Wie landet man im Verfassungsschutzbericht?

Feine Sahne Fischfilet“ sind eine Punk-Kombo aus dem beschaulichen Greifswald, die es geschafft haben, in den Verfassungsschutzberichten 2011 und 2012 des Verfassungsschutzes Mecklenburg-Vorpommern aufzutauchen.

Für unsere Klub-Sendung über die Frage „Wann wird links radikal?“ hab ich die Jungs im Proberaum besucht. Ich wollte herausfinden, ob das wirklich gefährliche Burschen sind, die unsere Verfassung gefährden und den Staat stürzen wollen.

Schnellkurs im Punksongschreiben: Check.

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tldr
Um im Verfassungsschutzbericht von MP zu landen sollte man folgendes tun:
1.) Sich öffentlich gegen Rechte aussprechen und engagieren
2.) Eine Band gründen und politische Texte schreiben, die als „systemkritisch“ verstanden werden können
3.) Sich dadurch eher unfreiwillig als „politische Gruppierung“ definieren
4.) Sich nicht klar von Gewalt gegen Sachen oder Personen distanzieren
5.) Das Konzept von „Staat“ und/oder „Nation“ öffentlich kritisieren.
Voilá.

„Feine Sahne Fischfilet“ versuchen aufzuklären über Rechtsradikalismus, spielen auf Soli-Parties, sprechen sich öffentlich gegen Rechte aus. Damit leben sie nicht ungefährlich. Die Rechten im Land kennen die Band. „Wir haben schon manchmal Schiss, aber man gewöhnt sich dran“, erzählt mir Sänger Monchi. Eine Zeitlang hätten Aufkleber kursiert, die ihn mit gespaltenem Schädel zeigten. „Da wird einem schon mulmig.“

„Explizit anti-staatliche Haltung“

Ich hab mich selber schon viel in der linken Szene bewegt, war auf linken Demos, hab in der Roten Flora gefeiert, mit Aktivisten diskutiert und indymedia gelesen. Ich weiß ungefähr welche Positionen es gibt und wie deutschlandfeindlich man sein kann. Bei „Feine Sahne“ hab ich davon nichts mitbekommen, auch wenn im Verfassungschutzbericht etwas anderes steht:

„Darüber hinaus vertritt die Band aber eine explizit anti-staatliche Haltung, sie möchte die staatliche Struktur auflösen.“

Als Beleg wird ein Interview-Ausschnitt zitiert, der mir aus dem Zusammenhang gerissen vorkommt, aber sicher so gedeutet werden kann, wenn man möchte.

Dass die Band sich aber nicht nur mit linken Themen und dem Kampf gegen Rechts beschäftigt zeigen Songs wie „Komplett im Arsch“. Sowohl musikalisch als auch textlich nicht meine Welt, aber alles andere als verfassungsfeindliche Hetzparolen:

Gewalttätig oder Notwehr?

Trotzdem bieten die Jungs dem interessierten Geheimdienst ein Einfallstor, denn auch mir gegenüber distanzierten sie sich nicht klar von Gewalt („Wenn ein Nazi eins in die Fresse kriegt tut mir das nicht leid“). Aber mein Eindruck war eher, dass es sich hier um Notwehr als aktive Gewalttaten handelt zu denen sie aufrufen.

Monchi erzählte mir von einem Dorffest, bei dem er mit einem schwarzen Freund gewesen sei. Schnell habe es Ärger gegeben. „Und wenn da einer steht und meinen Freund anmacht, dann steh ich nicht daneben und sag nichts.“ Eine Spirale der Gewalt in die wahrscheinlich jeder gezogen wird, der sich dafür entscheidet, nicht zu gehen, wenn es heikel wird. Dass sie das nicht tun, zeigen sie unter anderem mit der Verwendung des „Good Night White Pride“-Logos, das alles andere als pazifistisch ist:

So ist die Band wohl auch im Fokus der Verfassungsschützer gelandet. Eine eher unangenehme Erfahrung, wie mir alle bestätigten, auch wenn sie sich davon nicht einschüchtern lassen wollen.

Für ihre Karriere war dies aber eher förderlich. Seit ihrer ersten Nennung rückte die Band in den Medienfokus, auch ich war ja letztens Endes deswegen bei ihnen. Mit ihrer ganz eigenen Ironie haben sie sich daher letztes Jahr beim Amt für Verfassungsschutz mit einem Präsentkorb bedankt und die Aktion medienwirksam filmisch festgehalten:

Kürzlich errang die Band einen weiteren Sieg gegen das Amt. Weil im Verfassungsschutzbericht 2012 ein Foto von ihrer Website abgebildet wurde, ohne dass die Urheberrechte dafür erworben wurden, erwirkte die Band erfolgreich eine Unterlassung dagegen.

Warum soviel Aufmerksamkeit?

Was bis heute aber keiner wirklich klären konnte: Warum die Band in zwei Berichten mehr Aufmerksamkeit vom Verfassungsschutz bekommt als alle anderen rechten Bands im Land, die zum Beispiel 2011 lapidar in einem Absatz erwähnt werden.

Um zu schauen, wie es sich anfühlt „gegen den Staat zu sein“ hab ich mir dann mal zeigen lassen, wie man so einen typischen „antideutschen“ Punkrock-Song schreibt. Die ersten beiden Zeilen fielen mir morgens beim Duschen ein, der Rest hat 5 Minuten gedauert. Entweder steckt in mir doch mehr Revoluzzer als ich immer dachte. Oder es ist gar nicht so schwer, sich „verfassungsfeindlich“ zu geben:

Staatsfeinde sehen anders aus

Statt einem paranoiden Haufen von anarchistischen Revoluzzern, die mit der Mao-Bibel unterm Arm Mollis basteln traf ich auf entspannte  Stromguitarrenmusiker, die sich auch als Antifaschisten begreifen und so agieren. In Greifswald, wie in vielen Städten im Osten Deutschlands, ist das Problem „Rechtsradikale“ immer noch gravierender und spürbarer als im Westen. Dagegen mit Musik aktiv zu werden halte ich weniger für verfassungsfeindlich, sondern sehe ich viel mehr als dringende Notwendigkeit.

Disclaimer für den Verfassungsschutz: Ich habe aus rein journalistischem Interesse zum Instrument der „teilnehmendem Beobachtung“ gegriffen und diesen Song geschrieben und gesungen gegröhlt. Die Textzeilen geben nicht meine Gesinnung wieder. Ich bekenne mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der BRD. Ehrlich. Echt. Lasst mich in Ruhe.



  1. Benny Be

    „Ich hab mich selber schon viel in der linken Szene bewegt, war auf linken Demos, hab in der Roten Flora gefeiert, mit Aktivisten diskutiert und indymedia gelesen.“

    Nur zum Verständnis: Das heißt, du bist links?

  2. Kathrin

    da sitzt er mit seinem roten höschen 😀 geile band und definitiv zu unrecht im verfassungsschutzbericht! es gibt bestimmt hetzerische linksextreme bands, aber feine sahne gehört meiner meinung nach nicht dazu.


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