Wie zwei junge Filmemacher die letzten Dreckslöcher der Erde filmten statt Werbung zu machen

Es gibt so Leute, die sind mit Anfang zwanzig schon weiter als andere mit Ende dreissig. Die Brüder Dennis (22) und Patrick (20) Weinert gehören dazu, wenn sie nicht die Erfindung einer PR-Agentur sind. Denn was die beiden mit ihrem ersten Fotoprojekt abliefern ist verdammt beeindruckend und so professionell – ich konnte erst kaum glauben, dass sie das ganz allein gestemmt haben.

A world in distress – Eine Welt in Not“ haben Sie ihr Buch genannt, in dem sie ihre Reisen auf die Philipinen, nach Burkina Faso und Nepal dokumentieren. Derzeit läuft auf Indiegogo eine Crowdfundingaktion, mit dem die Brüder jedoch nicht nur den Druck von Buch und Kalender finanzieren wollen:

Alle Gewinne, die auf kurz oder lang mit diesem Projekt erwirtschaftet werden, wollen wir spenden. Unsere privaten Aufwendungen von 20.000€, die wir vorab in die Produktion der Inhalte dieses Buches investiert haben, werden wir dabei maximal zur Hälfte zurückgewinnen können.

Allein die Summe machte mich erst stutzig: Wie konnten zwei junge Filmemacher Anfang 20 eine Summe von 20.000€ zusammen kriegen, die Ausrüstung finanzieren, um so ein Projekt vorzufinanzieren?

Dennis & Patrick Weinert in Langtang, Nepal (Copyright: Weinert)

Dennis & Patrick Weinert in Langtang, Nepal (Copyright: Weinert)

Also hab ich Ihnen per Mail ein paar Fragen geschickt, auf die sie ausführlich geantwortet haben.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Reisen in die ärmsten Länder der Welt zu machen? Normalerweise fährt man in eurem Alter nach Ibiza zum Feiern…

Ursprung des Ganzen war unser generelles Interesse an Film und Fotografie. Schwer zu beantworten, was der ursprüngliche Auslöser dafür war. Wir haben schon früh damit angefangen (so mit 12 bzw. 10), erste Kurzfilme mit unseren Freunden zu drehen und nach diesen ersten Versuchen wurde der Wunsch, Film und Fotografie beruflich zu machen über die Jahre dann immer stärker.

Unsere andere große Leidenschaft war alles, was im weitesten Sinne mit Sport und Abenteuer zutun hatte. Das fing an mit kleinen „Survival“-Trips im Teutoburger Wald mit Übernachtung im Freien etc. und ging dann soweit, dass wir im Sommer 2011 zu zweit einmal quer durch die Wüste von Tabernas in Südspanien wanderten, und dort, motiviert durch Bear Grylls‘ Man vs. Wild, mal die Kamera mitnahmen und eine kleine Minidoku für unsere Familie über diesen Trip drehten.

Das Ergebnis war natürlich nicht sonderlich berauschend, aber zum Lernen war’s auf jeden Fall ein lohnenswertes Projekt.

Ab diesem Zeitpunkt wurde uns dann auch ein wenig klarer, was genau wir eigentlich machen wollen und wie sich unser Stil entwickeln sollte. Wir haben uns dann viel mit zeitgenössischem amerikanischen Independent Film einerseits und dokumentarischen Arbeiten von Leuten wie Michael Glawogger, Steve McCurry, Antoine D’Agata und Tim Hetherington andererseits beschäftigt.

Schule hatte uns beide nie besonders interessiert. Ich (Dennis) war froh, als ich mein Abitur fertig hatte und entschied mich dann vorerst dazu, an der Open University in England International Studies zu studieren. Ich hatte durch mehrere Aufenthalte und ein paar Monate auf einer englischen Militärschule Bock auf englisch zu studieren und da die Open University ihre Kurse Online anbietet war das ganz gut für mich, weil ich dann meistens in Deutschland bleiben konnte und wir nebenher die ersten „professionelleren“ Videoprojekte in Angriff nehmen konnten.

Als Patrick dann die Schule 2012 beendete, war klar dass wir uns selbständig machen wollten. Ich brach also mein Studium ab und wir fingen damit an, kleine Werbejobs (Corporate Videos, Produktphotos, ab und zu auch Webdesign) für lokale Firmen zu produzieren.

2013 hatten wir dann das Glück, über die US-Crowdsourcing-Werbeagentur Tongal an ein paar lukrative Aufträge zu kommen. Das Prinzip war so: Große Firmen wenden sich mit Werbeaufträgen (meist Werbespots für Social Media oder TV) an Tongal und diese eröffnen dann einen Wettbewerb für junge Autoren und Filmemacher auf ihrer Plattform. Die besten Konzepte gewinnen und bekommen eine Vorschuss für die Produktion des Spots.

