Wie Thomas de Maiziére versucht, für Wählerstimmen einen Pudding an die Wand zu nageln

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Copyright: lpk 90901/Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Thomas de Maizière hat also versucht, einen Pudding an die Wand zu nageln. Jetzt steht die Union um ihn herum und bewundert das Ergebnis, das langsam die Wand heruntertropft. Vielleicht sollte ihnen mal jemand sagen, dass der Versuch, eine Leitkultur klar zu definieren so albern ist, wie ein Wolkenfoto zu schießen und dann zu behaupten, das wäre das Leitwetter in Deutschland.

Kultur lässt sich nicht einfach mit 10 Punkten definieren. Vor allem lässt sich Kultur nicht festnageln. Sie ist ständigen Veränderungen unterworfen und wird jeden Tag neu ausgehandelt. Was vorgestern ein Kulturschock war (Frauen in Hosen! Kreisch!), ist heute kulturelle Normalität und übermorgen vielleicht altmodisch-peinlich.

Wer vor 150 Jahren in gewissen Kreisen Stress miteinander hatte, hat sich im Morgengrauen duelliert und der Sieger galt nicht mal als Mörder. Wer heute einem Nebenbuhler eine runterhaut kann mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen.

Wer vor 20 Jahren in der Bahn an seinem Handy spielte war ein „Yuppie mit Schwanzverlängerung“, wer es heute nicht tut ist ein stranger Freak ohne Freunde. (Die alltagsgebräuchliche Verwendung der eingedeutschten Worte „Strange“ und „Freak“ ist übrigens auch Beleg für ständigen kulturellen Wandel. Fontane hätte ich mich dafür vermutlich zum Duell aufgefordert.)

Vergewaltigung in der Ehe war bis vor 20(!) Jahren kein Strafbestand, die Ehefrau ist erst seit 40 Jahren nicht mehr gesetzlich zum Führen des Haushaltes verpflichtet und Abtreibung ist kein Mord mehr. Ja, darüber hat unser Land mal ernsthaft diskutiert. Andere Länder, mit denen wir angeblich kulturelle Ähnlichkeit haben tun zumindest das zumindest über den letzten Punkt immer noch.

Deutschland gibt es nicht

Das Ding ist: DAS Deutschland als homogenen Kulturraum gibt es so gar nicht. DIE deutsche Kultur daher auch nicht. Ja, das wird die Identitäten jetzt sehr (ver-)stören. Kommt damit klar.

Unser Land ist ein zusammen gewürfelter Haufen verschiedenster Stämme, Fürstentümer, Herzogtümer, Königreiche und anderer Albernheiten. Jedes davon hat seine eigenen Traditionen, kulturellen Eigenheiten und Merkwürdigkeiten. Bis heute.

Aber auch sie vermischen sich. Jedes Jahr mehr. In Hamburg wird im September ein bayrisches Oktoberfest in den Fischauktionshallen (!) gefeiert. Wo bleibt da die hanseatische Leitkulturliste?!
1.) In Hamburg sagt man Tschüss, nicht Pfiati oder Ciao.
2.) Wir tragen Fischerhemd und Elbsegler, wir sind nicht Fantasie-Dirndl.
3.) Die im Süden essen Schinken. Und wir essen Lachs.

Wer einmal quer durchs Land fährt merkt, dass Nordost-Mecklenburg und Südwest-Baden-Württemberg verdammt sehr ziemlich unterschiedlich sind. Ich pendele regelmäßig zwischen Hamburg und Mainz. Es sind nur 600km, aber es fühlt sich in manchen Belangen an wie zwei Länder mit völlig unterschiedlichen Kulturen. Ich genieße das. Anderen scheint sowas Angst zu machen.

Seismograph für gesellschaftliche Prozesse

Debatten wie diese mögen zwar albern erscheinen, aber sie sind ein Seismograph für gesellschaftliche Prozesse, zumindest wenn sie ernst gemeint sind. In denen soll verhandelt werden, wer „wir“ eigentlich sind oder sein wollen. Und das wiederum zeigt ja, dass Teile dieser Gesellschaft eine Selbstvergewisserung brauchen. Denn etwas befindet sich im Wandel – wieder mal oder immer noch. Nur meistens kriegen wir das nicht mit. Normalerweise ändern sich Gesellschaft und Kultur schleichend, erst im Nachhinein stellen wir dann fest, dass Döner auf einmal als Berliner Traditionsgericht gilt.

Wenn diese Veränderungen aber zu offensichtlich passieren, zu schnell gehen und damit sichtbar werden – dann reagieren manche Menschen panisch. Vor allem die, die Veränderungen nicht gewohnt sind. Entweder weil sie in eher in ländlichen Gebieten leben, wo Wandel länger dauert und es noch am ehesten eine kulturelle Homogenität gibt. Oder weil sie von ihrer Persönlichkeitsstruktur eher so gestrickt sind, dass sie Beständigkeit der Veränderung vorziehen, weil es ihnen Sicherheit gibt, die sie in sich selber nicht finden. Oder weil sie nicht die Möglichkeit hatten, zu reisen und sich zu bilden und so die Vielfalt der Kulturen, Meinungen und Ansichten kennen und schätzen zu lernen. Aber das ist auch bei manchen der Menschen so, die nach Deutschland gekommen sind.

