Warum Jan Josef Liefers für mich ein Held ist

http://danielbroeckerhoff.de/wp-content/uploads/2014/11/bildschirmfoto-2014-11-05-um-13.02.05.png
Jan Josef Liefers bei der Demo auf dem Alexanderplatz 1989

Ein Gastbeitrag von Daniel Erk

Gestern vor 25 Jahren fand die erste freie Demonstration der DDR statt. Auch wenn der Mauerfall fünf Tage später das dramatischere Ereignis war: Diese Tag war der entscheidende Knackpunkt der Friedlichen Revolution in der DDR.

Daniel Erk, Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Business Punk, Zeit Campus, Zeit Online und Fluter.

Daniel Erk, Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Business Punk, Zeit Campus, Zeit Online und Fluter.

800.000 Menschen (das sind mehr Menschen, als Stuttgart Einwohner hat) hatten sich zwischen dem Bahnhof Alexanderplatz und, fast ein bisschen ironisch, dem Haus des Reisens versammelt. 30 Redner traten zwischen 11:18 Uhr und 14:15 Uhr auf die Bühne an der Kreuzung Alexanderstraße und, damals, Hans-Beimler-Straße, um ihre Hoffnungen für die Zukunft zu verhandeln.

Neben Ulrich Mühe, Stefan Heym, der späteren Stasi-Unterlagen-Leiterin Marianne Birthler, Heiner Müller, dem späteren PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky und Christa Wolf sprach an diesem grauen Novembertag auch der 25-jährige Filmstudent Jan Josef Liefers.

Alle Reden dieses Tages sind interessant.

Einerseits, weil die Demonstration ein eindrucksvolles Schaulaufen der Zivilgesellschaft der DDR war. Aber auch, weil man sehr genau hinhören muss, um die fein formulierte, sehr vorsichtige Kritik der Reden in all ihrer Macht zu verstehen.

Liefers sagt da zum Beispiel:

Aber ich meine: Wir sollten darauf achten und uns verwahren gegen mögliche Versuche von Partei- und Staatsfunktionären jetzt oder zukünftig, Demonstrationen und Proteste von Menschen unseres Landes für ihre Selbstdarstellung zu benutzen.

Liefers sagte das nicht ohne Grund. Direkt nach ihm, dem jungen, sichtlich nervösen Filmstudenten, der seine Kritik sehr tastend, manchmal arg umständlich vorbringt, sprach „der Rechtsanwalt Gregor Gysi“, wie ihn der Moderator den sehr selbstsicheren, witzelnden Beitrag Gysis ankündigt.

Man muss die Reden von Liefers und Gysi mehrmals hören (ich zumindest musste das), bis ich verstand: Die beiden fordern sehr gegensätzliche Dinge. Liefers fordert die Revolution nicht den Funktionären zu überlassen und stellt den Machtapparat der DDR grundsätzlich in Frage – Gysi verteidigt Egon Krenz, fordert eine führende Rolle für die SED, einen außerordentlichen Parteitag um über die Zukunft der DDR zu entscheiden und sagt „Wir brauchen den Staat – und die Staatsautorität“.

Auch wenn Gysi und Liefers das jeweils gut verstecken: Sie reden gegeneinander an. Und der Mutige von Beiden ist nicht der Anwalt und spätere Politiker, sondern der Schauspielschüler und heute alberne Tatort-Kommisar. Um kurz pathetisch zu werden: Liefers ist, für mich, ein Held.

[Interessant übrigens auch das: Gysi spricht in seiner Rede, fünf Tage vor dem Mauerfall, Monate ehe die Wiedervereinigung überhaupt denkbar wurde, schon von „der Wende“.]

 

Die ganze Rede von Liefers hier auf Youtube. Gut 20 Jahre später erinnert sich Liefers in einer SWR-Doku noch einmal an diesen Moment:

Dieses Posting erschien zuerst auf der Facebook-Seite von Daniel Erk.

 




Schreibe einen neuen Kommentar