ARD-Film über Odenwaldschule: Alles nur geklaut?

Selten ist mir eine Recherche so schwer gefallen wie in den letzten drei Tagen. Zunächst schien die Sachlage klar: Der WDR und die Produktionsfirma ndf haben sich für ihren Film „Die Auserwählten“ großzügig am Buch von Andreas Huckele „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ bedient. Darin schildert er seine Jahre an der Odenwaldschule, wie er vom Schulleiter Gerold Becker mißbraucht wird, wie lange es dauerte, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären. Doch dann wurde es kompliziert.

Denn je tiefer wir in die Geschichte eintauchten, umso mehr Fragen stellten sich uns. Zum einen vermeintlich einfach zu klärende Sachfragen: Wie ähnlich sind sich die Figuren im Film und im Buch? Wie einzigartig sind die Erlebnisse Huckeles oder gibt es andere Opfer mit ähnlichen Geschichten? Wie ist die Entstehungsgeschichte des Films? Hat der WDR selbstherrlich entschieden, Huckeles Geschichte zu nutzen oder gab es Gespräche zwischen den Parteien und dann den Entschluss, nicht mehr zusammen zu arbeiten?

Schlüsselszene im Film - und in Huckeles Buch. Aber war er der Einzige, der so geküsst wurde?

Schlüsselszene im Film – und in Huckeles Buch. Aber war er der Einzige, der so geküsst wurde? (Foto: Das Erste / WDR)

Zum andere aber auch Fragen, die nur schwer zu beantworten waren: Gibt es noch andere Motive hinter der Beschwerde Huckeles und seines ehemaligen Zimmergenosse außer der Persönlichkeitsrechtsverletzung oder nicht? Warum ist Huckele nicht mehr Mitglied bei Glasbrechen e.V., dem Verein einiger Opfer der Odenwaldschule? Was ist hinter den Kulissen des Opferverbandes in den letzten Jahren passiert? Welche Rolle spielt die geplante Verfilmung seines Buchs, die Huckele gemeinsam mit der Produktionsfirma Dreamtools parallel zum WDR-Projekte voran trieb?

Viele Gespräche – immer noch offene Fragen

Meine Kollegin Lida Askari, unsere Redakteurin Juliane Puttfarcken und ich haben in den letzten Tagen viel geredet – mit dem WDR-Redakteur Götz Schmedes, dem Produzenten Hans Koch, mit Vertretern von Glasbrechen und natürlich mit Andreas Huckele und seinem Anwalt Christian Schertz.

Huckele wollte uns am Ende kein Interview mehr geben, dafür war Herr Schertz bereit mit uns zu sprechen. Und obwohl wir mit allen Beteiligten intensiv geredet haben, bin ich mir am Ende immer noch nicht sicher, wer in dem Streit Recht haben könnte.

Gut, könnte man sagen, ein Journalist ist kein Richter, er soll nur sagen, was ist. Auf der anderen Seite soll er ja auch einordnen, dem Zuschauer/Leser eine Orientierung bieten, eine Haltung haben.

Können überhaupt alle Betroffenen mit so einem Film einverstanden sein?

Einzelfall oder Systematik?

In dem Fall ist mir das außerordentlich schwer gefallen. Ich glaube Andreas Huckele, dass er sich in dem Film wiederfindet und meint, Szenen aus seinem Buch seien hier verwendet worden. Ich glaube aber auch anderen Opfern, die sagen, sie hätten es genauso erlebt und würden sich ebenfalls wieder erkennen und Huckele sei mit seinem Empfinden nicht allein.. Und ich glaube dem WDR und dem Produzenten, dass sie in ihren Augen keine Einzelbiographie verfilmt haben, sondern den systemischen Mißbrauch exemplarisch aufzeigen wollten.

Ob es uns gelungen ist, diesen Zwiespalt in unserem Beitrag deutlich zu machen und ausgewogen allen Seiten gerecht zu werden muss der Zuschauer entscheiden. Anmerkungen dazu gern in die Kommentare.

Unsere Interviews in voller Länge:

– Produzent Hans Koch: „Wir wollten keine Einzelbiografie verfilmen“ 

– Anwalt Christian Schertz: „Eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts“ 

– Redakteur Götz Schmedes (WDR): „Wir stehen auf der Seite der Betroffenen“ 

Weiterführende Links:

– DWDL (2014): Rechtsstreit um Missbrauchs-Film der ARD

– DWDL (2012): Ein Thema, zwei Filme: Auf dem Rücken der Opfer?

– Glasbrechen e.V.: Presserklärung von Glasbrechen zum Versuch, den Themenabend der ARD zu sabotieren

– netzwerkB.org: Zwei Opfer wehren sich gegen “Die Auserwählten”

– netzwerkB.org: “So viel Kaltschnäuzigkeit hätte ich nicht erwartet”

Abschlussbericht über die bisherigen Mitteilungen über sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010




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