Ist eigentlich noch Krise in Griechenland?

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Eindeutige Worte: „Jeden Tag Bomben und Feuer, um nicht wie Sklaven zu leben.“

Krise, Krise – war da eigentlich was, außer langweiligen Artikeln über staatliche Defizite, EZB, EU und Banken, die „too big to fail“ sind? Seitdem in Athen und Madrid nicht mehr regelmäßig die Straßen brennen und Menschen bei Protesten sterben ist es in den Medien ruhig geworden, um die größte Bestandsprüfung seit Gründung der EU. Dabei ist Europa dem Totalbankrott nur durch viel Trickserei und psychologischer Kriegsführung entkommen. Zwei Jahre ist es her, dass ich für den Klub das erste Mal der Krise auf der Spur war – Zeit zu schauen, ob sich was geändert hat.

Meine Recherche fängt wie immer erstmal bei den anderen an: Was haben die Kollegen in den letzten Monaten zur Krise geschrieben? Wie ist die aktuelle Lage in den betroffenen Ländern?

Schnell wird mir klar: Geil sieht anders aus. Zwar beteuert die griechische Regierung, alle Sparvorgaben der EU fleissig umzusetzen und erste Erfolge zu erzielen. Und auch in Madrid beruhigen die Spaniern ihre Kreditgeber indem sie bislang nur die Hälfte des Riesenrettungsschirm angeknabbert haben.

Doch den Preis zahlen anscheinend weniger die, die die Krise mitverursacht haben mit unvernünftigen Kreditkonditionen, riskanten Investments, undurchschaubaren Deals und schlechter Politik. Im Gegenteil: In den Finanzzentren machen die Spielsüchtigen weiter, als sei nichts geschehen.

Also raus, dahin wo „Die Krise ™“ stattfindet. Vor zwei Jahren war ich in Madrid, jetzt will ich zu den „Pleite-Griechen“ (BILD-Zeitung), denen es derzeit immer noch am schlechtesten im Euroraum geht.

The future is still unwritten

Meine Kollegin Kathrina stößt bei der Recherche auf das deutsch-spanisch-griechische Rap-Kollektiv „The future is unwritten“. Protest-Rap alter Schule, etwas aus der Mode gekommen neben all den Feel-God-Cros, Ich-bin-so-deep-depri-Caspers und Ich-fick-Deine-Mutter-für-50-Cent-Kollegahs.

Ein erster Interview-Versuch während ihrer Tour im März scheitert an meinen Urlaubsplänen. Dann sind sich Refpolk aus Berlin, Kronstadt aus Spanien und Daisy Chain aus Thessaloniki uneinig, ob sie überhaupt mit uns reden wollen. Ein Interview mit dem deutschen Staats-Fernsehen? Wo „Die Medien (TM)“ in den letzten Jahren doch soviel Unwahrheiten verbreitet haben, über die Griechen, die Krisen-Schuldigen und letztlich auch über ihr Projekt und ihre Ziele?

Nach tagelangen Diskussionen lässt sich Daisy schließlich auf uns ein. Abflug nach Thessaloniki. Nach knapp 2 Stunden Flug lande ich mit Kathrina und Kamermann Florian mitten in der Krise. Oder?

Wo geht's denn hier zur Krise?

Wo geht’s denn hier zur Krise?

Ist denn hier noch Krise?

In der Stadt merke ich erstmal nichts öffentlicher Not und privatem Elend. Das Straßenbild pflegt sich penibel, die Rasen in den Parks liegen grün und gemäht, der Müll wartet ordentlich-deutsch in Containern auf seinen Abtransport als habe er in Schwaben seine Ausbildung gemacht.

Scharen von jungen Leuten flanieren in der Sonne oder sitzen in Cafés. Dazu Markenklamotten, Sonnenbrillen und teure Handtaschen – Thessoliniki gibt sich ordentlich Mühe,  mediterranen Klischees zu entsprechen. Das soll ein Krisenland sein? Ich bin mittelschwer verwirrt.

Volle Cafés, flanierende Menschen: Ich hatte mir die Krise anders vorgestellt.

Volle Cafés, flanierende Menschen: Ich hatte mir die Krise anders vorgestellt.

