Das Netzwerk der transatlantischen Journalisten

Ich gebe ehrlich zu, dass ich von der Ukraine-Krise derzeit mehr als überfordert bin. Anfangs interessierten mich die Proteste auf dem Maidan nur am Rande, doch seitdem dort die Waffen gezückt wurden, versuche ich jeden Tag mehr zu verstehen, was dort passiert und warum. Eine wichtige Rolle dabei spielen die Medien, die uns eigentlich einen Einblick und ein besseres Verständnis vermitteln sollen. Eigentlich.

Denn je mehr ich mich mit der Thematik beschäftige, desto mehr muss ich erkennen, dass ich wohl etwas naiv gewesen bin. Naiv zu glauben, dass die Geschichte vom bösen Russland und dem guten transatlantischen Bündnis tatsächlich so einfach ist, wie es aus der Vielzahl der Berichte herauszulesen war. Naiv zu glauben, dass ein Konflikt wie der in der Ukraine so einfach zu verstehen ist. Naiv zu glauben, dass deutsche Leitmedien wie Die Zeit nicht interessens- oder ideologiegesteuert sein könnten, sondern versuchen würden, ein ganzes Bild zu präsentieren. Damit sich jeder eine eigenen Meinung bilden kann.

Dass Publikationen aus dem Axel-Springer-Verlag pro-amerikanisch sind, wusste ich schon lange. Dementsprechend konnte ich Artikel von Die Welt, BILD oder Hamburger Abendblatt gut einschätzen, wobei mir gerade die Russland-Hetze der BILD sehr negativ auffiel. Dass die taz eher amerikakritisch ist – geschenkt. Aber bei anderen Publikationen hatte ich gehofft, ein breiteres Bild präsentiert zu bekommen.

Wie können Journalisten so parteiisch sein?

Wenn ich mir allerdings den oben zu sehenden Ausschnitt aus „Die Anstalt“ (ZDF) von Donnerstag anschaue, frage ich mich, was hier eigentlich los ist. Wie geht das, dass führende Journalisten Mitglieder in pro-amerikanischen Think Tanks, Vereinen, Interessensgruppen sind?* Wie geht das, dass sie so sämtliche journalistischen Regeln über Bord schmeissen, alle es wissen, aber das kein Problem zu sein scheint? (Wer bis hier gelesen hat, ohne die oben eingebundenen 6 Minuten zu gucken, sollte das schleunigst nachholen.) Und wieso hab ich das alle noch nicht schon viel früher gewusst?

Unter diesem Blickwinkel ist auch ein Artikel von Zeit-Autor Bernd Ulrich anders zu lesen, in dem er nach Gründen sucht, warum „Putin spaltet“. Als ich ihn vor einer guten Woche auf Facebook als Lese-Empfehlung verlinkte, um das wegen der Krise ausgebrochene Medienbashing zu verstehen, brach eine Diskussion aus, in der von polemischer Seite aus einfach nur geschrieben wurde, dass der Mann „keine Ahnung“ habe.

Andere wiesen auf die Verknüpfung der Zeit-Gründer mit der Atlantik Brücke e.V. hin, einem Verein für die Stärkung der deutsch-amerikanischen Freundschaft – etwas, was ich völlig außer acht gelassen hatte. Mit dem Wissen im Hinterkopf jedoch, las sich der Artikel schon anders, wenngleich ich viele Argumente immer noch teilte. Aber könnte es sein, dass Herr Ulrich von der Geisteshaltung der Zeit-Gründerin geprägt ist, selbst wenn er dieser Wikipedia-Liste zufolge nicht Mitglied ist? (Update 10:07h: Anna Marohn teilte mir gerade mit, dass die Liste nicht korrekt sei. Sie habe am Young Leaders-Programm teilgenommen, sei aber nicht Vereinsmitglied.) Müsste er transparent machen, wie Vertreter von Die Zeit mit diesem Verein verbandelt ist?

Mir macht das alles Sorge.

Ich finde es in Ordnung, wenn Journalisten eine Haltung, einen Standpunkt, eine Ideologie haben und diese vertreten. Einen objektiven Journalismus gibt es nicht. Aber sich so dermaßen für eine Sache zu engagieren, dass man Vereine gründet und mit ihnen und seinem Medium für eine bestimmte Sache kämpft halte ich einfach für falsch. Dann wird man vom Journalisten zum Aktivisten.

Vielleicht bin ich auch da naiv. Vielleicht braucht es diese Vereine, Netzwerke, Think Tanks und elitäre Stelldicheinrunden beim abendlichen Wein, damit eine Gesellschaft funktioniert. Damit sich die richtigen Leute kennenlernen. Aber wenn das so sein sollte, muss das so transparent geschehen, dass es jeder Esel auch ohne Recherche sofort erkennt. Im Internet gibt es für so etwas Disclaimer.

Ein Claus Kleber müsste somit nach jeder Moderation, die das Thema „transatlantische Beziehungen“ berührt sagen, dass er Mitglied in einem Verein zur Förderung genau dieser Beziehungen ist. Ist das ein naiver Gedanke? Vielleicht. Aber trotzdem will ich ihn denken dürfen.

Ich habe diese Diskussion schon einmal Anfang des Jahres geführt (mehr dazu hier und hier). Ich dachte eigentlich, das Thema wäre durch. Aber es wird durch die aktuellen Entwicklungen wichtiger denn je.

