Warum die NPD Ärzte-Songs spielt und Punks nicht links sind

„Es ist nicht Deine Schuld, wenn die Welt ist, wie sie ist. Es ist nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt!“ Von rechts brüllt der Ärzte-Song aus den Lautsprechern der NPD. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lass uns Dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland!“, tönt von links die DDR-Hymne aus dem Demowagen der IG Metall dagegen. Dazu Sprechchöre, Trillerpfeifen und immer wieder die Rede-Versuche von Patrick Wieschke, NPD-Landesvorsitzender von Thüringen.

Es ist ein stinknormaler Samstag im Südosten Deutschlands. Bei einem Kreisverkehr in einem Wohngebiet in Eisenach stehen sich ca 50 NPD-Anhänger („Kriminelle Ausländer raus! Deutschland den Deutschen!“) und vielleicht 100 Gegendemonstranten aus dem linken Spektrum („Verpisst euch! Nazis raus!“) gegenüber. Getrennt von ein paar Dutzend Polizisten, die das Grün mit den blühenden Kirschbäumen in der Mitte des Kreisels als neutrale Zone definiert haben.

Die Rechten rechts, die Linken links. Wie es sich gehört.

Die Rechten nach rechts, die Linken nach links. Wie es sich gehört. (Hier allerdings noch vor dem offiziellen Protest-Anpfiff.)

Darauf stehe ich mit dem Klub Konkret-Drehteam und wundere mich über die leicht absurde Szene. Bis vor einer Stunde war die Kreuzung leer, als wir um 13 Uhr ankommen ist nichts los. Auf einer Bank hängt die kleine Vorhut der Gegendemonstranten und trinkt Stimmungserheller. Sonst: Keine Rechten. Kein vermummter schwarzer Block. Nichts. Die Polizei hat die Helme noch im Kofferraum und langweilt sich.

Wieso passiert hier nichts?

Eine kleine Panik kommt um die Ecke und guckt uns dabei zu, wie wir die fünf ansprechen. Können wir hier überhaupt rausfinden, was „links sein“ heute bedeutet? Eigentlich hatten wir uns mehr erwartet. Meine letzten Erfahrungen mit Rechts-vs-Links-Demos waren weitaus heftiger:


(In Frankfurt Oder beim Gesprächsversuch mit Rechten.)

(Auf der selben Demo bei den Gegendemonstranten.)

Was wollen die Linken eigentlich? Muss man Angst haben vor denen? Wie unterscheiden sich Linksradikale von Rechtsradikalen? Oder ist das alles gleich gefährlich – egal aus welcher Richtung es kommt? Diese Fragen soll ich heute beantworten. Aber mit wem?

Links gleich Rechts?

Gerade die Frage, ob das alles ein Brei ist klingt vielleicht merkwürdig, Linke und Rechte trennt schließlich ideologisch mehr als sie vereint, möchte man meinen. Aber die Bundesregierung unter Angela Merkel sah das nicht so. „Extrem ist was wir so definieren und was extrem ist, ist nicht gut für die BRD“. Nach diesem Motto wurde der Kampf gegen das, was man als Linksextrem einstufte, verschärft. Einschließlich einem Aussteigerprogramm mit eigener Telefonhotline. Die dann aber keiner nutzte.

Nach einer Stunde warten, freundlichem Beschnuppern mit den Gegendemonstranten und teilweise unfreundlichen Beschnuppern unserer Ausweise durch die Polizei bewegt sich endlich was auf der Kreisverkehr-Bühne. Ein Lautsprecherwagen kommt angehoppelt, ein Häufchen NPD-Sympathisanten verteilt sich darum. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich nicht um die intellektuelle Elite Eisenachs. Man hängt sich Schilder um mit den Namen von Opfern „ausländischer Gewalt“.

Auf der anderen Seite ein ähnlich klischeebehaftetes Bild. Dreadlocks, bunte Kleidung, Lederjacken mit Nieten, schwarze Kapuzen. Die Szenerie wirkt fast wie Protestfolklore, ginge es nicht um eine erste Sache.

KKLinks Eisenach

Keine Bewegung, sondern eine Protestform: Der schwarze Block (hier in der Sparversion als schwarzes Blöckchen).

Der Unterschied zwischen beiden Lagern ist aber nicht nur kleidungstechnisch deutlich sichtbar: rechts Ordnung, links buntes Durcheinander. Wenn man es nicht schon weiß, wird hier sehr deutlich: Die Linke ist extrem ausdifferenziert, was Ansichten, was Protestmittel, was Ziele angeht. Generell gilt aber: Je radikaler, desto presseskeptischer. (Großer Spaß: Der Interview-Versuch der ZEIT mit der Roten Flora.)

