Wachstumsschmerz in der Youtubebranche

http://danielbroeckerhoff.de/wp-content/uploads/2015/01/bildschirmfoto-2015-01-28-um-21.53.36.png
YouTube trifft Fernsehen, das auf YouTube machen will.

von Nicola von Hollander und Daniel Bröckerhoff

Die Youtube-Vermarktungsplattform „Mediakraft“ verliert ihre besten Kräfte: Nachdem Youtube-Stars wie Florian Mundt („LeFloid“) und Simon Unge ihren Ausstieg beim derzeit größten deutschen Vermarktungsnetzwerk der Youtube-Szene ankündigten, hat sich zum Jahresanfang auch das Comedy-Trio „Ape Crime“ vom Netzwerk verabschiedet.

Es sind harte Zeiten für den Branchenprimus. Als einer der Ersten hatte das „Mediakraft“-Netzwerk um Christoph Krachten deutsche Youtuber unter Vertrag genommen. Der Deal: Wir kümmern uns um die Vermarktung, Rechtsfragen beim Urheberrecht und sorgen für mehr Reichweite. Dafür gebt ihr uns ein ordentliches Stück vom Werbeeinnahmenkuchen. Für viele junge Youtuber war die Aufnahme in eins der großen Netzwerke der Ritterschlag der Szene: Du bist gut genug, Du gehörst jetzt dazu.

Unruhe beim Mediennachwuchs

Doch seit einigen Monaten herrscht Unruhe beim Webvideonachwuchs. Nicht nur ihre Produkte, auch die Szene selber ist in Bewegung, manchen Youtuber treibt die Sinnsuche. Erst gab Florian Mundt, der als LeFloid zweimal wöchentlich Nachrichten jugendgerecht präsentiert, im Spätsommer 2014 bekannt, seinen Vertrag mit Mediakraft nicht verlängern zu wollen.

Dann ließ Simon Unge Ende Dezember seine Bombe platzen. Der Longboardfan mit den Dreadlocks, bekannt geworden durch Videospiel-Formate, trennte sich lautstark in einem Video von „Mediakraft“. Darin beschwerte er sich über schlechte Zusammenarbeit und mangelnde Wertschätzung und stellte die Arbeit auf den von „Mediakraft“ betreuten Kanälen ein.

Wir gucken dumm in eine Kamera

Oh, eine Kamera! Melanie und ich auf dem Weg zum Dreh mit 301+.

Ein Verein, kein Netzwerk!

Parallel dazu entstand im letzten Jahr der Verein „301+“. Fünfzehn Berliner Youtuber, unter ihnen Florian „LeFloid“ Mundt, schlossen sich hier zusammen. Ziel: kreativer Austausch, künstlerische Vernetzung und zusammen „geilen Scheiss“ machen, wie es die Vorsitzende Marie Meimberg im Zapp-Interview sagt. Sie verstehen sich als kreative Künstler, die sich nicht in jeder Hinsicht kommerziellen Anforderungen unterordnen wollen. Deshalb suchen sie neue Wege der Zusammenarbeit, auch unabhängig von Vermarktungs-und Partnernetzwerken.

Viele von ihnen sind oder waren bei „Mediakraft“ unter Vertrag und können sich auch weiterhin eine Zusammenarbeit vorstellen. Ein Anti-Netzwerk will „301+“ nicht sein. Aber Nachrichtenmann Florian Mundt lässt durchblicken, dass er sich bei Mediakraft wie ein Angestellter gefühlt habe und nicht wie ein Partner oder Freund. „Ich habe irgendwann den Mehrwert nicht mehr gesehen.“, sagt er zu Zapp.

