Der Flüchtling unterm Fenster. Ein Besuch in der Jenfelder Erstaufnahmestelle

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Ein DRK-Zelt im Hamburger Moorpark. Noch ist es unbewohnt.

„Hast Du gelesen? Im Moorpark entsteht ein Zeltdorf für Flüchtlinge. Das ist 10 Minuten von hier. Und jetzt kommen gleich die rassistischen Kommentare.“ Wir sitzen am samstäglichen Küchentisch, jeder in die postmoderne Version der Frühstückszeitung vertieft. Sie schickt mir den Link. Das postmoderne „Reich mir mal den Politikteil rüber.“

Ich lese. Quasi über Nacht hat der Bezirk beschlossen, im eher unbekannten Hamburger Stadteil Jenfeld eine Zeltstadt für 800 Menschen zu bauen. Dienstag letzter Woche wurde der Park besichtigt, Donnerstag der erste Versuch, die Zelte aufzubauen. Abgebrochen, weil sich 40 Anwohner dem DRK entgegenstellt haben sollen.

Quasi über Nacht scheint meine Nachbarschaft zur Hamburger Version von Freital zu mutieren. Ekelhafte, menschenhassende Kommentare im Netz. Anwohner, die keine Flüchtlinge bei sich aufnehmen wollen. Wir beschließen, uns selber ein Bild zu machen.

Die Dämmerung malt die Jenfelder Einfamilienhäuser und Wohnblocks dunkelrot an. Das hier ist keine „fancy hood“, nichts, wo man als Neu-Hamburger eine Wohnung sucht. Hier wohnt man, geht zur Arbeit und zwischendurch mit den Kindern auf den Spielplatz.

Gepflegte Idylle – fast

Der Moorkpark ist gepflegter als ich erwartet hätte. Direkt anliegend eine Wohnanlage, besser in Schuss als die meisten Hipster-Hood-Häuser, in denen ich früher gewohnt habe. Ich sehe mir die Namen auf den Klingelschildern an. Zwischen den Meyers und Kochs: türkische Yildize, osteuropäische -skys, vietnamesische Nguyens. Es klingt nach bunter Tüte – gut durchmischt und ausgewogen.

So sieht der Moorpark in HH-Jenfeld aus, wo die Stadt spontan Zelte für 800 Flüchtlinge aufgebaut hat.

Ein von Daniel Bröckerhoff (@doktordab) gepostetes Video am

 

Die gemischten Anwohner haben aus ihren Fenstern Blick auf eine große Grünfläche, an deren Rändern Bäume wie Clubber stehen, die sich noch nicht auf den Tanzflur trauen. Umgangssprachlich könnte man Idylle dazu sagen. Wäre da nicht dieser gänzlich unidylischer Bauzaun, direkt am Weg. Er sperrt fast die gesamte Fläche ab. Der Tanzflur: heute geschlossen.

Das Gitter trennt eine kleine Gruppe Anwohner von den DRK-Zelten dahinter ab. Seit gestern stehen sie hier in mehreren ordentlichen Reihen, aufgebaut von rund 100 Helfern, diesmal ohne Protest. Ich kenne das Modell von Jugendzeltlagern – und den Bildern aus Krisengebieten. In Jenfeld wirken sie seltsam deplatziert. Hier ist keine Krise, noch nicht. Aber Urlaub wollen die zukünftigen Bewohner hier auch nicht machen.

Wir nähern uns der kleinen Gruppe. Empörte Töne fliegen zu uns herüber. Der Wortlaut: nicht mehr überliefert. Aber die Aussage: Was soll das hier? Kann das nicht woanders hin? „Hallo Vorurteil, schön, dass Du Dich bestätigst“,  feixt der Fiesling in mir.

Aber da ist noch eine andere Stimme, die sich schon gestern meldete. Sind das nicht ziemlich viele Menschen für so eine Fläche, die direkt an einen größeren Wohnblock grenzt? Sind das nicht ziemlich viele Zelte auf engem Raum? Und in den Zelten ziemlich wenig Platz für den Einzelnen? Wo sollen die den ganzen Tag über hin? Sie werden sich im Park aufhalten müssen. Aber 800 Menschen, das ist ein kleines Dorf. Ein Mini-Festival. Ein mittlerer Betrieb.

Ungleiche Behandlung?

Und warum hier? Warum so schnell? In anderen Bezirken wurden mit den Bürger gesprochen, in den reichen Stadteilen Harvestehude und Pöseldorf regte sich sofort Protest. Im NDR gab es Interviews mit Anwohnern zu bestaunen. Deren Argumente, warum hier keine Flüchtlinge hin dürfen, waren absurd albern – nicht mal ein Gagschreiber mit Geldnot hätte sie zu Papier gebracht.

