Elektromusik, die Extremen und ich.

(Leseanleitung: Spiele oben eingebundenen Track ab, während Du diesen Text liest.)

Menschen sind interessante Wesen. Unsere Fähigkeit zur Entwicklung und Veränderung bewundere ich immer wieder. Denn als unkomplete Wesen, die wir sind, an keinen Lebensraum unseres Planeten wirklich angepasst, stattdessen aber fähig zur Wandlung und Anpassung, vollziehen sich immer wieder wundersame Wandlungen.

Eine davon kann ich gerade an mir selber beobachten. Jahrelang hab ich behauptet, dass Elektromusik keine Seele habe und totes Zeug sei. Keine richtige Musik. Die entstünde nur, wenn Menschen zusammen kämen und gemeinsam Instrumente bedienten.

Dann hab ich vor zwei Monaten angefangen, bei heute+ zu arbeiten. Dabei stellte ich fest, dass ich etwas brauchte, um abends die Konzentration und die Spannung zu halten, die so eine Sendung zu später Stunde braucht. Ich kaufte mir Kopfhörer mit elektronischer Lärmdämpfung, ein Streaming-Abo und fing an, Playlisten durchzuspielen.

Entspannungstee mit hohem Koffeinanteil

Dabei stieß ich auf Listen wie diese, voller elektronischer Musik, die ich bis dahin als „Akustik-Musiker“ abgelehnt hatte.

Die Listen wirkten sofort und wie starker Entspannungstee mit hohem Koffeinanteil. Die Außenwelt verschwand, alle Nebengeräusche verschwanden, ich tauchte voll in die Arbeit ein – etwas, was mir jahrelang sehr schwer gefallen war.

Meine Erklärung dafür: Keine störenden Stimmen lenken mich beim Moderationen schreiben ab. Der treibende Beat, mit teils ausgeklügelter Percussion, wirkt wie ein Motor auf mich, der mich wach hält und antreibt. Der oben eingebundene Track ist nur einer von vielen, die diesen Effekt auf mich haben (auch wenn es eine kleine Gesangsstimme gibt).

Mittlerweile höre ich immer, wenn ich mich konzentrieren muss, elektronische Musik. Auch jetzt, während ich im ICE sitze und diesen Text schreibe. Und auf einmal merke ich, wie intelligent, wunderbar, ausgeklügelt sie oft gebaut ist. Welche Finessen in den einzelnen Parts stecken. Es ist etwas komplett anderes, als Musik gemeinsam zu machen. Aber meine jahrelange abwertende Haltung finde ich heute falsch. Ich muss sie revidieren. (Ich weiß, dass das einige meiner Freunde zum Feixen bringen wird.)

Und was hat das mit Rechten zu tun?

Um diesen Gedankengang zu folgen, ein kleiner Exkurs: Wir erleben derzeit eine Flüchtlingsdebatte, die so erbittert geführt wird, wie das letzte Mal vor über 20 Jahren. 1993 wurde der Asylkompromiss geschlossen, der helfen sollte viele Menschen, die versuchten nach Deutschland zu kommen, schnell wieder in ihre Heimat zu schicken. Wir haben uns letzte Woche bei heute+ damit beschäftigt.

Rechter Diskurs: „Flüchtlinge sind Kriminelle“

Es gibt damals wie heute zwei sehr extreme Geisteshaltungen – soziologisch kann man hier von Diskursen im Foucaultschen Sinne sprechen. Der „rechte Diskurs“* eine wirft den Flüchtlingen u.a. Schmarotzertum und kriminelles Handeln vor und entmenschlicht sie häufig durch erniedrigende Bezeichnungen.

Flüchtlinge oder Asylsuchenden werden als „die anderen“ gesehen, die „Böses“ wollten, deren Kultur nicht in unsere passe und die sich in der Regel weder anpassen wollten, noch könnten. „Die sind nun mal so“ ist die Kernaussage. In der Regel wird diese Haltung nicht als „rechts“ gesehen, weil allen Sprechern bewusst ist, dass dies negativ konnotiert ist, sondern als Ausdruck von „Sorge“ bezeichnet. Einzig mögliches Gegenmittel: Abschieben, Bestrafen, Grenzen dicht machen.

Linker Diskurs: „Rechte sind Arschlöcher“

Der eher „linke Diskurs“* agiert ähnlich, indem die Sprecher des rechten Gegendiskurses als unbelehrbare „Arschlöcher“, „Unmenschen“ und ähnliches bezeichnet werden, die sich überlegen fühlten, Herrenrassen-Fantasien hätten und denen man nur durch strenge Konsequenzen Einhalt gebieten könne, bevor sie wieder ganz Europa überrennen wollten.

Zum Ausdruck kommt das u.a. gerade in der Debatte um einen Porsche-Lehrling, der einen klar rassistischen Kommentar auf Facebook schrieb und dafür seine Lehrstelle verlor.

