Wie ich die Attentate von Paris in der heute+ Redaktion erlebte

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Es sah alles nach einem ruhigen Abend aus, perfekt zum Ausklang einer Nachrichtenwoche. Es wurde der erste Breaking News-Abend bei heute+ und ein Test, wie Nachrichtenjournalismus auch funktionieren kann.

Die Meldung des Abend sollte Merkels „Was nun“ im ZDF sein. Wegen der Sondersendung hatte sich der Sendeplan nach hinten verschoben, so dass unser Livestream um 23:00 Uhr ausfallen sollte. Um kurz nach 22 Uhr war ich im Tiefenentspannungsmodus als mein Handy ansprang. Eilmeldung SpOn: „Schüsse und Explosionen in Paris. Offenbar mehrere Tote.“

Mein erster Gedanke: „Scheisse!“

Ich springe auf, rufe „Scheisse“ in die halbleere Redaktion, suche Schlussredakteur Gregor, der gerade seine Runde durch die Schnitträume dreht. Finde ihn nicht. Drehe um. Twittere – gegen alle journalistischen Regeln – die SpOn-Info, ohne sie selber nochmal zu checken. Schaue in die Agenturen. Spüre einen Adrenalin-Schub.

Langsam laufen erste Infos ein. AFP meldet Schüsse in einem Restaurant und eine Explosion in einer Bar. Angeblich mehrere Tote. Die DPA bleibt vorsichtig: Schüsse in Paris. Nichts von einer Explosion. AP bezieht sich auf AFP. Ja, was denn nun?! Ich fluche in mich hinein. Da kommt Gregor zurück. Endlich.

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Ich habe noch nicht viele Breaking-News mitgemacht. Für n-tv verfolgte ich 2010 die Loveparade-Kastastrophe im Netz. Danach hörte ich auf für tagesaktuelle Redaktionen zu arbeiten. Das Attentat auf Charlie Hebdo erlebte ich bei ZAPP – damals für ein Medienmagazin zwar auch hochrelevant, aber eben nicht Nachrichten. Nichts, wo ich schnell reagieren musste.

Die jahrelange Erfahrung von Gregor im Umgang mit solchen Situationen rettet mich vor weiteren Kurzschlussreaktionen. Er greift zum Telefon, ruft im Studio Paris an – und ermahnt uns zum Durchatmen. Keine Tweets mehr, keine Infos rausgeben, bevor wir nicht sicher sind. 

In unserem internen Chat: Beschwerden über den voreiligen Tweet. Wir fangen zu diskutieren. War das richtig so? Ohne selber zu checken? Tenor: Nein. Ich sehe meinen Fehler ein, aber passiert ist passiert. Mist.

Kaum sind wir uns einig,  da stürmt schon die nächste Meldung herein: Geiselnahme in einem Konzertsaal. Es klingt wie aus einem schlechten Actionfilm mit Bruce Willis. Was passiert hier gerade?

Durchatmen. Doch das Netz hyperventiliert schon.

Während ich in eine imaginäre Tüte atme, hat Twitter bereits Schnappatmung. Die Meldungen, Gerüchte, Todeszahlen überschlagen sich. Meine Timeline wird zum Wasserfall. Langsam laufen auch die Agenturen warm. Und zitieren vor allem: Sich gegenseitig.

Im Hintergrund beraten sich die Chefs. Wir wissen immer noch nicht, wie ernst die Lage ist, ob wir um 1:00 Uhr auf Sendung gehen und die Vorkommnisse in Paris nur eins von mehreren Themen ist und die Gerüchte nur Falschmeldungen sind. Vorbeugend baut Gregor die Sendung um und schickt mich in die Maske.  

  
Im Rückblick ist es manchmal absurd, worüber man sich Gedanken macht. Ich stehe an diesem Freitag um 23:10 Uhr vor dem Schrank in der Garderobe und frage mich, was ich in so einer Situation anziehen soll. In Paris sterben wahrscheinlich Menschen, bangen um ihr Leben und ihre Lieben – und ich stehe in Mainz vor einem Haufen Hemden und weiß nicht weiter. 

„Angeblich“, „mutmaßlich“ „unbestätigt“

Es ist das erste Mal, dass ich mir einen Anzug für die Sendung wünsche. Ein Jacket, das durch seinen geraden, festen Schnitt Sicherheit gibt und Autorität verleiht. Eine Krawatte, die Seriösität signalisiert. Einen Tisch zum Festhalten. 

