchern stehen. Vielleicht bleiben die DDR-Jahre aber auch noch länger im kollektiven Gedächtnis des Ostens haften.

Lass uns ehrlich reden!

Wichtig ist glaube ich, dass wir als Land endlich darüber anfangen zu reden, was da eigentlich vor 27 Jahren passiert ist. Was daran gut und was daran schlecht war. Damit andere daraus lernen können.



  1. Klaus

    Gut beobachtet. Wäre aber ohne „Ossi-Gattin“ nicht passiert.
    Ich muss westdeutschen Kollegen auch immer erklären, dass ich nicht 40 Jahre unter Unfreiheit, Stasi und SED gelitten habe. Nein, es waren nur 37 Jahre …🤔😏😉😊

  2. Henning Uhle

    Guter Text mit offenem Ende. Danke. Die Wunde, die mitten durch Deutschland geht, ist groß. Daher ist die Frage wichtig und richtig.

    Nebenbei ist es doch auch so, dass man hierzulande gern jammert und schimpft. Ich komme aus Sachsen und habe derzeit in den sozialen Netzwerken genügend damit zu tun, mich für meine Herkunft zu rechtfertigen. Aus „Dunkeldeutschland“ wäre ich. Sagen die, die niemals die Pleiße in Leipzig oder das Elbtal bei Dresden gesehen haben. Und man urteilt über Dinge, die man nicht versteht.

    Viel wird auf hohem Niveau gejammert. In Sachsen gibt es bei weitem nicht nur Nazis. So wie es im Ruhrgebiet nicht nur arbeitslose Kumpels gibt. Vielleicht sollte man mal zusammen ein Bier trinken gehen.

    Vor zwei Jahren habe ich diesen Artikel in meinem Blog veröffentlicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. https://www.henning-uhle.eu/allgemein/zum-3-oktober-in-deutschland


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