Patrick Breitenbach hat das in einem wie immer lesenswerten Facebook-Posting auseinander genommen:

Auge um Auge, Ausgrenzung um Ausgrenzung scheint mir nicht das ideale Rezept für die Zukunft einer freien und offenen Gesellschaft zu sein. Ich bin ja der Auffassung, dass man durchaus auch mal versuchen könnte, pädagogisch zu arbeiten, vor allem in dem Alter, denn meistens ist das einfach nur sozialisiertes Nachgeplapper und Imitation des eigenen Umfeldes, also der Drang nach Zugehörigkeit.

Bildung täte gerade jemanden der Ausbildung anbietet gut zu Gesicht stehen. Das ist auch keine Frage des „Entweder Oder“, sondern des „sowohl als auch“. Das heißt, die Aussage des Jungen kann man sowohl rigoros ablehnen und ausgrenzen als auch sein Menschsein mit seinen Fehlern akzeptieren und MIT ihm arbeiten, so dass er in Zukunft vielleicht auch das Menschsein der Anderen erkennt und erlernt. Wiedergutmachung bei Fehlern ist meines Erachtens wesentlich konstruktiver als rigorose Ausgrenzung und Verbannung. Jedenfalls hätte man ihm eine Chance geben können.

Aber vermutlich bin ich nur zu naiv und sozialromantisch.

Mario Sixtus sah das grundlegend anders:

Interessant, wie hier aus einem Täter ein Opfer gebastelt wird – und sei er noch so jung und dumm. Diese Mechanik findet sich in Variante bei den Pegidisten u.a. wieder, die sich ja auch als Opfer des Systems und der Lügenpresse etc. begreifen. Hier und jetzt wird also ein junger Mensch, der gegen andere Menschen mit Hass und Hetze agitiert, zum Opfer einer angeblichen Ausgrenzungspolitik eines Automobilkonzerns stilisiert.. Hallo? Geht’s noch?

Law-and-Order-Mentalität. Auf beiden Seiten.

Ich schätze Mario Sixtus. Und ich schätze auch Sascha Lobo, der ähnliche Meinungen ja auch gern öffentlich vertritt und dies vor breitem Publikum tun darf (erst vorgestern in der ersten Folge des neuen ZDF Donnerstalks) . Das allerdings schätze ich überhaupt nicht. Denn es ist eine Law-and-Order-Mentalität, die dort propagiert wird und die, wie oben gezeigt, absurdweise auch genau von den eigentlichen diskursiven Gegnern vertreten wird.

„Halt dich an die Regeln oder Du bekommst harte Konsequenzen zu spüren und wir ächten Dich.“, das scheint die Devise. Es ist es tatsächlich nebensächlich, von welcher Tat wir sprechen: Hetze gegen Ausländer (Rechte) oder z.B. Drogendelikte (Asylbewerber).

Warum sich jemand nicht an die Regeln hält: Völlig egal. Sein Problem. Er ist doch erwachsen und selbst verantwortlich für sein Handeln. Ja. Und Nein. Menschen sind neben ihrer psychischen Disposition und ihrem freien Willen auch Produkte ihrer Umwelt, ihrer Sozialisation, ihrer Erziehung. Die ist nicht unveränderlich.

Täter sind Täter. Und oft Opfer zugleich.

Menschen werden aus vielen Gründen zu Tätern, was ihre Taten nicht entschuldigen kann. Aber es ist gesamtgesellschaftlich wichtig zu erkennen, warum sie unerwünschtes Verhalten zeigen, damit präventiv dagegen gearbeitet werden kann. Das dauert lange und kostet Zeit und Geld und Nerven. Meine Frau arbeitet intensiv mit solchen Kindern und Jugendlichen zusammen, die Erfolgsquote ist bei weitem nicht 100%, aber sie ist höher, als wenn nichts getan würde.

Im Gegenteil: Wenn nichts getan wird, wenn nur verurteilt und geächtet wird, verschärft sich das Problem sogar. Bei der Evaluation der Erfolge des neuen hessischen Jugendstrafrechts ist kürzlich rausgekommen, dass jugendliche Straftäter eher rückfällig werden, wenn sie davon ausgehen, dass die Gesellschaft sie eh für kriminell und verloren hält. Wir kennen das als „selbsterfüllende Prophezeihung“.  Der Beitrag dazu hatten wir auch kürzlich in der heute+.

Wenn man für so einen Ansatz eintritt, der die Tat verurteilt, aber gleichzeitig präventiv arbeitet, was ein gewisses Verständnis für den Täter und sein Handeln voraussetzt, wird man jedoch von der einen Seite entweder als „Gutmensch“ oder als „Täterversteher“ bzw „Verharmloser“ tituliert. Kommen wir so aus der Spirale des gegenseitigen Beschuldigens und Ausgrenzen heraus? Nein. Dauert es länger als einen Blogpost, da rauszukommen? Auf jeden Fall.

