Friedenspreis für Lanier: Auf einen „Blender“ reingefallen?

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Jaron Lanier (2006)

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels für den „Internetkritiker“ Jaron Lanier war gestern eines der Hauptnachrichtenthemen. Doch statt sich zu freuen, dass „einer aus dem Netz“ einen der renommiertesten Preise in Deutschland gewinnt, zeigten sich viele aus der Netzgemeinde ™ verärgert – vor allem über die Berichterstattung.

Ich habe ehrlich gesagt Laniers Werk, seine Thesen und die Kritik an ihm bislang nur am Rande mitbekommen. Auch die Preisverleihung war mir relativ schnurz, bis Jens Best gestern Abend twitterte:

Jens Best ist – das muss man dazu sagen – ein wortgewaltiger Kritiker. Wenn ihm etwas nicht passt, kann er laut werden und nicht immer bin ich mit ihm einer Meinung. Als er mir dann aber auf Nachfrage diese drei Artikel schickte, die schon im Juni die Preisverleihung an Lanier scharf kritisierten, wurde ich aufmerksam:

Florian Cramer schrieb im Merkur-Blog:

Einen “der Pioniere in der Entwicklung des Internets” und “wichtigsten Konstrukteure der digitalen Welt”, der “als führender Wissenschaftler ein Projekt mehrerer Universitäten zur Erforschung des ‘Internets 2′” leitet, glaubt der Börsenverein des deutschen Buchhandels zu ehren. Frank Schirrmacher nennt ihn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den “Informatiker, der das Internet mitentwickelte”, Die Zeit einen einstigen “Evangelisten des Silicon Valley”, der wie ein moderner Saulus “gewissermaßen ein Dissident seiner selbst” geworden sei.

Der Schönheitsfehler: Nichts davon stimmt. Und alle Missverständnisse hätten sich mit minimalem Rechercheaufwand vermeiden lassen. In ihren Angstgefechten mit dem Internet sind die Qualitäts-Printmedien unzuverlässige Quellen geworden.

Ulrich Gutmaier meinte dazu auf taz.de: „Abgesehen davon hat Lanier das Internet so gründlich missverstanden wie kaum jemand anderes.“ Jürgen „@tante“ Geuter fand auf Spiegel Online, dass der Friedenspreis für Lanier eine „Kriegserklärung“ sei, Jens Best nennt ihn einen „Blender“ und Kollege Falk Lueke betitelte ihn schon damals schlicht als den „Pixibuchfriedenspreisträger„.

Die Kritik an Lanier in Kürze zusammengefasst:

– er sei gegen Open Source und kritisiere Crowd-Projekte, weil dafür keiner Geld kriege

– statt Daten zu schützen und ein neues digitales Bürgerrecht mitzuentwickeln schlage er vor, dass Nutzer Geld für ihre Daten von Unternehmen bekommen, die sie verwenden

– er habe den Begriff „Virtuelle Realität“ mit populär gemacht und so für das Mißverständnis gesorgt, dass Internet / Technologie und Realität zwei verschiedene Dinge seien

– er halte das deutsche Leistungsschutzrecht im Internet für eine gute Sache

– er sei ein Schreihals und Krawallmacher und würde einfache Sichtweise tradieren

Kritik ist immer subjektiv und muss nicht stimmen. Aber wenn so viele Menschen, denen ich Sachverstand zutraue, die Auswahl eines Preisträgers kritisieren sollte das bei der Berichterstattung zumindest erwähnt werden.

Doch was gestern und heute von großen Redaktionen über Lanier und den Friedenspreis veröffentlicht wurde war größtenteils kritikfrei. Die Titelseite der Hamburger Morgenpost liest sich heute morgen so:

Auch in den Filmen der Kollegen von Tagesthemen und Heute Journal fehlt die Kritik an Lanier. Das ist für öffentlich-rechtliche Nachrichten mindestens bedauerlich, wenn nicht ein schwaches Bild.

Genau wie in der FAZ, der Deutschen Welle, auf den HR-Sonderseiten zur Frankfurter Buchmesse, bei der WELT: Kein Wort über die Kritik, die bereits vor 4 Monaten von vielen Seiten geäußert wurde.

Dass es auch anders geht, zeigt DRadio Kultur, in dem es Christoph Kappes interviewte, der mit Sascha Lobo gerade ein neues Buch-Portal gegründet hat.  Im Gespräch sagt er: „Lanier ist nicht das, was man ihm nachsagt“ und man zeige eine „Unkenntnis des Preisträgers, den man ausgewählt hat“.

