Warum für Greenwald „objektiver Journalismus“ Betrug ist

Dass NSA-Enthüller Glenn Greenwald kein gewöhnlicher Pressekonferenzen-und-offizielle-Statments-Berichterstatter ist, pfeift die NSA aus allen toten Briefkästen. Er hat weder eine etablierte journalistische Ausbildung noch Karriere absolviert; stattdessen gelang es ihm mit einem politischen Blog und dem eher sperrigen Themen wie „Geheimdienste, Überwachung und Krieg gegen den Terror“ eine große Leserschaft zu gewinnen. Seine Einstellung zum „objektiven Journalismus!“ dürfte mit für seinen Erfolg verantwortlich sein.

Mit seinem „Journalisten sind immer Aktivisten „-Ansatz hab ich mich in den letzten Monaten immer wieder auseinandergesetzt (siehe Links unten). Anfangs hatte ich vor allem mit seinem „Aktivisten“-Begriff große Probleme, da ich mit diesen eher negativ konnotierte (siehe „Wann werden Aktivisten zu Journalisten?„).

Greenwald hatte sich Anfang des Jahres kurz in einigen Tweets in die Debatte eingemischt und sich danach zurückgezogen. Ich war daher sehr froh, dass ich letzte Woche in München die Gelegenheit hatte, Greenwald ausführlich zu seinem journalistischen Selbstverständnissen zu interviewen.

Kurz zusammengefasst lässt sich Greenwalds Anspruch an Journalisten so zusammenfassen.

Journalisten sollten:

– mit überprüfbaren, genauen und verlässlichen Fakten arbeiten

– offen, ehrlich und transparent sein, also

– ihre Standpunkte, Werte, Ziele und Ansichten offenlegen

– selbstreflektiert sein und die eigenen Ansichten, Werte, Ziele und Standpunkte immer wieder auf’s Neue überprüfen

– nicht vorgeben, objektiv zu sein, sondern zu Ihrer Subjektivität stehen

– unabhängig sein, das heisst

– sich nicht zur Loyalität bestimmten Gruppierungen gegenüber verpflichtet fühlen

–  sich nicht von Geldgebern unter Druck setzen lassen

– sich als kritische Gegenspieler derjenigen verstehen, die „an der Macht“ sind

Aus diesen Anforderungen leitet Greenwald ab, dass alle Journalisten auch immer Aktivisten sind, da sie Ziele und Vorstellungen hätten,  die sie mit ihren Mitteln versuchen durchzusetzen, um die Welt zu verändern.

Allgemeinere Definition von „Aktivist“? Ok!

Wenn man „Aktivisten“ so allgemein definiert und nicht wie ich auf organisierte, institutionalisierte Aktivisten beschränkt, habe ich mit dem Begriff des „aktivistischen Journalisten“ weniger ein Problem als mit dem „objektiven Journalisten“, den es auch in meinen Augen nicht gibt. Greenwald geht im Interview soweit, diese Versprechen einen „Betrug“ zu nennen, weil dem Leser / Zuschauer / Hörer etwas versprochen werde, was dann nicht eingehalten wird.

Interessanterweise lassen sich bei Greenwalds Verständnis von Journalismus einige Parallelen zu Vorstellungen finden, die auch von „etablierten“ Journalisten in Massenmedien vertreten werden: „Unabhängigkeit“ und „Haltung“ sind Tugenden, die für viele mit Journalismus verbunden sind.

Doch gerade der Haltungs-Begriff ist für mich in der Vergangenheit oft mit dem Neutralitäts-Anspruch kollidiert, der fast ebenso oft von Journalisten gefordert oder propagiert wird, wie eine Haltung zu haben. In Greenwalds Vorstellungen finde ich zum ersten Mal einen klaren, nachvollziehbaren Standpunkt, wenngleich ich einige Anforderungen sehr hoch finde.

Wirklich unabhängig zu arbeiten, sich nicht beeinflussen oder einschüchtern zu lassen ist ein sehr schwer umzusetzendes Ziel. Auch die Vorstellung von selbstreflektierten Journalisten, die ihre Werte und Ziele immer wieder auf den Prüfstand stellen ist im journalistischen Alltag sicher nicht immer ohne Probleme umzusetzen.

Sind „etablierte“ Journalisten abhängiger als unabhängige?

Doch auch wenn sich manche Vorstellungen auch in „etablierten“ Medienkreisen findet, spricht Greenwald besonders Journalisten in großen journalistischen Unternehmen ab, seine Anforderungen umsetzen zu können: Große Medienhäuser hätten wenig Interesse daran, sich mit Regierungen, Unternehmen oder anderen Playern anzulegen und würden sich lieber aus heiklen Diskussionen raushalten, um Ärger zu vermeiden.

Diese Ansicht kann ich insbesondere für die deutsche Medienlandschaft nur bedingt teilen. Es ist natürlich einfacher, sich als unabhängiger Blogger zu Wort zu melden und „gegen die da oben“ anzustinken. Allerdings hat man dann auch das Risiko allein zu tragen, wenn es zu juristischen Auseinandersetzungen kommt.

Und klar: In großen Sendern und Verlagen muss man mitunter mehrere Vorgesetzte davon überzeugen, dass die kritische Story gemacht werden muss, stimmt und so publiziert werden kann. Auch kommt es immer wieder zu blinde Flecken im Medienmainstream, zu falscher Berichterstattung, zu großer Hörigkeit gegenüber Mächtigen oder es wird objektive Arbeit versprochen, wo eigentlich eine klare Haltung hinter steckt.

Aber dafür hat man als Autor im Zweifel auch ein großes Haus im Rücken, das einen juristisch schützen kann und in der Regel dafür sorgt, dass die Qualität des Beitrags besser wird – das musste Greenwald im Interview zugeben. (Update 23:04h: Peter Welchering weist zu Recht darauf hin, dass „große Häuser hinter einem Autoren stehen (können), das ist aber beileibe nicht immer der Fall auch im ÖRR nicht.“)

Aus dem knapp 30minütigen Interview, das hier zu sehen ist, hab ich obigen 4-Minuten-Film für Zapp destilliert. Die Animationen hab ich mit dem Tool „VideoScribe“ gemacht, das ich jedem empfehlen kann, der relativ schnell und unkomplizierte Animationsfilme erstellen will.

 



  1. Richard Rorty

    Das Ganze wird unter denn Begriffen Poststrukturalismus, Diskursanalyse und insbesondere im Sozialkonstruktivismus schon seit Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften besprochen. Schade dass deren Elfenbeinturm wohl zu hoch ist, um ind em Zusammenhang gehört zu werden.

  2. ThomasM

    Zum vorletzten Absatz: z.B. der Springer-Verlag sorgt also dafür, dass die Qualität der Beiträge der angestellten Journalisten besser wird? Ernsthaft? Oder ist das nur die Ausnahme von der Regel?

    • Daniel Bröckerhoff

      „Der Springer-Verlag“ ist eine schwierige Verallgemeinerung. Es gibt auf jeden Publikationen wie die mit den großen Bildern, bei denen das wohl eher nicht der Fall ist. Aber man sollte nicht von einem auf alle schließen. Man muss ASV zu Gute halten, dass er eine zentrale Forderung von Greenwald umsetzt: Der Verlag macht transparent, dass er pro-amerikanisch und pro-isrealisch orientiert ist. So klar positionieren sich die wenigsten Häuser.


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