Angst führt zu Abschottung

Deswegen kommt es bei Massenzuwanderung oft zu Abschottungen, das lässt sich auch in den USA beobachten. „China Town“ und „Little Italy“ klingen romantisch, aber es sind nicht anderes als Ghettos, in denen Menschen versuchen weiter so zu leben, als hätten sie ihre Heimat nie verlassen. Aus Unsicherheit, aus Angst, aus Bequemlichkeit.

Und nein, das ist weder erstrebenswert noch kulturelle Vielfalt, in der sich alle gegenseitig beeinflussen. Wo kein Austausch, da keine Beeinflussung. Stattdessen Abschottung, Trennung, Angst, Hass. Bis hin zu Gewalt. 

Die „Anderen“, die urban Lebenden und psychologisch Stabileren, die Gebildeteren und Gereisten kommen mit dem Wandel eher klar, denn er ist Teil ihres Lebens. Natürlich ist zuviel und zu krasser Wandel für jeden Menschen eine Herausforderung und manchmal auch Überforderung. Doch dann hilft es wenig, sich zu verkriechen, die Rollos runterzulassen und sich mit den Fingern in den Ohren ins La-La-Land zu wünschen. Dann sollte man sich dem Phänomen stellen und das Beste draus machen.

Kulturwissenschaftlicher Krampf

Als Kulturwissenschaftler bekomme ich immer mittlere Krampfanfälle, wenn ich sehe, wie eine Partei im verfrühten Wahlkampfmodus versucht, mit einer populistischen Kulturdefinition die Sorgen und Ängste von diesen Menschen zu instrumentalisieren. Eine Kultur zu definieren kann eine Lebensaufgabe sein. Das geht nicht in 10 Punkten.

de Maizière hat bewusst keine „Wir schaffen das“-Liste gemacht, diese Zeiten sind in der Union vorbei. Nachdem die AfD die Verängstigten eingelullt hat, sind in der Union jetzt wieder die Konservativen an der Reihe und versuchen, die verlorenen Wähler zurück zu locken. „Schaut mal, wir nehmen euch ganz doll ernst und machen jetzt was gegen diesen kulturellen Wandel. Geht nicht zum Schokoladenonkel AfD.“

Ronja von Rönne hat kürzlich in einem Interview den klugen Satz gesagt:

„Wenn diese Parteien die Ängste der Menschen wirklich Ernst nehmen würden, dann würden sie sie damit konfrontieren.“ (Kein wörtliches Zitat.)

Diese Debatte ist daher keine Debatte von Zugewanderten gegen Deutsche. Es ist nicht der ernstgemeinte Versuch, einen gemeinsamen Konsens zu finden, was dieses Patchwork-Land ausmacht und wie es mit kulturellem Wandel umgehen will.

Es ist ein Kampf um Wählerstimmen. Eine Debatte von Konservativ gegen Progressiv. Stadt gegen Land. Angst gegen Zuversicht, Offenheit gegen Daswarschonimmerso.

Es ist Versuch der Spaltung auf den wir nicht hereinfallen sollten. Vor allem nicht, wenn uns jemand so weismachen will, man könne einen Pudding an die Wand nageln.



  1. Goenner

    „Wenn diese Veränderungen aber zu offensichtlich passieren, zu schnell gehen und damit sichtbar werden – dann reagieren manche Menschen panisch.“
    Das haben Sie schoen formuliert. 🙂
    : – (((((
    Sie „uebersehen“ uebrigens bei Ihrer Auflistung, dass etliche kulturelle Veraenderungen nicht aus dem Volk heraus entstanden sind, sondern gerne mal aufgezwungen oder ueber „Trick 17“ angedreht wurden und werden, worauf dann eben der ein oder andere, nachdem er das erkannt hat und danach noch so einiges mehr, eine Scheisswut bekommt, weil er/sie das SOOO (wenn ueberhaupt) weder erwartet noch gewollt hat.
    Noe, mit dem „sauberen“ Herrn DeMeiziere (oder dem Rest der Einheitspartei) habe ich nix am Hut, aber mit Journalisten Ihres Schlages eben auch nicht.
    Geben wir vielleicht abschliessend ein Beispiel einer Massnahme zur kulturellen Veraenderung, von der ich sprach, die, nachdem man die Nummer erkannt hat, einen stinksauer werden laesst…
    Welche nehmen wir denn… inne minne muh…
    Warum nicht die hier – ich glaube von 1973/74!, also als fuer die meisten im Lande die Welt noch in Ordnung war und wir Kinder uns darueber amuesierten, heute aber irgendwie nicht mehr – lief doch auf „Ihrem“ Sender, dem ZDF, lange vor dem Internet und bevor „Verschwoerungstheorien“ „inn“ waren oder Broeckelhoffs Artikel ueber sich veraendernde Kulturen schrieben… und gaaaanz harmlos und eigentlich doch soooo vernuenftig:
    https://www.youtube.com/watch?v=MyP02-UB3lE
    Scheibchenweise ueber 50/60 Jahre hinweg und laenger – die Salamitaktik eben. Frueher fragten wir nicht, aber heute: WER profitiert davon an aller forderster Front?
    Und da brauchen Sie nicht so tun, als ob hier eine natuerliche Entwicklung stattfaende!
    PS: Das Freischalten des Kommentars ist nicht noetig und eine Antwort auch nicht, denn ich werde so schnell nicht wieder vorbei kommen… hab ja auch schon lange keinen Fernseher mehr – stielt einem nur die Zeit, ebenso wie Diskussionen mit Mainstream-Journalisten… kennste einen, kennste alle… *abwink*


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