Wie John Oliver Information, Unterhaltung und Aktivismus vereint

Ich war gestern auf einer Veranstaltung des Betahauses Hamburg mit Juliane Leopold, Gründungsredakteurin von Buzzfeed Deutschland. Dort stellte ich ihr die Frage, ob es schwierig für Sie gewesen ist, vom ernsten, seriösen Journalismus bei Zeit Online zur eher leichten Unterhaltung bei Buzzfeed zu wechseln. 

Die Frage war weniger provokant gemeint, als sie Juliane wohl aufgenommen hat, denn sie revanchierte sich mit der Gegenfrage, ob es für mich schwer gewesen sei, von ZAPP zu den Penisdialogen zu wechseln. Touché:

Ich wollte eigentlich von ihr wissen, ob sie mit einer anderen Sicht an ihre Arbeit geht, ob sie andere Dinge für relevant und berichtenswert hält und wie sich das Verhältnis von Information zu Unterhaltung bei Buzzfeed geriert. Ich hätte die Frage vielleicht anders stellen sollen. Mein Fehler.

Ich finde die Diskussion wichtig, da ich bei mir selber feststelle, dass es mir in der Flut der verfügbaren Informationen zunehmend schwer fällt, bei komplexeren Themen bei der Stange zu bleiben.

Ich drifte schnell ab, wenn ein Artikel oder ein Film nicht gut gestaltet, vernünftig strukturiert und überzeugend geschrieben oder unterhaltend aufbereitet ist. Manchen, bestimmt wichtigen und klugen Artikel hab ich deswegen schon nicht zu Ende gelesen.

Wie kann Information anders vermittelt werden?

Ich beschäftige mich daher schon länger mit der Frage, wie Information anders vermittelt werden kann und wie unterhaltende Elemente dabei helfen können, ein Publikum für ein Thema zu interessieren, ohne dass dabei alles komplett verflacht. In Deutschland herrscht jedoch traditionell eine strikte Trennung zwischen E(rnst) und U(nterhaltung), die es in angelsächsischen Ländern so nicht gibt.

Eine Einstellung, die auch die in Berlin wohnende US-amerikanische Entertainerin Gayle Tufts stört, wie sie 2013 in der Süddeutschen Zeitung sagte:

Die Macher denken grundsätzlich zu sehr in Schubladen, trennen haarscharf zwischen E und U: Ernst darf nicht unterhaltsam sein, und Unterhaltung nie ernst.

Wie gross der kulturelle Unterschied ist, zeigte vorgestern wieder John Oliver in seiner Show Last Week Tonight with John Oliver (siehe Video). Oliver und sein Team schaffen es, ein 18-Minuten-Video über die merkwürdigen Machenschaften des Tabakkonzerns Philip Moris International zu produzieren, das keine Sekunde langweilig ist und dabei wichtige Aufklärungsarbeit leistet.

Höhepunkt der Nummer: John Oliver schlägt ein neues Maskottchen für Malboro vor - die Raucherlunge mit dem Cowboyhut.

Höhepunkt der Nummer: John Oliver schlägt ein neues Maskottchen für Marlboro vor – Jeff, die Raucherlunge mit dem Cowboyhut.

Simple Masche, gut umgesetzt

Die Masche ist eigentlich irre simpel: Informationsblöcke, die mit Einspielern oder Grafiken belegt werden, wechseln sich immer mit einem sarkastischen Kommentar Olivers ab. So zeigt Oliver einen Filmausschnitt von 2008, in dem ein Tabakbauer sagt, dass es so profitabel wie nie sei, Tabak anzubauen (bei 2:18).

Oliver: „Wow. Es ist also ein alterndes Produkt mit sinkender Popularität und trotzdem kann es irgendwie nicht damit aufhören, Geld zu verdienen. Es ist also quasi das landwirtschaftliche Pendant zu U2.“

Dann fährt er fort zu erklären, warum das so ist.

John Oliver 2

Wie Tabak für die Musikindustrie: U2.

