Kann der Knast ein Leben retten?

Es gibt so Dinge, über die denke ich als mittelständischer Durchschnittsdeutscher mit akademischer Ausbildung und Bildungsbürger-Ausbildung so gut wie nie nach. Wie ist es, in einer Welt aufzuwachsen, in der Gewalt als ideale Problemlösung gesehen wird? Wie denkt man über Deutschland, wenn die Gesellschaft einen schon als Kind abgeschrieben hat? Und wie gehen wir eigentlich mit Menschen um, die aus dem Gefängnis kommen und gern ein normales Leben führen möchten? Besonders, wenn sie erst 21 sind?

Wir haben die Klub Konkret-Sendung „Jung und kriminell – Gibt es eine zweite Chance nach dem Knast?“ genannt. Dabei ist es mit der zweiten Chance ziemlich irreführend, wie wir im Laufe der Recherche feststellen. Jugendliche Straftäter in Deutschland haben schon sehr viele zweite Chancen gehabt, bevor sie die volle Breitseite kriegen und ins Gefängnis wandern.

Bis dahin gibt es Arbeitsstunden, Sozialstunden, Bewährungshelfer, Familienhelfer, Sozialarbeiter, nachsichtige Richter, die verwarnen – und trotzdem landen viele, die einmal so weit waren, dass die Strafverfolgungsbehörden sich um sie kümmern mussten immer wieder vor Gericht. Und manche dann im Knast.

„Ich hab jemanden umgebracht“

Die JVA Neustrelitz ist so eine Anstalt für jugendliche Strafgefangene. Ich hab dort das erste Mal vor 4 Jahren gedreht, damals noch für die RTL II News. Es ging um ein Antirassimus-Projekt, die Jugendlichen lernten tanzen, rappen oder Capoeira; die Lehrer waren Migranten und sollten Selbstwertgefühl und eine Perspektive vermitteln.

JVA Neustrelitz

Wer hier sitzt, hatte oft schon die dritte zweite Chance: JVA Neustrelitz.

Als ich einen der Teilnehmer fragte, warum er im Gefängnis sei, war die Antwort: Ich hab jemanden umgebracht.

Damals war ich nur wenige Stunden dort. Zu wenig, um zu begreifen, was so etwas heißt. Jemanden umbringen. Dafür ins Gefängnis gehen.

Für die Sendung wollte ich jetzt einen ganzen Tag im Gefängnis verbringen, auch wenn das immer noch nur ein winziger Ausschnitt dieses komplexen Kosmos sein würde. Richtig begreifen, was das für ein Leben dort ist, wie es sich anfühlt eingesperrt zu sein, Sorge zu haben, wie das Leben danach aussehen wird – für mich unmöglich. Dafür ist die Situation mit zwei Kameras, einem Tonmann, einem Autoren und dem Sozialarbeiter, der die ganze Zeit dabei war zu künstlich.

In den beiden Filme, die wir aus den Material geschnitten haben, kommt trotzdem hoffentlich ganz gut raus, wie die eingesperrten Jugendlichen dort ticken. Welche Ängste sie haben. Welche Hoffnungen. Wie sie ihre Taten versuchen, zu rechtfertigen.

Bei manchen Antworten hatte ich das Gefühl, dass hier sozial erwünschte Sätze aufgesagt wurden. Ist der Knast wirklich die Rettung? Bereuen Sie wirklich, was sie getan haben?

Bei anderen spürte ich, dass sie es ernst meinen. Die Probleme, anderen zu vertrauen, weil sie nie erfahren haben, was das heißt. Die Angst, wieder im Gefängnis zu landen. „Draussen“ keine Chance zu bekommen. Wieder in die alten Muster zu fallen.

Denn wer einmal gesessen hat, hat es schwer, obwohl mit der Strafe eigentlich alles abgegolten sein sollte und . Aber welcher Vermieter gibt dem Ex-Knacki die Wohnung, wenn er auch den Angestellten mit sauberem Polizeizeugnis nehmen kann? Wer gibt einem eine Arbeit, der schon geklaut, geraubt, gedealt hat? Die Vorurteile sind da und kaum aus der Welt zu kriegen.

Of hab ich mich gefragt, ob eine Gefängnisstrafe eine gute Lösung ist? Ist es wirklich eine gute Idee, lauter Menschen, die sich nicht an die Regeln gehalten haben auf engstem Raum einzusperren? Festigen sich nicht eher die erlernten Verhaltens-Muster? Die Forschung sagt: Ja. Aber als Gesellschaft ist uns noch keine bessere Idee eingefallen.

Gefängnis als Abschreckung?

Gefängnis soll ja auch abschrecken. Bei unserem Gesprächsgast Tobi hat das gewirkt. Ich lernte ihn letztes Jahr als Frisör in einem schicken Laden in der Hamburger City kennen, damals hätte ich nicht geahnt, welche Vorgeschichte er hat.

Erst durch meine Freundin, die ihn schon lange kennt, erfuhr ich nach und nach, was Tobi schon erlebt und verbrochen hatte. Es ist die fast schon klischeehafte schwere Kindheit in einer Pflegefamilie, die ihm nicht gibt, was er braucht, die ihn versucht, mit harten Mitteln zu erziehen und dabei alles falsch macht. Strafe statt Liebe. Fertig machen statt unterstützen.

Tobi wehrt sich mit den Mitteln, die ein Kind hat. Und rutscht als Jugendlicher völlig ab. Dealt, prügelt sich, klaut. Als er bei einem Deal verarscht wird, nimmt er den Schuldigen als Geisel, versucht ihn zu erpressen. Der wehrt sich danach und zeigt ihn bei der Polizei an.

Die Rivalen reiten sich gegenseitig bei der Staatsanwaltschaft in die Scheisse. Am Ende landet Tobis Konkurrent im Gefängnis, er selber entgeht knapp der Strafe. Aber die Angst, eingesperrt zu werden bewegt ihn zum umdenken.

Er nimmt seine Frisörlehre endlich ernst, findet in seinem Chef einen Förderer, der an ihn glaubt. Und merkt, dass er mehr kann als mit Deals sein Leben finanzieren.

Heute verdient Tobi mit Haare schneiden mehr Geld als ich mit Journalismus. Die guten Enden, es gibt sie noch.