Warum der Kampf „Print vs Online“ blödsinnig ist

Als wir am Montag in der Zapp-Redaktion über die „Fälle“ Plöchinger (SZ) und Böger (taz) sprachen, die beide Probleme hatten, in die Chefredaktion ihrer Häuser aufzurücken kamen wir schnell auf die Thematik „Online vs Print“. Mein Reaktion: Oh Gott, bitte nicht schon wieder.

Ich hatte einfach keine Lust, schon wieder einen Magazinbeitrag mit sprechenden Köpfen zu machen und dazwischen „Themenbilder Online und Print“ zu schneiden.

Also bot ich an: Ich mach das, aber ich mach es anders. Eine Polemik, mit eigener Meinung. Und eigenem Stil.

Ich hatte schon länger vor, einen Film für’s Fernsehen in Webvideo-Ästhetik zu machen, das schien die Gelegenheit zu sein. Und zu meiner Freude hatte keiner was dagegen. Im Gegenteil: „Ja, mach mal“, war die lapidare Antwort. Wir hatten großen Spaß beim Drehen und Schneiden, beim lustige-gifs-suchen und polemisieren. Aber ich musste auch feststellen: Webvideo macht nicht so viel weniger Arbeit als ein „normaler Magazinbeitrag“. Man muss nur nicht soviel rumreisen, um ein Interview zu machen.

Was meint ihr? Experiment gelungen?

//Nachtrag 18:44h//

Weil @erbloggtes danach fragte: Das ganze Video vom gemütlich badenden Hasen findet ihr hier. Die Meldung vom Igel im Puddingbecher gibt es hier.

//Nachtrag 18.4.14. 9:44h//

Michael Andrew hat auf seinem Blog eine interessante Perspektive auf das Thema. Er sieht den Graben zwischen Print und Online vor allem auch bei der Frage, wieviel Unterhaltung im Journalismus sein darf:

Imagine living in a world where the only type of content you can read online are investigative pieces exposing some financially or morally corrupt company – day in, day out. Doesn’t matter if it’s Friday night or Monday afternoon – these are the only type of journalism you’ll be able to read, like it or not.

That’s not really a world I – or anyone not involved in the journalism industry – would like to live in. That, I can guarantee you.

Natürlich will kein Mensch den ganzen Tag harte News lesen und sich mit Fakten und Zahlen über den Zustand der Welt auseinandersetzen.

Ich auch nicht. Ich mag Igelbilder und Hasenvideos. Ich hänge auf 9gag rum und gucke virale Videos. Ich bin ein großer Fan von Blödsinn. Aber
Albernheiten und Blödsinn zusammentragen ist für mich kein Journalismus.

Dafür muss ich keinen Journalisten beschäftigen, der vielleicht noch ein Studium und eine journalistsche Ausbildung absolviert hat. Das können 9gag oder reddit im Zweifel besser und schneller.

Und klar: Diese Artikel bringen Klicks und Reichweite wie Rhein-Zeitung-Kollege Lars Wienand zu Recht anmerkt. Und vielleicht klickt dann der Leser, der für den Igel im Puddingbecher gekommen ist noch auf den Ukraine-Artikel. Das wäre die ideale Variante.

Aber die Verlockung für Verlagsmanager, sich zu weit auf die Seite der Non News zu begeben ist groß. Sehr.

Müssen sich Unterhaltung und Journalismus ausschließen?

Am liebsten wäre es mir aber, wenn Journalismus und Unterhaltung sich nicht gegenseitig ausschließen würden. Warum muss Information trocken sein? Warum darf Unterhaltung nicht klug sein und machen?

Unterhaltender Journalismus, der weder flach noch populistisch ist, ist meine Vision für den Journalismus der Zukunft. Dieser Zapp-Beitrag ist ein Versuch in diese Richtung, genau wie meine Reportagen für Klub Konkret.



15 Kommentare

Schreibe einen Kommentar
  1. Christian Wellbrock

    Wirklich schön aufbereitet. Danke für den Diskussionsanstoß.
    Aus meiner Sicht fehlen aber vielleicht ein paar bedenkenswerte Punkte (nicht nur hier, allgemein in der öffentlichen Diskussion).
    So gibt es beispielsweise viele starke Gründe jenseits der sogenannten „Free Lunch Mentalität“, die Kostenlos-Inhalte im Netz erklären können. Einer meiner Favoriten, die kaum (keine?) Resonanz in der Öffentlichkeit finden ist die Tatsache, dass es im Gegensatz zur Printwelt nichts kostet einen weiteren Konsumenten (Leser/Zuschauer/User…) zu erreichen und dass sich Preise bei hoher Wettbewerbsintensität tendenziell diesen Grenzkosten (von nahezu Null) annähern. Da bringen auch hochwertige Inhalte nichts, wenn ich Ähnliches auch anderswo erhalten kann.