Ich bin betroffen – ob ich will oder nicht

Denn wenn die Medienskepsis durch solche Netzwerke in der breiten Bevölkerung steigt, färbt das auch auf ich ab, ob ich will oder nicht. Weil ich in meinem Job auf Mißtrauen stoße. Und weil ich nicht will, dass noch mehr Menschen den populistischen Bauernfängern in die Hände laufen, die ihnen versprechen, sie würden das sagen, was die „Massenmedien immer verschweigen“, in Wirklichkeit aber auch nur interessengeleitete, ideologiegetriebene Halbwahrheiten publizieren.

Mit der Skepsis von Medienkonsumenten gegenüber der Berichterstattung im Fall der Ukraine-Krise habe sich auch schon meine Zapp-Kollegen Bastian Berbner und Sandra Aid beschäftigt. Der Film thematisiert zwar nicht die interessengeleiteten Verstrickungen, nennt aber andere Gründe dafür, dass deutsche Medien berichten, wie sie berichten:

Zum dem Film gehört auch das Zapp-Interview mit der ehemaligen Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz, die sehr klare Vorwürfe gegen deutsche Journalisten erhebt.

In Zukunft werde ich noch besser prüfen müssen, was ich von wem lese. Wer was sagt und welche Gegenmeinung es dazu gibt. Wenn ich journalistisch arbeite tue ich das eh. Aber als Nachrichtenkonsument habe ich nicht immer die Zeit dafür. Das wird es nicht einfacher machen, sich einen Überblick zu verschaffen und mir ein Urteil zu bilden. Aber es hat niemand gesagt, dass es einfach werden würde.

Die gesamte „Die Anstalt“-Sendung aus der der Ausschnitt stammt ist übrigens hier zu sehen und sehr empfehlenswert.

Update 10:47

Zum Thema auch sehr lesenswert: „Warum sich Journalisten und Leser immer schlechter verstehen“ von Sebastian Christ. Danke an Simon Hurtz für den Hinweis!

Update 19:09

Auch Gabriele Krone-Schmalz ist in einem Netzwerk, dem „Petersburger Dialog“, aktiv wie Stefan Keilmann auf Twitter anmerkte. Dieser

wurde als offenes Diskussionsforum im Jahr 2001 ins Leben gerufen und fördert die Verständigung zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder. Er steht unter der Schirmherrschaft des jeweils amtierenden deutschen Bundeskanzlers und des jeweils amtierenden russischen Präsidenten und findet in der Regel einmal jährlich abwechselnd in Deutschland und in Russland statt.

Krone-Schmalz ist im deutschen Lenkungsausschuß. Ganz ohne Netzwerk-Mitgliedschaften scheint es für die bekannten Journalisten nicht zu gehen.

Update 20:23

Markus Lauter wies mich auf dieses Telepolis-Interview mit Uwe Krüger, wissenschaftlichem Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, hin. Er hat in seinem Buch untersucht, wie eng verbunden deutsche Spitzenjournalisten mit anderen Eliten unserer Gesellschaft sind. Ich kann nicht einschätzen, wie Herr Krügers Systematik im Buch ist, aber die Schlußfolgerungen, die er im Interview zieht halte ich für nachvollziehbar und interessant.

Telepolis: Wenn Journalisten auf diese Weise in Eliten-Zirkel und Think Tanks eingebunden sind, besteht dann nicht die Gefahr, dass Sichtweisen in ihre Berichterstattung einfließen, die in diesen Elitemilieus vertreten werden?
Uwe Krüger: Ja, mit dieser These von der „kognitiven Vereinnahmung“ von Journalisten durch Eliten habe ich die Arbeit auch begonnen. Und als ich die Artikel der vier untersuchte, stellte ich tatsächlich fest: Die Journalisten lagen ganz auf Linie mit den Eliten und benutzten sogar klassische Propagandatechniken.

(…)

Telepolis: Und Sie denken, solche Artikel sind auf Beeinflussung durch sicherheitspolitische Eliten zurückzuführen? Weil man sich so oft trifft und miteinander plaudert?

Uwe Krüger: Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich will den Journalisten nicht unterstellen, sie würden solche Sachen schreiben, weil sie in diesen Netzwerken sind und fremde Hände ihre Feder geführt hätten. Denkbar ist auch der umgekehrte Weg: Weil die Journalisten schon vorher eine ähnliche Meinung wie die Eliten hatten, sind sie in dieses Milieu überhaupt erst aufgenommen worden.

Ich vermute folgendes: Journalisten mit Eliten-kompatiblen Werten und Meinungen haben höhere Chancen, Zugang zu den höchsten Kreisen zu bekommen, und die Einbindung in das Elitenmilieu verstärkt dann über die Zeit hinweg die Konformität. Das heißt auch: Journalisten mit Eliten-kompatiblen Meinungen haben

 

Inspiration von Mirko Lange, der „Die Anstalt“ auf Facebook geteilt hat.

*Dass ZDF-Anchorman Claus Kleber Mitglied des Kuratoriums der Atlantik-Brücke ist, hat „Die Anstalt“ bedauerlicherweise nur in einem kleinen Seitenhieb erwähnt (bei Min 2:47). aber nicht ins Schaubild geholt.



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