Wir konnten uns zweimal durchsetzen, einmal für Shutterstock und das andere Mal für Colgate Mexico. Der Aufwand war natürlich unbeschreiblich – in Rheda-Wiedenbrück genügend „Schauspieler“ und Locations zu finden ist schon eine Aufgabe. Wenn die Jungs dann auch noch wie Mexikaner aussehen sollen wird’s schwierig 😀 Aber es ging dann doch alles glatt und deshalb war danach auch ein bisschen Kleingeld übrig.

Die letzte Hürde war gemeistert – also musste eine neue Herausforderung her. Mit dem Geld buchten wir nach einigen Wochen Recherche zwei Flüge nach Manila. Unser Ziel: uns an dokumentarischer Fotografie versuchen – testen, wie wir uns in den Slums von Manila zurechtfinden würden. Und ob diese Art von kreativer Arbeit überhaupt das richtige für uns ist.

Die drei Wochen auf den Philippinen waren in jeder Hinsicht eine Grenzerfahrung. Und wenn man ehrlich ist, gab es auch den ein oder anderen Moment, in dem man dachte dieser ganze Krempel ist eine Nummer zu groß für uns. Aber letztendlich kamen wir dann doch zu dem Entschluss, dass dieser Trip nur der Anfang sein sollte. Es war zumindest plötzlich eine ernüchternde Perspektive, nach Hause zu fahren und weiter Werbung zu machen.

Klar, für’s Portemonnaie wär’s das beste gewesen – aber unser Bild von dem was wir als wichtig erachteten und was als unwichtig hatte sich gründlich verschoben. Ich schätze, dass war vielleicht der ausschlaggebende Moment. Da gab es kein zurück mehr. Wir bekamen ja auch erstes Online-Feedback zu unseren Arbeiten von Freunden und der Familie – und merkten plötzlich, was unsere Arbeit in Menschen auslösen konnte. Das hatten wir mit den Werbeprojekten so nicht erlebt.

Also kam uns noch auf den Philippinen der Plan, etwas Größeres zu starten. Wir wollten uns näher mit dem Thema Armut beschäftigen. Die Idee kam auf, einen Bildband zu produzieren – Ziel die ärmsten Länder der Welt. Wie fühlt sich extreme Armut an? Gibt es Zusammenhänge und Muster, die sich weltweit erkennen lassen? Und kann überhaupt etwas unternommen werden, um die Situation in den betroffenen Ländern nachhaltig zu verändern?

 

Patrick Weinert in Burkina Faso (Copyright: Weinert)

Patrick Weinert in Burkina Faso (Copyright: Weinert)

Wie habt ihr die Reisen organisiert? Nach welchen Kriterien habt ihr die Länder ausgesucht?

Nachdem wir wieder zuhause waren, fingen wir sofort damit an Recherche zu betreiben. Es war recht früh klar, dass es drei Länder werden sollten.  Es ging uns wie gesagt darum, das Thema Armut so repräsentativ wie möglich zu behandeln, ohne dabei ein CIA World Factbook daraus zumachen. Es ging uns darum das Objektive durch genug Subjektives zu erzeugen. Für 5 Länder hätte weder Zeit noch Geld gereicht. Also drei. Die Statistiken (bspw. LDC Index der UN) hätten es locker gerechtfertigt, einfach in drei afrikanische Länder zu fahren. Aber wir produzieren ja ein visuelles Medium  – also war der Anspruch da, natürlich auch optische Abwechslung zu bieten. Drei Länder auf drei Kontinenten sollten es also werden.

Bei allen Ländern die wir in der Auswahl hatten kam es also auf folgende Aspekte an:

– Visaformalitäten
– Drehgenehmigungen
– Kommunikationsmöglichkeiten
– Infrastruktur
– Sprache
– Preisniveau
– Religion
– Terrorgefahr
– Kriminalität
– Medizinische Versorgung
etc.

Jemen, D.R. Kongo und Somalia erschienen uns bspw. als zu gefährlich. Sudan wäre wegen Drehgenehmigung und Bewegungsfreiheit schwierig geworden. Burkina Faso erschien uns als eine rundum gute Wahl. Bei den anderen Regionen gab es ähnliche Überlegungen, bis dann letztendlich nur noch jeweils ein Land übrig blieb.

Zu Beginn des Jahres buchten wir alle Flüge, besorgten das nötige Equipment, bereiteten die Crowdfunding-Kampagne vor und ließen uns gefühlte 1000 mal impfen. Im März ging es dann los.

Vor Ort ging es uns darum, so nah wie möglich an unsere Protagonisten heranzukommen. Wir haben in diesem Jahr wochenlang unter freiem Himmel geschlafen, nur sporadisch fließend Wasser oder Strom gehabt und zumeist das gegessen und getrunken, was die Einheimischen zu sich nahmen. Daher auch die vielen gesundheitlichen Schwierigkeiten. Amöbenruhr, verschiedene Pilze, Hautausschläge etc.

Wie lange wart ihr jeweils in den Ländern?

Wir waren immer einen Monat im Land und dann einen Monat zuhaus. Wir wollten zunächst nur zwei Wochen in Deutschland verbringen, dass war dann aber gesundheitlich nicht möglich.