Später lerne ich: In den anderen Bezirken ging es nicht um Erstaufnahmelager, sondern um Asylbewerberheime. Nicht um die Not, kurzfristig entscheiden zu müssen, weil die Zahl der ankommenden Flüchtlinge auf einmal alle Erwartungen und Behörden überforderte.

Die nicht existente Aufklärungsarbeit des Bezirks rechtfertigt das trotzdem nicht. Die Anwohner wurden vor Tatsachen und das Zeltlager ihnen vor die Tür gestellt. Erklärbär geht anders. Heute tut das den Offiziellen laut „Hamburger Abendblatt“ wohl leid. Entscheiden würden sie so trotzdem wieder.

In einer Hofeinfahrt hat sich eine größere Gruppe versammelt. Eine Frau in den besten Jahren diskutiert erregt mit zwei jüngeren Frauen und einem Mann in Trägershirt. Hinter ihr: Mehrere junge Leute, junge Frauen, junge Kerle. Ein Hüne in rotem Shirt fällt auf. Mit Körpergröße und markigen Sprüchen, ich höre irgendwas von „Kanaken“.

Hart, aber herzlich

Ich will mich vorstellen, aber die diskutierende Frau bremst mich aus: „Moment, Du bist gleich dran.“ Klassische Chef-Persönlichkeit. Freundlich, aber bestimmt. Als ich mich kurz danach als Journalist vorstellen kann, wird sie gleich mißtrauisch: „Von welcher Zeitung?“ Mit der Antwort „ZDF“ ist sie allerdings zufrieden, nimmt mich gleich am Arm, wird vertraulich. Eine Umgangsform, unüblich für klassische Hanseaten mit Goldknopf-Jackets, aber durchaus üblich für nicht-akademische Milieus mit signifikantem Migrationsanteil. Hart, aber herzlich. Typisch Jenfeld also. Ich mag das.

Ihr Mißtrauen gegenüber Journalisten erklärt sie mir, indem sie mir ein Smartphone in die Hand drückt, darauf geöffnet: Ein Artikel aus der taz. Darin würde sie auftauchen, klar zu erkennen durch die Personenbeschreibung. In dem Artikel fühlt sie sich in eine die rechte Ecke gerückt, dabei habe sie selber jahrzehntelang auf ihre deutsche Staatsbürgerschaft gewartet.

Ich! Rechts! Ich wollte eine Kanaken-Partei gründen, weil Kanake heisst für mich nur ‚Mensch‘. Ich bin hier Stadtteilrätin gewesen, ich bin engagiert, verstehe mich mit allen Nationalitäten gut! Ich bin doch nicht rechts!

Sorge, gemischt mit Verständnis, gemischt mit Vourteilen

Sie würde den Flüchtlingen gern helfen, mit ihnen Feste feiern, sie willkommen heißen. Ihr ist – wie anscheinend allen hier – klar, dass die ankommenden Menschen hier harte Zeiten hinter sich haben und eine Bleibe brauchen. Aber von der geplanten Anzahl fühlt sie sich überfordert. Sie hat Sorge vor der Überforderung und den Problemen, die entstehen. Genau wie die anderen, die bei ihr stehen.

Eine der jungen Frauen holt zögerlich ihre Vorurteile raus, merkwürdig gemischt mit Verständnis. „Die haben doch nichts, ist doch klar, dass die dann hier einbrechen. Und das sollen nur Männer sein, die hier ankommen. Alle traumatisiert. Ich hab gehört, letztens hätten zwei Flüchtlinge eine 11jährige vergewaltigt.“ Ihre Freundin widerspricht ihr. Das stimme nicht, sie hätte im Netz nichts dazu gefunden.

Die Stimmung in der kleinen Gruppe schwankt zwischen mitfühlend und um das eigene Wohl besorgt. Es geht ihnen weniger um das Lager. Mehr um das überrumpelnde Vorgehen des Bezirks. Und über die Medien, die sie als rechts abstempelten und von „Protesten“ schrieben, die es nicht gegeben hätte.

Das waren keine vierzig Leute hier am Donnerstag, das war ich mit zwei, drei anderen Frauen. Wir wollten wissen, was hier los ist als die hier auf einmal ankamen und die Zelte aufbauen wollten,

erzählt mir die Wortführerin.

Alles Nazis?

Und dann ist da noch die nicht zu übersehende Gruppe in schwarz, die an einem Ende des Lagers bei einer kleinen Hütte beisammen sitzt. Vereinzelt streifen einige von ihnen um das Lager, beäugen die Anwohner mißtrauisch aus der Ferne.