„Das ist alle Fake“, sagt mir Daisy Chain. Wir treffen uns am Triumphbogen Kamara, wo die meisten Demos in Thessaloniki losgehen. Heute ist es hier friedlich. Nur ein Aufruf zur nächsten Demo gegen die Privatisierung des Wassers hängt rebellisch am Zaun, ein paar Meter weiter fordert ein Graffiti „Jeden Tag Bomben und Feuer gegen ein Leben in Sklaverei“.

„In Wirklichkeit haben die alle kein Geld, auch wenn es so aussieht. Natürlich gibt es noch Menschen, die sich was leisten können. Aber die, die ich kenne arbeiten die ganze Zeit wenn sie einen Job haben und besitzen trotzdem nur ein Paar gute Sachen. Und die ziehen sie nur an, wenn sie rausgehen und sich den einen teuren Kaffee gönnen, den sie sich in der Woche leisten können. Viele Mädchen hoffen, dass sie so einen reichen Mann kennen lernen. Sie leben förmlich für diesen einen Abend und erzählen von nichts anderem.“

 

Ist total nett, kann aber richtig sauer werden, wenn sie über die Krise redet: Rapperin Daisy Chain.

Ist total nett, kann aber richtig sauer werden, wenn sie über die Krise redet: Rapperin Daisy Chain.

Mit diesen neuen Infos blicke ich anders auf die Stadt. Nun fällt mir die Krise auf: Der Junge mit dem dreckigen T-Shirt, der mir Feuerzeuge aus einem Pappkartons anbietet. Die Leute, die stundenlang an einem Drink schlürfen. Das Autowrack, das nach Übergangswohnung aussieht. Die sehr Sonder-Angebote: „Cheap Zone“ steht auf einem Schild in einem Restaurant.

„Das ist ungerecht!“

Auch Daisy weiß, wie das Leben in der Cheap Zone ist. Sie hat in einem Sender als Ton-Ingenieurin gearbeitet, die Soundmischung gemacht, geschnitten, das Telefon bedient, Kaffee gekocht. Am Ende des Monats blieben ihr 450€ Nettlohn – für einen Vollzeitjob. 150€ kostet ihr Zimmer, dann noch Wasser und Strom und ein bißchen für ihre Mutter, die wiederum ihre Mutter unterstützen muss.

Wie überlebt man unter solchen Bedingungen? „Man kauft billig ein, kocht Dinge, die lange halten und nicht viel kosten. Lieber Reis und Nudeln als Obst, Gemüse oder Fleisch. Klamotten kaufen, ausgehen ist da nicht drin.“

Wohnt hier wer?

Wohnt hier wer?

Derzeit ist sie wieder arbeitslos. Neben der Musik macht sie ihren Master, als eine von fünf in ganz Griechenland. Der Rest, sagt sie, hat aufgegeben. „Wenn ich jetzt 18 wäre könnte ich nicht studieren. Das könnte ich mir einfach nicht leisten.“

Als sie auf der Tour mit „The future is still unwritten“ erfährt, was Lebensmittel in Deutschland kosten und wieviel wir verdienen war sie schockiert, erzählt sie mir. „Das ist einfach ungerecht. Wir haben so wenig und müssen dann noch mehr bezahlen!“ Sie wird laut, ihre Hände malen Ausrufezeichen in die Luft. Auch unser Hartz IV-System ärgert sie.

„380€ für’s Nichtstun? Dafür müssen manche hier einen Monat arbeiten und dann reicht es nicht mal zum Leben!“

Sie kann den Gedanken über soviel Ungleichheit in der EU kaum ertragen.

„Ich will hier nicht weg.“ Andere schon.

Trotzdem will sie in Griechenland bleiben. Der „Brain-Drain“ – das Auswandern der gut ausgebildeten Jungen in europäische Ausland – ist für sie täglich zu spüren. „Fast alle in meinem Alter sind schon weg, all meine Freunde sind jetzt jünger als ich.“ Sie schwankt zwischen resigniert, verzweifelt, dann wieder kämpferisch.

„Ich stell mich nicht hin und sag´, das war’s jetzt, ich kann nichts machen. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Wir müssen kämpfen.“ Nur wie? Eine richtige Antwort kann auch sie mir nicht geben. Aber ihr Projekt „The future is still unwritten“ ist bewusst positiv formuliert. „Wir haben nur diese Zukunft und ich will was daraus machen.“

Elektroverkäuferin und Deutschlehrerin Elena Karchalidou: "Viele wollen hier weg."

