Was Verlage von Independant-Magazinen lernen können

Es gibt sie für Rennradfahrer, Rothaarige oder Schlagzeugerinnen. Manche sind voller Texte, manche voller Bilder, von manchen gibt es nur wenige Ausgaben, andere erscheinen seit Jahren. Gemeinsam ist diesen Independent-Magazinen, dass kein großer Verlag dahintersteht, der mit Geld, Marktforschung und Knowhow ein Produkt für einen möglichst großen Markt designt.

Unabhängige Geister als Magazinmacher

Eine Ausgabe des Magazin "Read" © NDR

„Read“ aus Hamburg ist eines der Independent-Magazine.

Die Herausgeber sind unabhängige Geister, die oft nur am Rande mit Journalismus zu tun haben. „Die Macher wollen unbedingt ein Magazin haben, da geht es nicht darum, dass man denkt, es fehlt etwas Bestimmtes auf dem Markt, sondern dass man das macht, weil man selber dran glaubt und auch mit dem großen Risiko dann eben nicht verstanden zu werden“, erklärt Kati Krause die Faszination Magazinmachen.

Im Hauptberuf konzipiert sie Magazine für Unternehmen, „A Mag for all Seasons“ entwickelte sie gemeinsam mit Freunden, als der Berliner Winter mal wieder die Gemüter trübte.

Das Hamburger Magazin „Read“ entstand aus einem Film-Festival, das Dokumentarfilmer Boris Castro mit Freunden organisiert hatte. Das Programmheft erschien in Magazinform – und gefiel den Herausgebern so gut, dass sie es weiterführten, auch als das Festival schon längst Geschichte war. Die Themen sind so bunt wie die Macher. Die Autoren und Fotografen kriegen kein Geld, dafür aber Platz, um sich auszutoben und zu experimentieren.

Eine Frage der Finanzierung

Viele Magazine haben solche Geschichten; sie erzählen vom Wunsch, sich kreativ auszudrücken, ohne Rücksicht auf Verluste, oft aus eigener Tasche. Die Kosten variieren je nach Papierart, Auflage und Druck. Wer ein Hochglanz-Magazin deutschlandweit verteilen will, sollte schon 50.000 Euro zusammenbekommen.

Viele versuchen es mit Anzeigen, andere mit hohen Preisen, was schnell elitär wirken kann. Gewinne werfen dabei die wenigsten ab. Stattdessen gibt es Renomée, Bekanntheit, damit wieder Aufträge aus anderen Branchen – und das Gefühl, das zu machen, worauf man Lust hat.

Aus einem ähnlichen Antrieb machte sich auch Oliver Gehrs vor elf Jahren selbstständig und gründete mit Jochen Förster zusammen „Dummy“, ein Gesellschaftsmagazin. Nach Jahren bei der „Berliner Zeitung“, beim „Spiegel“ und der „Süddeutschen Zeitung“ ist er heute alleiniger „Dummy“-Herausgeber und harter Kritiker der etablierten Verlage.

Ihnen attestiert er vor allem Mutlosigkeit: „Es geht darum, den ganzen Bedenkenträger, die in den großen Verlagen inzwischen zahlreich vorhanden sind, zu zeigen, dass bei allem, was die anstellen, um Ideen auch zu verhindern – ob Marktforschung oder Controlling – trotzdem auch heute noch möglich ist, wie früher Magazine einfach aus einem verlegerischem Bauchgefühl zu gründen.“

Berechtigte Kritik an Independent-Magazinen?

Gehrs sieht jedoch auch die Independent-Magazin-Szene kritisch. Auf der „Indiecon„, dem ersten Festival für unabhängige Magazine, schoss er scharf gegen Magazinmacher, denen es mehr um Form als um Inhalt geht. Es seien vor allem Grafiker, die in narzisstischer Manier Hefte über Einrichtung, Reisen oder Mode machten – weniger um den Leser, sondern mehr um sich selbst zu gefallen. Gehrs vermisst bei solchen Blättern den Anspruch, Gesellschaft publizistisch verändern zu wollen.

In der Tat: Viele Independent-Magazine fallen vor allem durch ihr Layout und die Grafik auf. Große Fotos, freie Flächen, avantgardistische Farben und Muster – „Der Spiegel“ wirkt dagegen selbst nach dem Relaunch wie die „Apotheken Umschau“. Und tatsächlich kommen Magazine wie „Fizzy“ fast ganz ohne Texte aus; stattdessen räkeln sich blutjunge Models großflächig und halbnackt auf Hochglanz-Fotografien.

Trotzdem steht Gehrs mit seiner Kritik relativ allein da. „Für mich hat alles in dem Bereich eine Berechtigung, wenn die Macher meinen, sie müssen halt mit der Schrift zeilenmäßig bis zum Rand gehen, dann ist das so, sie bezahlen für den Druck und deswegen haben sie auch das Recht dazu“, meint Boris Castro vom „Read“-Magazin.

Kati Krause findet es „arrogant“ zu sagen, solche Magazine hätten keinen Sinn und keinen Wert. „Die schön aussehenden Magazine verkaufen sich oft besser als die textlastigen Magazine, es gibt also einen Markt dafür und der bedeutet Leuten was.“

Man muss nicht alles mögen, was unabhängige Magazinmacher produzieren. Aber trotzdem finden sich Perlen im Indiemag-Kosmos, von dem sich auch große Verlagskonzerne inspirieren lassen könnten. Es ist zu lange her, dass ein Verlagsriese es gewagt hat, ein neues und relevantes Magazin herauszubringen. Die Leidenschaft fürs Heftmachen brennt derzeit vor allem: bei den Unabhängigen.

Das gesamte Interview mit Oliver Gehrs gibt es hier. Dieser Artikel erschien zuerst bei Zapp.