Irgendwann finde ich etwas, was ich für halbwegs passend halte. In der Maske läuft das heute journal, Paris-Korrespondent Theo Koll erzählt, was er erfahren hat. Es deckt sich mit den Agenturmeldungen. Aber weil er auch noch nicht viel weiß, machen die Kollegen erstmal weiter mit dem geplanten Programm: Merkel, Flüchtlinge.

Ich schalte um, während mir das Adrenalin aus dem Gesicht gepinselt wird. Auf CNN laufen bereits die ersten Amateur-Videos. Es ist die Stunde des „mutmaßlich“, „angeblich“ und „unbestätigt“. Der „Polizeikreise“ und Augenzeugenberichte. Ich staune, wie schnell „Terrorexperten“ zur Hand sind. Als hätte der Sender stets eine Notmannschaft im Hotel nebenan auf Abruf.

Dabei und doch allein

Doch nicht nur in den alten Medien zeigen sich unsere neuen Erwartungen ans Dabei-sein, wenn etwas von einer derartigen Tragweite passiert. Der Segen des Internets und seiner sozialen Netzwerke ist sein größter Fluch. Wir lesen alles und wissen doch nichts. Wir verteilen Informationen und können doch nur bedingt sagen, wie zutreffend sie sind. Wir sind dabei und doch allein.

Zurück in der Redaktion kommt die Ansage vom Chef Elmar Thevessen: Keine heute show. Keine heute+. Das heute journal übernimmt. Ich biete fast erleichtert an, dafür im Netz per Livestream zu berichten. Deal? Deal.

  
Ich schalte von Fallschirmsprung-Modus auf Auto-Pilot. Wundere mich wieder mal, wie ruhig ich unter hohem Druck werden kann. Aber mittlerweile ist die Sachlage auch so weit, dass wir zumindest mit Sicherheit sagen können, dass es Schüsse, Explosionen und Tote gab.

Wir starten die Streams auf Periscope und Facebook. In kurzer Zeit gucken ein paar hundert Menschen zu – obwohl mittlerweile alle größeren TV-Sender ihr Programm geändert haben, obwohl Twitter und Facebook heiß laufen. Es scheint ein Bedürfnis zu geben, hinter die Kulissen zu sehen – und sich auszutauschen, zu vernetzen, nicht allein zu sein.

Wadenkrampf im Nachrichtenfluss

In den nächsten zwei Stunden versuche ich mit Gregor im Livestream die Lage zu sortieren, ermahne mich und andere immer wieder zur Vorsicht mit Mutmaßungen, Zahlen und vermeintlichen Tatgeschehen. Ich versuche, Fragen zu beantworten, die Ereignisse zusammen zu fassen und die Agenturmeldungen miteinander abzugleichen. 

Doch die Lage ist unübersichtlich, verworren, zwischendurch hab ich das Gefühl den Überblick zu verlieren. Es fühlt sich an wie einen Wadenkrampf zu haben, während wir in einem reißenden Nachrichtenfluss mitgerissen werden.

Als AFP die Zahl von 100 Toten im Konzertsaal meldet, will ich das erst nicht verbreiten. Die Zahl ist so absurd hoch, das mein Kopf sich weigert sie zu glauben. Zwar war AFP als französische Agentur den ganzen Abend immer am schnellsten und hat oft richtig gelegen. Trotzdem wil ich lieber auf eine zweite Quelle warten, wie den ganzen Abend schon. Ich gebe meine Entscheidung im Stream bekannt, da wird mir auf Persicope mitgeteilt, dass AFP die Zahl schon getwittert hat.

Spätestens da ist mir klar, dass wir für diesen Abend nicht mehr den Druck aus dem brodelnden Gerüchte-Schnellkochtopf raus kriegen werden. 

Irgendwann wird deutlich, dass die akute Notsituation vorbei ist. Es ist nach halb zwei als ARD und ZDF ihre Berichterstattung beenden, aber die Zuschauerzahl bei uns im Stream bleibt konstant. Niemand scheint ins Bett zu wollen.

  

Elmar Thevessen kommt aus dem Studio in die Redaktion, stellt sich zu mir in den Stream. Er erklärt, warum wir wie reagiert haben, dann unterhalten wir uns ausführlich über den Islam und Extremismus. Wie entsteht sowas? Warum werden Menschen zu Extremisten? Ist der Islam eine gewalttätige Religion?