Elektroverkäuferin und Deutschlehrerin Elena Karchalidou: „Viele wollen hier weg.“

Sie ist nicht die Einzige, die mir von der flüchtenden Jugend erzählt. Als wir in einem Elektroladen mit Händen und Füßen der Verkäuferin klar machen wollen, dass wir Batterien für unseren Audiorekorder brauchen, lacht diese als sie hört, dass wir Deutsch miteinander sprechen.

Sie gibt nachmittags nebenher Deutschunterricht, viele junge Leute suchen erst ihre Hilfe und dann Arbeit in der germanischen Fremde. „Gerade die 30jährigen gehen weg, weil sie entlassen wurden und niemand sie mehr einstellt. Aber sie haben teilweise schon Schulden gemacht oder eine Familie gegründet, sie müssen weg.“

Die jüngst von der europäischen Politik mit großem Wir-tun-was angekündigten Jobprogramme für die Krisenkinder richten sich jedoch explizit an die unter 25jährigen. Wer älter ist, ist am Arsch. Es riecht nach Symbolpolitik.

„Man kann hier überleben. Man muss es nur wollen.“

Andere sehen die Zukunft entspannter. Ioanna ist Deutsch-Griechin, in Haltern in NRW aufgewachsen und nach ihrem Modedesignstudium vor 8 Jahren nach Thessaloniki ausgewandert. Zurück in die Heimat ihrer Eltern. In ihrem Laden in der Altstadt verkauft sie seitdem handgemachte Design-Accessoires mit Eulen, Ankern und Hipster-Schnurris, die ich eher in Berlin-Mitte oder ins Hamburger Schanzenviertel erwartet hätte als am Mittelmeer.

Gut drauf, trotz Krise: Ioanna mit Osterkerze.

Gut drauf, trotz Krise: Ioanna mit Osterkerze.

„Wenn man will, kann man hier überleben. Aber viele Griechen sind irgendwie zu… „, sie zögert, sucht nach dem richtigen Wort, „…zu passiv.“ Sie bügelt weiter den handgenähten Pullover mit dem Hasen-Motiv. Ihre Oster-Kollektion. „Man muss halt seine Ansprüche runterschrauben. Als ich vor 7 Jahren den Laden hier eröffnet habe, hatte ich nichts ausser einem alten, häßlichen Tisch. Die Leute haben zu mir gesagt, ‚Was soll denn das? So kann man doch keine Sachen verkaufen‘, aber ich hab es trotzdem gemacht und ich bin immer noch da.“

Sie deutet auf den großen Tisch mit der Glasplatte in der Mitte des Ladens. „Hier, das ist ein altes Fenster, das ich gefunden und umgebaut habe. Hat mich nichts gekostet.“

Natürlich, räumt sie ein, sei das alles viel Arbeit. Seit ein paar Monaten ist sie Mutter, der Kleine schläft im Kinderwagen neben uns während sie anfängt, Osterkerzen mit bunten Bändern und Hasenanhängern zu dekorieren. Ihre Kunden seien auch eher Touristen als Griechen, die tendenziell schon weniger Geld hätten.

Könnte auch in Berlin stehen: kitchen 29 mit selbstgemachten Sachen.

Könnte auch in Berlin stehen: kitchen 29 mit selbstgemachten Sachen.

Trotzdem will sie nicht zurück nach Deutschland. „Viel zu kalt“, lacht sie fröhlich. Ihr Enthusiasmus und ihr positives Denken lassen mich zweifeln. Ist vielleicht doch nicht alles schlimm im Krisenland?

Wut auf die Deutschen

Doch schon auf der Straße sieht das Bilder wieder anders aus: Die Wut auf die Deutschen ist spürbar. An einer Ampel spricht uns ein Zeitungsverkäufer an; als er erfährt, dass wir Deutsche sind, fordert er uns halb im Spaß, halb ernst auf, Merkel und Schäuble zu hängen.