Das merke ich auch beim Dreh. Die gemäßigt wirkenden Jungs und Mädels plauschen gern mit mir. Dabei lerne ich, dass Punks auch unpolitisch sein können und mit den Linken eigentlich nichts am Hut haben wollen. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Die Damen und Herren in schwarz winken jedoch erstmal ab. Filmen? Interviews? Nein, danke.

Wie sieht die linke ideale Welt aus?

Erst als wir genauer erklären, was wir wollen, wer wir sind und herausfinden möchten, erklären sich einige zum Interview bereit. Allerdings nur halb vermummt – aus Angst vor den Rechten, wie sie sagen. Dabei kristallisiert sich für mich vor allem eins heraus: Wie eine linke ideale Welt genau aussehen soll kann mir keiner der Anwesenden richtig erklären. Ist vielleicht auch etwas zuviel verlangt in einer Demo-Situation, ein Transparent vorm Gesicht und zwei Kameras davor. Aber etwas mehr Substanz hätte ich schon erwartet.

„Mich kennen die alle schon, ich brauch mich nicht verstecken“ strahlt mich Kathrin Nartschinski an. Sie ist auch kaum zu übersehen mit ihrer Propellermütze. Aktiv bei der Linken und der Antifa hält sie sich raus, wenn es Ärger gibt, nennt sich aber eindeutig eine Linke mit allem, was dazu gehört: Solidarität, Einstehen für andere, Gleichberechtigung sind ihre Schlagworte.

Ihr Spaß an der Sache und ihr Glaube daran, dass sie auf der richtigen Seite steht sind ansteckend wie Kinderlachen. Dass sie sich dafür öffentlich mit Menschen anlegt, die auch mal gerne physisch argumentieren, finde ich mehr als mutig. Ein kleiner innerer Zweifel grinst mich feixend an: „Na, Bröckerhoff. Würdest Du das auch tun?“ Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher.

Gute Laune mit Proppelerhut: Kathrin (links, rechts im Bild)

Gute Laune mit Proppelerhut: Kathrin (links, rechts im Bild)

Und was sagen die Rechten zu den Linken?

Ich nehme die Kamerajungs und wechsle die Seite. Was sagt wohl die NPD gegen die Leute, die ihre schöne Demonstration mit häßlichem Pfeifen und Buh-Rufen stören?

Als der NPD-Landesvorsitzende Patrick Wieschke hört, dass ich nicht über seinen Verein, sondern über die Linken berichten will, ist er sehr gern zum Interview bereit. Überraschenderweise hält er nichts von ihren Idealen und noch weniger von ihren Gegendemos.

Zwar gesteht er ihnen irgendwie ein Existenzrecht zu und meint auch, dass man einige gemeinsame Ziele habe (Anti-Imperialismus, gegen Globalisierung. Ich staune.). Und schließlich spiele man sogar einen Song der bekannterweise linken Band „Die Ärzte“ auf seiner Kundgebung, was er mir damit erklärt, dass die Grundaussage der Liedes ja stimmen würde. Aber insgesamt hält er die Linken für „verblendet“, „irre geführt“ und vor allem: intolerant. Als ich das auf die andere Seite der Kreuzung trage, sorgt die Aussage für allgemeine Erheiterung. Ehrlich gesagt auch bei mir.

Wer nicht seiner Meinung ist, ist intolerant. Sagt der NPD-Mann. Aha.

Wer nicht seiner Meinung ist, ist intolerant. Sagt der NPD-Mann. Aha.

Der Rest der zweistündigen Veranstaltung geht so friedlich wie gemäßigt zu Ende. Zwar versuchen die Gegendemonstranten von links ein bißchen wild auf der Fahrbahn herumzustehen, während die Rechten brav an ihrem Versammlungsort bleiben. Aber als die Polizei die Fahrbahnsteher „zu ihrer eigenen Sicherheit“ freundlich zurück auf den Bürgersteig drängelt, wird ebenso brav gehorcht.

Kurz danach ist der Stück vorbei. So richtig beantworten konnte ich mir meine Fragen nicht. Jeder hatte eine andere Antwort, was denn nun links sei, wie sehr links man sei und was daran wichtig ist. Die linke Szene bleibt eine ziemlich zersplitterte Angelegenheit. Zumindest für Außenstehende. Aber vielleicht ist es ja auch gerade das, was „links sein“ ausmacht.

Und immerhin weiß ich jetzt, dass nicht jeder, der auf einer Antifa-Demo steht sich selber als links bezeichnet. Und dass die NPD „Die Ärzte“ spielt. Allein dafür hat sich der Trip nach Eisenach gelohnt.




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