    Geht man davon aus, dass es tatsächlich verdammt schwer ist Umsatz im Netz jenseits der Werbung zu erzielen (was ich für plausibel halte), bin ich in der Tat pessimistisch, dass sich hochwertiger Journalismus online betriebswirtschaftlich flächendeckend profitabel sein kann. Auch hier nur zwei meiner favorisierten Argumente:
    1. Angenommen der profitorientierte Medienunternehmer hat die Wahl zwischen einer teuren (journalistisch hochwertigen) Produktion und einer günstigen (vielleicht rein unterhaltenden) Produktion, welche beide dieselbe Reichweite erzielen. Bei reiner Werbefinanzierung wird er sich für die günstige Variante entscheiden (selbst wenn die Zahlungsbereitschaften auf Seiten der Konsumenten theoretisch um ein vielfaches höher sein mögen und die Kosten kompensieren könnten).
    2. Angenommen eine Produktion erreicht weniger Menschen als eine andere, dafür sind die Konsumenten aber bereit mehr dafür zu bezahlen. Bei reiner Werbefinanzierung wird sich der profitorientiert Medienunternehmer für die massenkompatiblen Inhalte entscheiden und nicht für die „Minderheiten“inhalte.
    Es bestehen also systematische Verzerrungen gegen (1) kostenintensive Inhalte und (2) „Minderheiten“inhalte. Diese gibt es im Print in diesem Ausmaß nicht, weil hier nicht ausschließlich über Werbung finanziert wird.

    Will sagen: „Macht einfach bessere Inhalte, dann bezahlen die Leute schon“ ist vermutlich zu einfach gedacht. Eine Auswahl an ökonomischen Argumenten habe ich angeführt. Das macht Online-Journalisten natürlich nicht per se zu schlechteren Vertretern ihrer Zunft. Aber es wäre schon verwunderlich, wenn privatwirtschaftliche Organisationen nachhaltig journalistisch qualitativ hochwertige Inhalte fördern würden – was im Übrigen dafür sprechen könnte, dass hochwertiger Journalismus zukünftig nur außerhalb rein marktwirtschaftlicher Strukturen überleben kann (taz? ÖR?).

    Beste Grüße (auch an den Kollegen Steffen Grimberg)
    Christian Wellbrock

  2. Julian Heck

    Sau guter Beitrag, wirklich! Und ich finde den Gedanken, wichtige/ernste/harte Themen unterhaltsam/nicht langweilig aufzubereiten, richtig spannend. Die Frage ist nur: Bekommt man das hin? Bei der Thematik Print vs. Online mag das gehen (wie dein Beitrag eindrucksvoll zeigt!), aber wie funktioniert das beim Thema Ukraine?

  3. Karsten Lohmeyer

    Lieber Daniel,

    geniales Video. Applaus – unbedingt mehr davon! Zu Deinem letzten Nachtrag noch eine Anmerkung: Die Mischung aus unterhaltenden und rein informativen Elementen gibt es im Journalismus schon eine ganze Weile, man findet sie in jeder Tageszeitung oder gut in jedem gut gemachtem Magazin. Henri Nannen hat das mal „Wundertüte“ genannt.
    Selbst die trockensten Tageszeitungen haben ihre „bunten Seiten“ – und je bunter (inhaltlich gemeint) die Tageszeitung wird, desto mehr kommt man in den Bereich, den man als Boulevard kennt. Die gerade insolvent gegangene Münchner Abendzeitung stand sehr lange als Sinnbild für den seriösen Boulevard, der Enthüllungsgeschichten mit Klatsch und Tratsch mischte.
    Jetzt geht es ja eigentlich nur darum, diese Mischung im Web so hinzukriegen, dass der seriöse Journalismus nicht zu Gunsten von badenden Hasen (sensationell übrigens!) vernachlässigt wird – da bin ich wieder voll bei Dir.

  4. Sebastian Heiser

    Auf taz.de können die Leser zahlen, wenn sie wollen. Sie brauchen dafür auch nicht einmal eine Bankkarte in ihr Handy stecken, denn sie können per SMS bezahlen und die Abrechnung erfolgt dann über die Handyrechnung. Außerdem können die Leser per Flattr zahlen, per Paypal, Kreditkarte, Lastschrift oder Überweisung. Um unseren Lesern beim Wollen zu helfen, erinnern wir sie mit nerviger Layer-Werbung an das Bezahlen. Eine Mehrheit unserer Leser will trotzdem nicht. Eine große Mehrheit. Eine sehr große Mehrheit. Eine 99,7-Prozent-Mehrheit. Von den 1,21 Millionen Unique Usern zahlten im März genau 3.631. Sie ließen uns 10.459,82 Euro zukommen. Im Jahr 2013 ergab das in der Summe 124.000 Euro, also 0,6 Prozent unserer Gesamteinnahmen.

    Interessant ist dabei der Vergleich mit dem ePaper der gedruckten Ausgabe. Um online ein ePaper-Abo abzuschließen, muss man uns einen Lastschriftauftrag geben und dazu seine 22-stellige IBAN und die bis zu 11-stellige BIC angeben. Man kann nicht per Kreditkarte, Paypal, SMS, Flattr oder Überweisung zahlen. Im Jahr 2013 zahlten die Leser uns auf diesem Weg 890.000 Euro, das ist siebenmal so viel wie für http://www.taz.de.