Die Nummer gipfelt darin, dass Oliver ein neues Maskottchen für Marlboro vorschlägt und die Zuschauer auffordert, den Hashtag #jeffwecan weltweit zu verbreiten. Hier übertanzt die Sendung mit Leichtigkeit alle Grenzen zwischen Satire, Information und Aktivismus. Eigentlich ein Tabu-Bruch. Aber verdammt gut gemacht.

Und bei uns?

In Deutschland haben sich die „heute show“ und „Die Anstalt“ einiges von Oliver und seinem genialen Kollegen und Vorbild Jon Stewart abgeschaut. Jedoch fehlen mir bei der „heute show“ die tiefer informierenden Elemente und die Monothematik, die Sendung bleibt häufig eher auf Schenkelklopfer-Niveau und setzt einiges an Wissen voraus.

„Die Anstalt“ informiert zwar durchaus ihre Zuschauer und weist (auch mich) auf Fehlentwicklungen hin. Sie wurde daher im Laufe des letzten Jahres oft von Medienkritikern als Quelle für zuverlässige Informationen genannt und einziges Bollwerk gegen die „gleichgeschaltete Mainstreammedien“ gesehen.

Auf mich wirkt die Sendung jedoch oft etwas verbissen und Angesichts der dort präsentierten Weltlage leicht aggressiv. Die deutsche Kabarett-Tradition des „Da bleibt einem das Lachen im Hals stecken“ ist deutlich erkennbar.

"Die Anstalt" vermischt Kabarett mit Unterhaltung - ist mir aber oft eine Spur zu ernsthaft.

„Die Anstalt“ vermischt Kabarett mit Unterhaltung – ist mir aber oft eine Spur zu ernsthaft.

Beide Ansätze sind legitim und werden von mir gern geschaut. Die amüsierte WTF-you-wont-believe-what-happens-next-Leichtigkeit von Stewart und Oliver fehlen jedoch.

Jan Böhmermann hätte sicher das Zeug dazu, eine Mischung aus Info und Entertainment zu präsentieren, ohne dass „stern TV“ daraus wird. Derzeit ergeht er sich jedoch lieber in popkulturellen Referenzen aus den 90ern und der Veralberung von joggenden Politikern. Das ist unterhaltsam, aber nicht eine Sekunde informativ.

Mehr John und Oliver, bitte!

Ich würde mir hier mehr Mut zum Experiment wünschen. Der eigentlich passende Begriff „Infotainment“ ist leider von den Boulevard-Formaten im Privatfernsehen völlig zu Tode gerockt worden und liegt schmutzig und verschämt in der Medien-Schmuddelecke bei den Richter-Shows und Nachmittags-Talksendungen.

Lenk Dich kurz mit einem animierten gif ab!

Vielleicht traut sich ja mal irgendwann irgendjemand ihn in die Dusche zu stellen, die Fingernägel zu schneiden und neue Klamotten zu kaufen. Womit wir wieder bei Buzzfeed wären.

Nein, ich halte die Listicles, AniGif-Schlachten und Werbevideos für Obamas Gesundheitsreform nicht zwingend für Journalismus, sondern eher für Unterhaltung. Aber vielleicht steckt hinter dieser Aufbereitung auch ein Weg, Journalismus und Informationen anders aufzubereiten.

Ich bin da ganz bei @cheydolph, die darüber gestern schon mit @jensbest auf Twitter diskutierte:

PS: Was Journalisten von Buzzfeed und Co lernen können, hab ich mit Kollege Fiete Stegers schon einmal hier aufgeschrieben.

//UPDATE, 17.2., 17:57h//

Kollege Friedemann Karig reicht auf Facebook diesen Artikel von The Daily Beast über John Oliver herein.

Oliver’s show is generally placed in the same “fake news” subgenre of television that includes Comedy Central’s The Colbert Report and his former employer The Daily Show with Jon Stewart. But more and more often, the HBO newcomer looks, sounds, and feels like real news.

Darin bestreitet Oliver, dass er Journalismus machen würde, die Autorin belegt aber schlüssig, warum sie das für „Bullshit“ hält.

tldr
Journalismus und Unterhaltung schließen sich nicht gegenseitig aus. „Infotainment“ muss aus der Schmuddelecke geholt werden. John Oliver ist der Beweis dafür.



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