Mama, bin ich erwachsen?

Ich bin bald genau so lange erwachsen, wie ich vorher Kind war. Ich darf seitdem unsinnige Parteien wählen, Autos zu Schrott fahren, mich ins Koma saufen, Einkommensteuervorrauszahlungsmahnungen entgegen nehmen und die Konsequenzen dafür übernehmen – oder genau das Gegenteil davon tun. Ich hatte genug Zeit, mich ans Erwachsensein zu gewöhnen und trotzdem kommen mir manchmal Zweifel: Bin ich wirklich erwachsen?

Denn das Bild, das ich früher von Erwachsenen hatte ist ein anderes, als was ich jetzt von mir (und von anderen) habe: Erwachsene waren die Großen. Die wußten, wie Dinge funktionieren. Wie das Leben geht. Die mir Sachen erlaubt oder verboten haben. Die die Kontrolle hatten. Die nicht weinten, niemals zweifelten, stark und furchtlos waren und immer genau wußten, was als Nächstes dran war.

Heute bin ich für meine Tochter der Große. Der weiß, wie Dinge funktionieren. Wie das Leben geht. Der ihr Sachen erlaubt oder verbietet. Der die Kontrolle hat. Der nicht weint, stark und furchtlos ist, niemals zweifelt und immer genau weiß, was als Nächstes dran ist.

Doch leider gibt es da diese Diskrepanz.

Ich weiß, wie unser Alltagsleben funktioniert und kann erklären, warum die Sonne nicht untergeht, sondern wir uns weiterdrehen. Aber schon bei der Frage warum Milch weiß ist stoße ich an meine Grenze und muss Onkel Google fragen. Und natürlich habe ich die Kontrolle über Sie – aber auch über meine Leben? Bin ich wirklich so selbstbestimmt und frei, wie es sich für einen Bewohner der westlichen Hemisphäre gehört – oder tue ich nur so?

Und dass ich niemals weine, niemals zweifeln würde, keine Ängste hätte, immer stark wäre und immer genau weiß, was als Nächstes dran ist – wem soll ich das ernsthaft verkaufen? Nur meiner Tochter, die nicht vom Leben verunsichert werden soll, bevor sie stark genug ist, diese Unsicherheiten auszuhalten.

 

Die Großen, die machen das schon. Denkt man als Kind.

Die Großen, die machen das schon. Denkt man als Kind.

Mit dem Problem des Erwachsen-Werden bin ich jedoch nicht allein. Zwar sind wir Deutsche früh flügge und verlassen das elterliche Haus. Doch gerade die studierende Generation, die nicht mit 16 eine Lehre beginnt lässt sich immer meher Zeit mit dem groß werden.

„25 ist das neue 18“ titelte Spiegel Online letztes Jahr und fasste so zusammen, was Jugendpsychologen schon lange bemerken: Wir kriegen später Kinder (auch das hatten wir schon im Klub), heiraten später, gehen später ins Berufleben und tragen länger Jugendmode als man es vor 50 Jahren für schicklich gehalten hätte.

Sind wir eine Generation der ewigen Kinder?

Vielleicht nicht ganz. Dass ich wahrscheinlich aber erwachsener bin, als ich manchmal selbst wahrhabe merke ich dann, wenn ich heute Dinge mache, die ich mich vor 15 Jahren so noch nicht getraut hätte: Steuererklärungen machen. Rechnungen stellen. Um mein Recht kämpfen. Autoritäten widersprechen. Vor Kameras und auf Bühnen stehen. Heiraten und sich wieder scheiden lassen. Kinder kriegen.

Auch wenn ich nicht sagen würde, dass mich meine Tochter erwachsen gemacht hat, so hat sie mich doch merken lassen, wie erwachsen ich schon bin. Ja, es hat gedauert. Aber schließlich werden wir heute auch alle immer älter. Wir können uns mehr Zeit lassen, erwachsen zu werden.

Für die Eltern bleibt man jedoch immer ein Kind. Das habe ich in den vergangen 15 Jahren auch immer wieder gemerkt. Wie viele hatte ich meine Kämpfe mit den Eltern – um das Loslassen, das Selbstständig werden, die Unabhängigkeit, aber auch um die Pflichten, die damit kommen und die ich nicht immer so gern angenommen haben wie die Freizügigkeiten.

Ich habe schon oft mit meinen Eltern über all diese Dinge diskutiert und gestritten. Als wir in der Klub-Redaktion berieten, was wir für unsere Sendung um Erwachsenwerden drehen wollen habe ich vorgeschlagen, das eigene Erwachsenwerden zu thematisieren. Auch wenn es privat und teilweise intim ist – ein Reporterformat lebt in meinen Augen davon, dass der Reporter nicht nur durchs Bild hüpft, sondern auch etwas erlebt. Und sei es die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern. Entstanden ist die Reportage oben, die so privat ist, dass man darüber streiben kann, ob ich hier nicht eine Grenze überschritten habe.

Neugierig geworden? Die gesamte Klub-Sendung über die Frage nach dem Erwachsenwerden gibt es hier:

Darin auch das Zitat von unserem Talkgast Meredith Haaf, die mich darin bestätigt hat, dass es normal ist, sich nicht immer erwachsen zu fühlen:

Wir denken oft, dass Erwachsensein irgendein Zustand ist, an dem man ankommt und dann ist man einfach erwachsen. Das bedeutet, man hat gewisse Eigenschaften, man hat Sachen fertig gemacht. Es fühlt sich aber im Leben einfach nie so an. Das kommt nicht.

Und jetzt Hosen runter, liebe Leser: Fühlt ihr euch wirklich immer erwachsen? Und wenn ja: Woran merkt ihr das?



  1. Caro

    Ich bezweifle ja, dass ich schon erwachsen bin, allerdings bin ich immer ein wenig mehr stolz, wenn ich alle Rechnungen und offiziellen schreiben abfertige, ohne die Mama anzurufen. Sehr befriedigend. Schade nur, dass die neuen prä-Erwachsenen in Perlenketten und prüden Opapullis rumlaufen. Was machen die denn bloss, wenn sie mal über 70 sind?
    Am schönsten am erwachsen werden ist doch weiterhin, dass man seine eigene Umwelt gestaltet und sich die Menschen aussucht, die liebenswert sind… und seine Eltern als das akzeptiert, was sie sind/waren. Leider keine Superhelden, aber immerhin haben sie uns überlebt.
    Und danke für den schönen Beitrag!


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