Auch als wir an der Uni mit Daisy drehen bleibt ein leicht verwahrloster älterer Mann stehen, und beginnt voluminös zu fluchen als er erfährt, wo wir herkommen. Daisy möchte nicht alles übersetzen, „zu viele Schimpfwörter“, aber es wird auch so klar, wer für ihn an der Krise und den Auswirkungen schuld ist.

Wut auf`s System

Während der offensichtlich auch leicht zugedröhnte Krisenkritiker sich trollt, zieht hinter uns eine Spontan-Demo über den Campus. Die Studenten fordern, dass die Mensa auch weiterhin einmal die Woche kostenloses Essen an Bedürftige ausgibt. Aus Kostengründen soll das Programm gestrichen werden, dabei gibt es genug Leute, die auf die freie Mahlzeit angewiesen sind.

Aufruf zur Demo: Food for Everyone

Aufruf zur Demo: Food for Everyone

Über die Ankündigung von griechischen Politikern, das Land sei auf dem Weg nach oben und wenn man die Schuldentilgung nicht berücksichtige ja sogar im Plus kann Daisy nur bitter lachen. Ich merke ihr in all ihren Kommentaren die Verbitterung über „Das System“ und ihre Lage an.

Trotzdem: Hoffnung. Und eine gute Nachricht.

Man kann der Krise aber auch etwas Gutes abgewinnen: Sie bringt die Solidarität unter den Menschen hervor. Als wir Kosmás und seine Geschäftspartnerin Mema im Plattenladen „Stereodisc“ interviewen fällt zum wiederholten Mal unser Audiorecorder aus.

Mema versucht sofort, uns Ersatz zu besorgen.

Mema versucht sofort, uns Ersatz zu besorgen.

Diesmal will er aber nicht mal mehr anspringen. Wir sind ziemlich verzweifelt, da greift Mema zum Telefon, ruft einen befreundeten Produzenten an und schickt uns drei Straßen weiter.

Und tatsächlich hat er genau das Gerät, was wir brauchen, um weiter drehen zu können und leiht es uns – kostenlos und ohne weitere Fragen. Soviel Hilfsbereitschaft macht mich sprachlos. „Das ist normal hier“, sagt man mir, „wir müssen halt gucken, wie wir uns arrangieren.“

Ich hab ihn 36 Stunden Thessaloniki mehr Solidarität, Hilfsbereitschaft, aber auch Wut und Ohnmacht getroffen, als sie mir im manchmal lethargischen Deutschland in den letzten Jahren begegnet sind.

Der schöne Schein wird bewahrt, aber darunter brodelt die Krisensuppe immer noch kräftig, wenngleich auch nicht mehr so heiß wie in der Vergangenheit. Die Leute wirken zu müde, um auf der Straße zu kämpfen. Der alltägliche Überlebenskampf scheint schlicht zu anstrengend.



  1. Tschägger

    Mein Arbeitgeber in Frankfurt hat mittels seiner Stiftung und mit Sponsoren zusammen mit dem Goethe-Institut ein Stipendiatenprogramm von 11/2013 bis 03/2014 auf die Beine gestellt, mit dem Bewerber aus den europäischen Krisenländern einen B-Abschluss in Deutsch erarbeiten konnten und zusammen mit dem Arbeitsamt stark bei der Jobsuche in Deutschland unterstützt wurden. Als „Pate“ eines Bewerbers habe ich mitbekommen, wie sehr engagiert und tatkräftig die jungen Leute, die in ihren Heimatländern Griechenland, Italien, Spanien und Portugal trotz akademischem Abschluss keine Arbeit hatten, diese Möglichkeit zum besseren Erlernen der deutschen Sprache wahrgenommen haben und sich um Einstellungsgespräche bemüht haben. Die Sprachzertifikate wurden erreicht, aber die Erfolge bei der Jobsuche waren entgegen der Beteuerungen der deutschen Wirtschaft, solche Bewerber zu suchen und einstellen zu wollen, sehr mager bisher. Fazit: auch dieser mögliche Weg der Karriere im Ausland ist keiner, der unbedingt und leicht zum Erfolg führt. Einmal abgesehen davon, dass er nur wenigen überhaupt möglich ist und nicht eines jeden Wunsch ist. Vielleicht ändert sich ja noch etwas an der Einstellungspraxis der Firmen, wenn das Bewusstsein für die darin steckenden Chancen für beide Seiten weiter wächst!


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