Wie die Stuttgarter Medien PR mit Journalismus verwechseln

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„Gemeinsam für den VfB“ – gemeinsam gegen unabhängigen Journalismus?

Ich bin kein Fan irgendeiner Sportart, aber ich bin noch weniger Fan von Sportberichterstattung, die für sich selber in Anspruch nimmt, Journalismus zu machen. Was die Stuttgarter Medien heute versammelt ankündigten bestätigt mich in meinem Vorurteil: Wer über Sport berichtet ist oft nichts anderes als ein Hofberichterstatter.

Eine Ausnahme bildet der Kollege Jens Weinreich, der in seinen Recherchen aufzeigt, dass Sport längst nicht mehr nur Unterhaltung ist, sondern ein internationales Milliardengeschäft mit allen Schweinereien, die im Allgemeinen dazu gehören.

Entsprechend kritisch sieht er auch seine unkritischen Kollegen. Und entsprechend empört zeigte er sich heute auf Facebook:

 

Bildschirmfoto 2014-04-10 um 16.38.01

Der Text hinter dem Link kündigt an, dass die Stuttgarter Medien sich versammelt dazu entschlossen haben, „den VfB Stuttgart im Abstiegskampf zu unterstützen.“ Und weil sich „die Vertreter von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern“ scheinbar schon klar darüber waren, was für einen journalistischen Mäusemist sie da beschlossen haben, schoben sie schnell hinterher:

Unberührt davon bleibt die jeweilige Berichterstattung über den Verein, die weiterhin kritisch-neutral sein und die nötige journalistische Distanz haben muss.

Äh, ja. Klar. Total journalistisch-distanziert so eine Aktion. Als kleines Experiment hab ich mal ein paar Wörter in dem Text ausgetauscht:

Am Anfang stand die alles entscheidende Frage: wird die journalistische Freiheit in irgendeiner Weise beschnitten? Als sich die Vertreter von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern am Dienstagnachmittag gegenseitig ein klares Nein zur Antwort gaben, war die gemeinsame Initiative der Stuttgarter Medien ins Leben gerufen. Diese hat es sich nun zum Ziel gesetzt, die CDU im Wahlkampf zu unterstützen. Unberührt davon bleibt die jeweilige Berichterstattung über die Partei, die weiterhin kritisch-neutral sein und die nötige journalistische Distanz haben muss.

Die Stuttgarter Medien eint das Interesse an der Bundespolitik. Dafür wollen sie ihre Möglichkeiten nutzen und die Leser, Zuschauer und Zuhörer in der Region unter dem Motto „Jetzt schwarz!“animieren, gemeinsam ihre Verbundenheit mit der CDU zu zeigen und so den Kandidaten Schwung zu geben. Vor jedem der verbleibenden fünf Wahlen wird es deshalb eine entsprechende Aktion geben.“

So ein Unsinn, sagt jetzt der kritische Fußballfan. Fußballvereine und Parteien kann man doch nicht vergleichen. Das ist doch wie Äpfel und … Fußbälle vergleichen! Wir können ja spaßeshalber noch ein Experiment machen:

Am Anfang stand die alles entscheidende Frage: wird die journalistische Freiheit in irgendeiner Weise beschnitten? Als sich die Vertreter von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern am Dienstagnachmittag gegenseitig ein klares Nein zur Antwort gaben, war die gemeinsame Initiative der Stuttgarter Medien ins Leben gerufen. Diese hat es sich nun zum Ziel gesetzt, Daimler-Benz in der Rezession zu unterstützen. Unberührt davon bleibt die jeweilige Berichterstattung über das Unternehmen, die weiterhin kritisch-neutral sein und die nötige journalistische Distanz haben muss.

Die Stuttgarter Medien eint das Interesse am Wirtschaftsstandort Stuttgart. Dafür wollen sie ihre Möglichkeiten nutzen und die Leser, Zuschauer und Zuhörer in der Region unter dem Motto „Jetzt Stern tragen!“animieren, gemeinsam ihre Verbundenheit mit Daimler zu zeigen und so den Mitarbeitern Schwung zu geben. Vor jedem der verbleibenden Verkaufswochenenden vor der Aktionärssitzung wird es deshalb eine entsprechende Aktion geben.

Wer es jetzt noch nicht merkt, was die Kollegen da beschlossen haben, merkt vermutlich auch sonst nichts mehr.

Update 18:00
Nachdem mich @script0r darauf hinwies, dass ich ja gar nicht an journalistische Objektivität glaube, hab ich die Headline geändert. Der erste Titel lautete „Wie die Stuttgarter Medien einmal gesammelt
die Objektivität abschafften“.

Jens Weinreich wies mich ausserdem darauf hin, dass er gar nicht empört sei. An solches Gebahren habe er sich längst gewöhnt.



  1. Töm

    Es ist so lustig wenn es nicht so traurig wäre. Zum Thema Stuttgart 21 hat diese Mediengruppe nämlich dasselbe gemacht. Erst jetzt wo das Thema kaum noch interessiert zieht ein Hauch kritischer Berichterstattung ein.

  2. Kurt Mueller

    Richtiges Thema, meiner Meinung nach falscher Aufhänger…

    Ja – die Kumpanei zwischen manchen Sportreportern und den Objekten der Berichterstattung ist peinlich und unprofessionell. Daß aber, wenn ein lokaler Fußballverein gegen den Abstieg kämpft, die örtlichen Medien sich engagieren, halte ich für verständlich. (Im Zweifelsfalle wäre ich als Käufer der Blätter eher genervt, weil man sich bei mir als Leser lieb Kind machen will – der Fußballverein ist nur der willkommene Aufhänger, um sich an mich ranzuwanzen.)

    In diesem Zusammenhang fände ich eher das notorische Geduze zwischen Sportlern und Reportern erwähnenswert oder etwa, daß sich die TV-Sender darauf einlassen, die Sportler vor mit Werbung vollgekleisterten Wänden zu interviewen. Umgekehrt finde ich es völlig in Ordnung, wenn ein Jürgen Klopp auch mal pampig wird, wenn einer mit saublöden „Fragen“ kommt…

    Aber ein Vorkommentator schrieb es schon: Sport ist Nebensache. Viel peinlicher sind Journalistendarsteller wie Sigmund Gottlieb und die ganzen anderen öffentlich-rechtlichen Mikrofon- und Notizblockhalter, die brav notieren und verkünden, was ein Ministerpräsident oder Bürgermeister von sich gibt.

    Und, ja: Die Schuttgarter Medien haben spätestens mit der Diskussion um Schrott 21 ihre Neutralität verkauft. Der SWR war aber auch nicht besser und hat – von der leider in Nachmittagsprogramm versendeten Dauerserie „Eisenbahnromantik“ abgesehen – das Thema erst aufgegriffen, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Da war sogar „Extra 3“ vom NDR munterer…

  3. jmk

    Gerade die Stuttgarter Zeitung hat ja schon bei S21 versagt, indem sie die sachlich ausgewogene Berichterstattung mit Ansage abschaffte. Weil „eine Zeitung muss sich bei schwierigen Fragestellungen positionieren“. Insofern ist das eben nicht anderes als der Kampagnenjournalismus der Bild. Nur mit mehr Text.


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