Arbeitslos, weil er die Arbeitsagentur öffentlich kritisierte

Nein, ein bequemer Student und Arbeitnehmer ist er sicherlich nicht. Aber das wollte er vermutlich auch nie sein. Dabei strebte er eigentlich eine Karriere in einer Behörde an – Querdenker sind da weniger gefragt. Doch darum muss er sich jetzt keine Sorgen mehr machen. Denn Marcel Kallas, 21, bis vor kurzem Student bei der Bundesagentur für Arbeit, wurde von dieser gefeuert.

Ich traf Marcel letzte Woche in München beim Dreh für Klub Konkret. In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit der Frage nach der Zivilcourage und dem Whistleblowing – da kam uns Marcel als Interviewpartner gerade Recht. Denn er begann im Sommer letzten Jahres auf seinem Blog „kritischer kommolitone“ die Bundesagentur, ihre Arbeitsweise und die Hartz IV-Gesetzen öffentlich zu kritisieren.

Daniel Bröckerhoff und Marcel Kallass

Ist „Gegen die Gemeinheit“: Hartz IV-Kritiker Marcel Kallass. (Das zum Fotografieren verwendete iPhone ist übrigens gegen scharfe Fotos.)

Marcel bezeichnet auf seinem Blog die Sanktionen der Arbeitsagenturen für Arbeitssuchende, die nicht tun, was man von ihnen verlangt als Verstoß gegen die Menschenwürde, findet den Hartz IV-Regelsatz viel zu niedrig und greift den Chef der Bundesagentur für Arbeit frontal an.

Ungestraft öffentlich kritisieren? Nicht bei uns!

In Deutschland (und in weiten Teilen der restlichen Welt) hat es Konsequenzen, wenn man sich öffentlich derart kritisch über seinen Arbeitgeber äußert. Whistleblowing ist das im strengeren Sinne nicht, da Marcel so gut wie nichts ausgesprochen hat, was nicht eh schon öffentlich bekannt war.

Mutig (wenn nicht gar wagemutig) ist es aber trotzdem. Es gehört eine Menge Courage dazu, sich mit einer derart großen und mächtigen Insititution anzulegen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, die das für einen selber haben kann.

Denn Marcel war weder Betroffener (naja, jetzt schon), noch hätte ihm die geäußerte Kritik in irgendeiner Weise einen Vorteil verschafft – im Gegenteil. Was er tut und getan hat, hat er getan, weil er ein Idealist zu sein scheint – wie die meisten, die ihren Arbeitgeber anonym oder offen kritisieren. Die Wenigsten tun dies aus Rache oder Kalkül, oft ist ein tief verletztes Unrechtsgefühl im Spiel und das Bedürfnis, Dinge zu verbessern, ja sogar, dem Unternehmen zu helfen (auch wenn das die Kritisierten oft nicht sehen können oder wollen).

Whistleblower: Nestbeschmutzer, Petzen, Querulanten?

Öffentliches Kritisieren des Arbeitgebers und Whistleblowing haftet immer noch den Ruch der Petze, des Netzbeschmutzens, des Querulanten, des Nestbeschmutzers an. Dabei kommt Kritikern und Whistleblowern häufig eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu, wie der Fall Edward Snowden derzeit ja eindrücklich beweist. Sie sind oft diejenigen, die ihren Finger in Wunden legen, die von anderen ignoriert werden und bereit sind, dafür gerade zu stehen – oft bis zu letzten Konsequenz.

Gedankt wird ihnen das selten. Viele Kritiker und Whistleblower verlieren durch ihr Handeln ihren Job – auch wenn alle Bundesregierungen bislang behaupten, das Kündigungsschutzgesetz würde dies verhindern. Wie schlecht allerdings Whistleblower in Deutschland wirklich gesetzlich geschützt sind, habe ich hier für Zapp schon einmal berichtet:

Der von mir im Zapp-Film interviewte Guido Strack, Vorsitzender des Whistleblower-Netzwerk e.V., war gestern als Sachverständiger beim Innenausschuß des NRW-Landtags geladen. Die Piratenpartei NRW hatte einen Antrag zum besseren Schutz von Whistleblowern gestellt (pdf), der dort beraten wurde.

 „Wer das Gemeinwohl schützen will, muss das Schweigen brechen.“

Im Vorhinein hat Strack seine Stellungnahme veröffentlicht (pdf). Seine Forderungen: mehr Aufklärung, Einrichtung eines anonymen Hinweisgeberportals, Schaffung einer Ombudsstelle für Streitfragen wie in anderen Ländern, Lockerung der Verschwiegenheitspflicht für Beamte.

Dazu schreibt er auf dem Blog seines Vereins:

Wichtig ist mir dabei vor allem ein Gedanke: Es geht letztlich nicht in erster Linie darum Whistleblower zu schützen. Es geht darum eine sichere Alternative zum Schweigen zu schaffen damit Missstände und Rechtsbrüche aufgedeckt und beseitigt werden können.

Marcel Kallas sah wohl keine sichere Alternative zum Schweigen und entschloss sich daher für die unsicherste aller Methoden: Öffentliche Kritik. Das hat er mit seiner Ausbildungsstelle bezahlt. Bereuen tut er das jedoch nicht. Im Skype-Interview sagte er mir:

Ich hab es erwartet, von dem her bin ich nicht überrascht und versuche eben, das politisch gut zu nutzen und noch eben eine öffentlich Debatte anzustoßen für das Thema und Erwerbslose zu motivieren, sich dagegen zu wehren, was ständig passiert.

Was meint ihr: Ist es richtig, für seine Überzeugung so weit zu gehen, dass man seinen Job verliert? Und: Wann kann man es von Menschen verlangen, dass sie Mißstände aufdecken, auch auf das Risiko hin, arbeitslos zu werden?

Die ganze Folge mit Marcel und Jonathan Sachse von fussballdoping.de hier zum Anschauen.




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