Es ist das schwer zu benennende „linke Spektrum“, das sich intern nie einig ist, nach außen aber in der Regel geschlossen auftritt und sich zwischen „Antifa“ und „Schwarzer Block“ bewegt. Ihre Mission: Nach den Rechten sehen, die sie hier vermuten.

Die Anwohner fühlen sich davon ungerecht behandelt, pauschal als „Nazis“ als beschimpft und permanent provoziert. „Ich hab extra geholfen gestern die Zelte auszustatten, damit die sehen, dass ich kein Nazi bin“. Die ehemalige Stadtteilrätin ist sauer. Fühlt sich von allen allein gelassen und bedrängt.

Auf einmal wird es laut. Einer der jüngeren in der Gruppe pöbelt lautstark in Richtung der Gruppe Schwarzgekleideter, die mit Sicherheitsabstand zu ihnen am Zaun entlang streifen. Er bewegt sich drohend auf sie zu, wirft mit Klischee-Klagen um sich. „Guck mich nicht so an! Was glotzt Du? Verpiss Dich, sonst…“

Eh die Situation eskaliert gehe ich zu der Gruppe rüber, stelle mich bei dem Angebrüllten vor. Das Willkommen ist weniger herzlich als bei den Anwohner: „Warum stehst Du bei denen?“ – „Weil ich als Journalist mit allen rede.“ Ok, das gesteht er mir zu.

Vorurteile – auf beiden Seiten

Der junge Mann mit Käppi und „szenetypischer Kleidung“ wie es im Polizejargon heißen würde, wirkt abweisend, leicht feindselig, äußerlich ruhig, aber innerlich aufgebracht. Er schildert mir eine Szene mit dem Hünen in rot. Er sei mit Baseballschläger zu ihnen gekommen, hätte „Sieg Heil“ gerufen. Solange sich die Anwohner nicht von ihm distanzieren würden, redet er nicht mit denen. Er ist das Pendant zu der Wortführerin der anderen Gruppe. Wortgewandt und -führend, dominant, aufgebracht.

Mein Einwände, dass man sich wohl nicht so einfach von Nachbarn, die man wahrscheinlich lange kennt und mit denen man aufgewachsen ist, distanziert, lässt er nicht gelten. Er argumentiert dogmatisch, unnachgiebig.

Ich kenn das doch. Der trinkt sich jetzt einen und dann zündet er nachts die Zelte an. Und wenn die bei dem Faschisten stehen bleiben, sind sie nicht besser als er.

Trotz der Hardliner auf beiden Seiten, kommt es zu einem Gespräch zwischen dem pöbelnden Jungspund, seinem Freund und zwei Mädchen aus der Gruppe der Linken. Die Jungs versuchen ihnen zu erklären, dass man sich „vor der eigenen Tür“ nicht anglotzen lassen wolle. Man könne das Problem dann doch Mann zu Mann auskämpfen. Aber nein, nicht gegen die Mädchen. Aber… Die Szene wirkt fast skurril, wäre sie nicht so traurig.

 Vermittlung – dringend gesucht

Die verschiedenen Milieus versuchen, sich anzunähern. Aber Selbstverständnis, intellektuelles Niveau und ein grundverschiedener Habitus stehen ihnen anscheinend im Wege. Ohne Mediation, denke ich mir, könnte das hier wirklich schwierig werden.

Dabei stehen hier doch viele auf ähnlichen Seiten. Dass man den Flüchtlichen nicht helfen wolle, hab ich von keinem Anwesenden gehört. Nur die einen müssen sich damit bald im Alltag auseinander setzen und haben – teilweise verständliche –  Sorgen und Ängste, gemischt mit Vorurteilen.

Die anderen wollen helfen, sind aber in der bequemen Lage, jederzeit wieder gehen zu können, wenn es ihnen zuviel wird. Ein Hauch von Selbstgerechtheit umweht dieses Lager, mit dem ich mich doch sonst immer recht gut identifizieren konnte.

Zwischen den Parteien stehen – wohl ab Ende dieser Woche – 800 Flüchtlinge. 800 Geschichten, 800 Hoffnungen, 800 eigene Sorgen. Die von diesen Problemen noch gar nichts wissen und sie wahrscheinlich weder nachvollziehen, noch gebrauchen können.

Im Gehen kriege ich mit, wie eines der Mädchen auf den Baseballschläger-Beschuldigten in rot einredet. „Ich hab das Gefühl, Du willst hier provozieren.“ Ich hab das Gefühl, er ist nicht der Einzige.




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