Es geht ein Riss durch die Redaktionen

Es scheint hier vor allem ein Riss durch die Redaktionen zu gehen. Dort, wo es Fachjournalisten gibt, die die verschiedenen Netz-Diskurs verfolgen und die Kritik an Lanier wahrgenommen haben, fand sich diese auch in der Berichterstattung wieder.

Wer sich einzig auf die Presseveröffentlichungen des Börsenvereins und die bei der Preisverleihung gehaltenen Reden verließ, zeigte nur die eine Seite der Medaille – obwohl die andere seit vier Monaten öffentlich für jeden einsehbar war.

Ob Lanier ein „Blender“ ist oder nicht mag ich nicht zu beurteilen. Aber dass es einen regen Diskurs über ihn und seine Thesen gibt, sollte doch erwähnt werden.

//UPDATE, 14.10.2014, 12:40 Uhr//

Die Friedenspreis-Rede von Lanier ist nun im englischen Wortlaut verfügbar: “High tech peace will need a new kind of humanism”.

Joachim Graf hat auf iBusiness.de den Streit um Lanier analysiert:

Lanier meint, durch Shitstormwellen und Zusammenrottungen von Nutzern wäre das Internet das falsche Medium für einen tiefgehenden Diskurs: „In der Online-Welt führen These und Antithese, eine Hand und die andere, nicht mehr zu einer höheren Synthese“, sagte er. Ich widerspreche ihm insoweit, dass es ein Mittel sein kann, genau diese Synthese herstellen zu können – weil es zumindest die Positionen offenlegt. Die Synthese müssen Menschen machen. Algorithmen – und da hat Lanier recht – können dies nicht. Wir sollten also das Internet genau wie seinen Protagonisten Lanier genauso dialektisch betrachten, wie sie sind: Als Einheit von Widersprüchen. Wer frei ist von Schuld, der werfe das erste Bit.



  1. hardy

    dann lege ich mal alle das feature von roman herzog „Pathologien der Freiheit – Der Neoliberalismus, das Internet und wir“

    http://mp3-download.swr.de/swr2/feature/podcast/2014-10-08-pathologien-der-freiheit.19244s.mp3

    ans herz und bitte mal drum, nicht den (schnell!schnell!shnell! ich muss noch 50 meinungen in den nächsten drei minuten haben) reflex überhand nehmen zu lassen, so zu tun, als befänden wir uns immer noch im jahr 2007 und müssten „unser“ interet gegen die bösen emailausdrucker verteidigen.

    das ist nämlich so was von 2007 …

    roman herzog ist übrigens auch der autor von „Der ökonomische Putsch – was hinter den Finanzkrisen steckt“ das eine mehr als passable und kohärente darstellung dessen, was wir so als krise erleben, anbietet.

    mir ist ziemlich egal. wer was in der „netzgemeinde“ zum thema zu sagen hat, ich finde, alle sollten sich einfach mal mehr zeit lassen, ein paar dinge zu ende zu denken. dann wird das, was lanier mitzuteilen hat, nicht mehr ganz so bizarr erscheinen, nur weil wir alle in das spiel verstrickt sind und einfach schwierigkeiten zu haben schein, es von aussen zu betrachten.

    das scheint mir aber dringendst erforderlich und deshalb hat mich die preisverleihung – ohne daß ich mit allem und jedem einverstanden sein müsste, was er sagt – richtig gefreit. ich ärgere mich eher über intellektuelle schnellschüsse aka präkoxxe 😉

    • Daniel Bröckerhoff

      Ich sehe da keine „Schnellschüsse“, ich sehe da zwei grundsätzlich verschiedene Diskursansätze und Lanier vertritt halt einen relativ amerikanischen, der daher in der europäischen Netzszene nicht so gut ankommt.

  2. Stadler

    Es geht gar nicht nur um die Frage, ob Lanier ein Blender ist. Ich habe ihn immer als Wirrkopf wahrgenommen, dessen „Virtual Reality“ keinen wirklichen Bezug zur Entwicklung des Internets hatte. Er hat keinen wesentlichen Beitrag geleistet und er hat z.T. fragwürdige und seltsame libertäre Thesen verbreitet. Dem Buchhandel hat vermutlich gefallen, dass er Google kritisiert. Aber sonst?


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