Wie seid ihr gereist? Wo seid ihr untergekommen?

Wir sind hauptsächlich mit Bussen gereist. Ansonsten auch mal auf Eselskarren und auf Motorrädern und natürlich hunderte Kilometer zu Fuß. Wir haben versucht so billig wie möglich zu leben. Entweder sind wir in den billigsten Hostels abgestiegen oder wir haben bei unseren Protagonisten gewohnt oder draußen campiert.

Wie zur Hölle habt ihr die 20.000€ zusammen bekommen, die ihr nach euren Angaben vorfinanziert habt?

Das nötige Geld kam zu einem kleineren Anteil aus unseren Ersparnissen und zum Großteil aus der Familie, quasi als Darlehen (glücklicherweise zinslos :D). Es hat eine Weile gedauert bis wir unseren Pitch soweit fertig hatten – es war klar, dass es keine leichte Aufgabe war, unsere Familie davon zu überzeugen uns A) einen verdammt großen Haufen Kohle zu leihen und B) uns damit in die größten Dreckslöcher dieses Planeten ziehen zu lassen.

Wie verdient ihr zur Zeit euren Lebensunterhalt?

Wir haben uns angewöhnt, sehr sparsam zu leben. Wenn wir in Deutschland sind wohnen und arbeiten wir in unseren „Kinderzimmern“. Wir zehren immer noch von den 20.000€, bis Ende 2014 haben wir in Vollzeit an diesem Projekt gearbeitet.

Ein kleines Mädchen arbeitet in Ulingan, Philipinen (Copyright: Weinert)

Ein kleines Mädchen arbeitet in Ulingan, Philipinen (Copyright: Weinert)

Inwiefern haben das Projekt und die Reisen eure Zukunftsperspektiven geändert? Wollt ihr weiterhin Werbefilme drehen oder seht ihr euch eher im aktivistischen Journalismus?

Für uns stand am Anfang des Projekts noch im Raum, zurück in den Werbebereich zu gehen, nachdem „A World in Distress“ abgeschlossen ist. Schließlich muss das Geld ja auch zurückverdient werden. Allerdings hat sich da einiges geändert. Wir hoffen, im Journalismus und in der Dokumentarfotografie bleiben zu können. Entsprechende Kontakte haben sich über den Verlauf des Jahres entwickelt. Da ist zwar noch nichts spruchreif, aber wir haben Aussichten, in diesem Bereich weiterarbeiten zu können.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit den Projekten gekommen?

Die aktive Suche nach Hilfsprojekten entstand immer erst vor Ort und nachdem wir unsere Themenauswahl fertig hatten. Jedes Hilfsprojekt hat direkt mit einem von uns behandelten Thema zutun. Der eigentliche Entschluss für die Organisationen kam immer erst zuhause, nachdem wir ordentlich recherchieren konnten, wie die Organisation arbeitet und vor allen Dingen auch ein regelmäßiger Email Kontakt entstanden war.

Könntet ihr mal aufdröseln, wie sich genau die 25.000€ Fundingsumme zusammensetzen? (Ich hab jetzt mal selber zusammen gereimt: 5.000€ Spenden, 10.000€ Produktionskosten, 10.000€ Druck und Vertrieb, stimmt das?)

Prozentual sieht die Verteilung folgendermaßen aus: 20% Spenden, ca. 40% Druck und Vertrieb, 8-13% Transaktions- und Plattformgebühren, der Rest dient als Teilrückzahlung an unsere Gläubiger.

Wie wollt ihr die Spenden an die Organisationen nachweisen?

Sobald wir die Gelder an die unterstützten Projekte ausgezahlt haben, werden wir die Spendenquittungen als Beleg hochladen und allen Unterstützern zugänglich machen. Zusätzlich verweisen wir natürlich darauf, dass die ensprechenden Organisationen auch gerne kontaktiert werden dürfen, um festzustellen ob das Geld auch wirklich angekommen ist.

Wie professionell ihre Arbeit ist zeigen Dennis und Patrick in einem ersten Film über die Holzköhler auf den Philipinen:

//Disclaimer//

Ich muss mich an dieser Stelle bei Dennis und Patrick entschuldigen. Ich wollte schon Anfang November 2014 über ihr Projekt bloggen, aber aufgrund eines sehr umfangreichen Umzugs bin ich einfach nicht dazu gekommen. Jungs, tut mir leid!



  1. Patricia Holland-Moritz

    Danke für den Beitrag – er öffnet die Augen für das „Mehr“, das es im Leben eines jeden von uns gibt.
    Vorsichtig wäre ich mit Begriffen wie „die letzten Dreckslöcher der Erde“. Was für Un-Orte voller Armut Du damit meinst, ist klar. Aber dort leben Menschen, auch wenn das allein schon die schlechte Nachricht ist. Die Wortwahl kommt arrogant rüber – ich bin allerdings froh, dass mich die Überschrift des Artikels nicht vom Lesen abgehalten hat. Schöne Grüße, phm.


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