Aber ich kenne mehr als einen Fall, in dem die Einbeziehung von jemandem mit merkwürdiger Gesinnung dazu geführt hat, dass er oder sie sich mit der Zeit davon distanzierte. Ich kenne sogar Menschen, die früher in rechten Kreisen verkehrten – und heute Samba trommeln. Weil er oder sie eben nicht rausgeworfen wurde, als klar wurde, wo er oder sie sich sonst noch so rumtreibt.

Ja, und die Elektro-Musik?

Meine Selbstbeobachtung hat mir gezeigt, dass selbst so etwas Profanes wie „Einsehen, dass man jahrelang Blödsinn über eine Musikrichtung erzählt hat“ ziemlich lange dauern kann und manchmal nur durch Zufall geschieht, weil sich die Lebenssituation ändert. Und das, obwohl ich mich immer für einen (welt-)offenen und toleranten Menschen gehalten haben.

Aber es ist eben nicht unmöglich. Und ich danke allen, die mich die letzten Jahre nicht „intolerantes Arschloch“ genannt haben, weil mich über ihre Musik lustig gemacht und ihr einen künstlerischen Wert abgesprochen habe. Es tut mir heute ehrlich leid.

Und vielleicht ist ja auch die Entschuldigung des Porsche-Lehrlings ernst gemeint. Musste er dafür erst seinen Job verlieren und öffentlich geächtet werden? Die Frage kann ich nicht beantworten. Aber ich hoffe, dass man mit mir das nächste Mal milder umgeht, wenn ich wieder unqualifierten Blödsinn von mir gebe. Denn das wird auf jeden Fall passieren.

Sorry für den langen Post. Hier sind noch ein paar Tracks von Aka Aka:

tldr
Ich habe jahrelang behauptet, Elektro wäre keine Musik. Ich habe eingesehen, dass das falsch war. Denn Menschen sind wandlungsfähig. Das gilt auch für solche mit extremen Gedankengut. Das geht aber nur in jahrelanger, mühevoller Arbeit. Denn niemand wird ohne Grund extrem oder kriminell.

*Mir ist klar, dass sowohl rechter als auch linker Diskurs sehr viel ausdifferenzierter und heterogener sind, als hier von mir darstegellt. Die Vereinfachung erfolgt der Einfachheit halber. Logisch, ne? 😉



  1. Stefan

    Man sollte mal darüber nachdenken, dass diese, welche ihre braune Ideologien im Netz verbreiten, geistige Brandstifter sind. Nach einer Untersuchung häufen sich die Überfälle auf Flüchtlinge, je mehr Propaganda gegen diese im Netz betrieben wird. Und dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann ein bewohntes Flüchtlingsheim brennt. Ich denke gerade wir müssten aus unserer Geschichte gelernt haben, wie schnell es vom rechten Reden bis zu rechten Handeln kommen kann.

  2. Bob

    Und wenn das Wort „Flammenwerfer“ vorkommt, dann muss der Kerl ja ein ganz schlimmer sein? Warst du mal jung? Hast einfach mal Blödsinn geredet? Vielleicht vorher grad ein Killerspiel gespielt oder auch selber ordentlich einstecken müssen? Oder oder oder? Nee, dir kann sow nicht passieren und wenn, dann *willst* du die volle Breitseite, klar. Und nochwas, er hat keinen Flammenwerfer in die Hand genommen.

  3. Johannes

    Tut mir Leid, aber sich über eine Musikrichtung lustig machen mit einem Kommentar a la „ein Flammenwerfer wäre besser“ (denn das hat der Ex-Azubi geschrieben) in irgendeiner Form miteinander zu vergleichen, da geh ich nicht mit. Keine Ahnung, was das soll.
    Um an den Gedanken dennoch anzuknüpfen: Was man nicht tun sollte: Jemanden für alle Zeiten ächten, weil er mal einen Fehler gemacht hat. Ich glaube an Resozialisierung. Aber davor muss eine passende und mitunter auch harte Antwort auf einen Grenzübertritt stehen. Wenn nicht deutlich gemacht wird, dass man eine Grenze verletzt hat, ändert sich niemand.

    • Daniel Bröckerhoff

      Da stimme ich Dir zu. Aber es darf eben nicht bei der Sanktionierung bleiben. Vorher und nachher muss viel passieren, damit das Verhalten oder die Einstellung geändert werden kann.

      Mir war klar, dass es Beschwerden über den Vergleich geben würde, der eigentlich gar keiner ist. Extreme Ansichten eine extreme Ansichten. Und meine Ansicht war extrem.


Schreibe einen neuen Kommentar