„Alles total normal.“

Also ordentlich Stress zwischen Künstlern und professionellen Vermarktern in der aufstrebenden Youtube-Szene? Ach, was, das sei „alles ganz normal“, betont „Mediakraft“-Gründer Christoph Krachten im Interview mit ZAPP. Er meint, dass sich gerade einfach nur alle neu sortieren, das gehöre zu den Entwicklungen in einer jungen Branche: „Ich habe zu den Leuten ganz normale Kontakte. Ich schicke mir mit Simon [Unge] SMS hin und her. Es ist ganz normal.“

Sollte er Ärger verspüren, zeigt er diesen jedenfalls nicht öffentlich. Man kann nur vermuten, dass hinter der lockeren Körperhaltung und seiner guten Laune doch irgendwo ein Medienmanager unter Druck steckt. Denn „Mediakraft“ macht nach Angaben von Krachten noch keine Gewinne, sondern lebt von Investorengeld – denen gegenüber man irgendwann Rechenschaft ablegen muss.

Bei Dreh von 301+: Nilam "Daruum" im beeindruckend professionellen Set.

Beim Dreh von 301+: Nilam „Daruum“ und der seriöse Kinnhalter-Blick.

Da kommt es sicher nicht allzu gut an, dass auch das Comedy Trio „Ape Crime“ zum Jahresende 2014 still und leise bei „Mediakraft“ ausstieg und das Netzwerk wechselte. Gegenüber Zapp gab es dazu keine Stellungnahme von den Komikern, doch in einem Video kommentierten die drei den Ausstieg von Simon Unge humorvoll und doppeldeutig. Klare Botschaft: Wir sehen das genau so.

Nach Ansicht des Webvideo-Experten Markus Hündgen hat „Mediakraft“ diesen Zustand selbst mit verursacht: Die Stars hätten durch zu wenig persönliche Betreuung entdeckt, dass sie auch auf anderen Wegen am Markt bestehen können – und das größte deutsche Netzwerk nicht mehr brauchen.

Einzelfall oder Massenphänomen?

Die Unruhe im Markt also nur die Krise eines Einzelnen? Nicht ganz, meint Hündgen. Es sei immerhin der Branchenprimus, der extrem unter Beschuss stünde: „Das strahlt natürlich ein bißchen auf die Branche ab. Deswegen kann man jetzt nicht ganz sagen, die Branche hat da gar kein Problem, aber tatsächlich ist es so, dass es eigentlich ein Einzelfall ist.“

"Alles total normal." Mediakraft-Geschäftsführer Christoph Krachten ließ sich durch unsere Fragen nicht aus der Ruhe bringen.

„Alles total normal.“ Mediakraft-Geschäftsführer Christoph Krachten ließ sich durch unsere Fragen nicht aus der Ruhe bringen.

Doch trotz des Ärgers: Auch Hündgen meint, dass es sich hier um Geburtsschmerzen eines neuen Marktes handelt. „Aus der Nische ist eine Branche geworden, die in sehr kurzer Zeit mit sehr viel Geld und sehr viel Professionalisierung klar kommen musste und das Wachstum, was da stattfindet, das tut dann manchmal weh. Das ist genau das, was sich jetzt zeigt.“

Die Youtuber-Pionierzeit scheint also vorbei. Die erste Generation der ehemaligen Kinderzimmer-Videofilmer wird erwachsen und probiert zum 10-jährigen Jubiläum der Videoplattform ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein aus.

Dazu gehört auch, dass sich Netzfilmemacher unter dem Hashtag #YouGeHa (Youtuber gegen Hass) in die Pegida-Diskussion einmischen und sich ernsthaft mit den Themen Fremdenfeindlichkeit und Migration beschäftigen. Allein LeFloid erreichte mit seinem Video zum Thema mehr als eine Million Klicks – der publizistische Einfluss der ehemaligen Amateurfilmer ist nicht mehr zu leugnen.

Das ganze Interview mit 301+ gibt es hier beim NDR. Das Interview mit Christoph Krachten gibt es hier zu sehen.

Der Text erschien zuerst beim Medienmagazin Zapp (NDR).