Als auf Twitter verbreitet wird, dass Thevessen im Stream ist schnellen die Zuschauerzahlen nach oben. Fast 800 Menschen schauen auf Facebook und Periscope zu. Mitten in der Nacht, um kurz vor zwei.

Gegen zwei Uhr macht Facebook den Stream zu, den ich zwischendurch nochmal starten musste. 1,5 Stunden scheint die maximale Dauer zu sein, die man dort senden darf. Insgesamt waren wir fast 2,5 Stunden auf Dauersendung als ich mich auch von den Periscopern verabschiede. 

Ich versuche runterzukommen. Lese Tweets, Kommentare, die sich für die Streams bedanken. Im Posteingang eine Drohmail, so absurd, dass ich sie twittern muss.

Sofort kommen Reaktionen. Wie es mir geht, ob ich Hilfe brauche. Ein MdB meldet sich besorgt per DM. Ich versuche zu beruhigen. Merke, dass es keine gute Idee war nochmal so eine Nachricht in die sich gerade beruhigende Twittersphäre zu rufen. Hatte ich nicht alle zur Besonnenheit aufgerufen? Dummer Daniel. 

Als ich im Auto sitze fühle ich mich als hätte ich gerade eine Breaking-News-Simulation mit VR-Brille gespielt. Ist das heute Abend wirklich passiert? 

Im Radio: Belanglose Musikbesprechungen. Beruhigende Normalität. Auf Facebook fragt Kollege Jannis:

  
„Netflix“ rate ich ihm und folge meinem eigenen Rat. Trotzdem ist es schon 5:10 Uhr als ich die Nachricht nach Hause funke: „Endlich schlafen.“



12 Kommentare

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  1. Peter

    Schwach. Ich möchte lieber erfahrene, ruhige Journalisten. Nicht aufgeschreckte, die Angaben nicht überprüfen. Und warum stehen sie so im Vordergrund? Um sie geht es nicht.

    • Holger

      Lieber Peter, ruhig bleibt bei dieser Nachrichtenlage kein Journalist im Dienst, auch nicht der erfahrenste. Journalisten sind Menschen, und Menschen schrecken bei aufkommender Gefahr auf. Das ist unser aller Instinkt. Die Journalistenmaschine, die Sie sich wünschen, gibt es nicht.

    • Daniel Bröckerhoff

      Text nicht gelesen oder den Part mit „Wir versuchen die Angaben zu prüfen“ und der Ruhe absichtlich ignoriert?

      Wenn es Dich nicht interessiert wie ich den Abend erlebt habe – was willst Du dann hier?

    • Peter

      Ich dachte immer, Journalisten brauchen zwei Quellen. Das kann ich schon verlangen. Sonst verliere ich das Vertrauen, wenn sie einfach was raushauen, gerade bei einem Terroranschlag.

      Sie haben recht, was habe ich hier verloren. Ich hab ja durch den Text nichts gewonnen.

    • Daniel Bröckerhoff

      Im Text steht sehr deutlich, dass wir den gesamten Abend sehr darauf geachtet haben, dass mindestens zwei Quellen die gleichen Angaben haben, ohne sich gegenseitig zu zitieren.

      Falls Du Dich auf den Tweet beziehst: Spiegel hatte mehrere Quellen und der Tweet war sehr konservativ getextet. Die Info weiter zu reichen war keine Glanzleistung, aber auch kein schwerer Fehler.

  2. Jonathan

    Ich habe selbst das ganze ab der 88. Spielminute verfolgt. Als die ARD betroffen mehr oder weniger schwieg, hab ich mich auf Facebook und Twitter umgeschaut und bin auf deinen Livestream gestoßen. Zu Topzeiten hatte ich neben ARD und deinem Livestream glaube ich noch 4 andere Fernsehstreams offen. Den Ton immer wieder zwischen dir und der ARD umschaltend. Erstaunlich was für Emotionen und was für eine Spannung so etwas auslöst, ohne dass man wirklich beteiligt oder betroffen ist. Auf jeden Fall fand ich deinen Stream sehr praktisch, er hat doch immer wieder Ordnung in die wilden Liveticker, Artikelupdates und Nachrichtensendungen gebracht und war einfach eine tolle Anlaufstelle, wenn man den Überblick behalten wollte! Danke! Danke auch für diesen tollen Blogeintrag. Hoffen wir, dass diese Nacht ein Einzelfall bleibt. So schön dein Livestream war, die Ereignisse waren es ganz und gar nicht…


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