    Die Trends sind dabei wie folgt:
    Zahlungen für http://www.taz.de: stagniert auf Vorjahresniveau
    Zahlungen für das ePaper: Plus 50 Prozent in einem Jahr

    Ich halte damit die These für widerlegt, dass die Leser für http://www.taz.de so wenig zahlen, weil es so kompliziert ist. Meine These ist, dass sie dafür so wenig bezahlen, weil sie es auch kostenlos bekommen.

    Meine weiteren Thesen zum Thema: http://blogs.taz.de/hausblog/2014/03/27/ueber-online-journalismus-und-ein-euro-shops/

    • Sebastian Heiser

      Was ist an der Handyzahlung unpraktisch? Es sind nur zwei Schritte: Ich gebe auf der Webseite meine Handynummer ein. Ich bekomme eine SMS mit einem sechsstelligen Code, den ich auf der Webseite eingebe. Fertig.

      Aber nochmal: Die These, dass Leser über einfache Zahlmöglichkeiten mehr Geld zahlen, ist falsch. Unsere Leser zahlten uns im März 10.459,82 Euro. Die einfachste Zahlmöglichkeit ist Flattr: Nur ein Klick. Darüber kamen aber nur 588 Euro rein. Ebenfalls ziemlich einfach ist paypal (Login mit Benutzername und Kennwort). Schon etwas mehr Angaben braucht man für die Kreditkartenzahlung, nämlich Name des Kontoinhabers, Kartennnummer, Gültigkeitsmonat und Prüfnummer.

      70 Prozent des Geldes kam allerdings über unsere mit Abstand komplizierteste Bezahlform, nämlich die Einzugsermächtigung. Nirgendwo sonst verlangen wir so viele Pflichtangaben: Name des Kontoinhabers, Name des Geldinstitutes, BLZ oder BIC, Kontonummer oder IBAN, Geldbetrag, Abbuchungsintervall, Datum der ersten Abbuchung und sogar die E-Mail-Adresse.

      Und der März ist kein Außreißermonat – der Trend ist stabil: http://blogs.taz.de/hausblog/2014/04/17/taz-zahl-ich-freiwillige-zahlungen-im-maerz/

    • Daniel Bröckerhoff

      Handyzahlung: Dauert mir zu lange und ich muss immer Daten eingeben.
      Paypal: Ebenfalls. Login. Dinge eingeben. Dauert zu lange.
      Flattr: Hat sich in D nicht durchgesetzt. Ich hab mich da nie angemeldet, weil ich nicht regelmäßig einen Betrag abgezogen bekommen wollte, von dem ich gar nicht wusste, ob er überhaupt ausgeben wird, weil es auch zu wenige Anbieter gibt, die flattr nutzen. Das Problem beisst sich so in den Schwanz.
      Einzugsermächtigung: Damit meinst Du vermutlich eure regelmäßigen Zahler. Und das ist es eben: Einmal alles angeben. Nie wieder dran denken. Nichts tun müssen. Total easy. Deswegen läuft das in meinen Augen 🙂

    • Sebastian Heiser

      Richtig, 70 Prozent unserer freiwilligen Einnahmen kommen über die Lastschrift-Einzüge, bei denen man nur einmal seine Daten eingeben muss und wir dann regelmäßig den Betrag einziehen.

      Bezahlen mit digitalen Daten kann niemals so einfach sein wie mit Bargeld. Geld unterscheidet sich von digitalen Daten in einer Reihe von Punkten, die hier relevant sind:

      – Die Menge ist begrenzt
      – Der Staat hat ein Monopol auf die Herstellung
      – Sicherheitsmerkmale sorgen dafür, dass es sich nicht so leicht kopieren lässt
      – Wenn man Geld an jemand anders gibt, hat man es selbst nicht mehr

      Deshalb wird es im Internet immer notwendig sein, Dinge einzugeben: Um den richtigen, zur eigenen Person gehörenden Account zu verbinden, über den man Geld nach obiger Definition transferieren kann, und um diese Transaktion zu legitimieren.

    • Daniel Bröckerhoff

      Naja, das will Laterpay ja anders machen. Indem sie die Hardware mit Deinem Nutzerkonto verbinden und dich so identifizierbar machen, wenn ich das richtig verstanden habe. Und dann muss man nur noch klicken.

  5. Georg

    Ja, gelungen. Keine neuen Infos, aber unterhaltsam umgesetzt. Hab schon eine Weile kein Zapp mehr geguckt und werde jetzt wohl wieder öfter die Mediathek dafür ansteuern.

  6. Dirk v. Gehlen

    JA! Guter Beitrag, und vor allem eine zeitgemäße Ästhetik – mehr davon!! Und lass den Kollegen wieder aus dem Eck-Gefängnis frei …


Schreibe einen neuen Kommentar