Der Einsame vom Dortmunder Bahnhof

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„Hier sind alle immer allein. Ich kenne das nicht. Bei uns ist man nie allein. In Afrika leben wir in Communities.“ Seine Stimme halt laut durch die Bäckereikette. Er steht am Tresen, vor dem Kaffeeausschank mit der Milch, dem Zucker, den Löffeln und redet auf die Frau ein, die neben ihm wartet. Sie ist irritiert.

„Hier ist jeder isoliert, alle in ihrer Blase, das macht mich fertig!“ Er hat einen schweren französischen Akzent, aber spricht so fließend, wie es Menschen tun, die sich lange in einem fremden Land durchschlagen müssen. Er hat ein angenehm offenes Gesicht. Aber sein Ton ist leicht aggressiv. Er stört die deutsch-anonyme Ruhe.

Trotzdem, deswegen ist er mir sympathisch. Er sagt die, eine, meine Wahrheit. Wer länger in der Fremde war – Südamerika, Afrika, Asien – der kommt mit Befremden zurück nach Deutschland. Und das Erste, was man bemerkt ist die Stille. Die sterile Sauberkeit. Die Anonymität.

Ich überlege, ob ich ihn auf eine Gespräch einlade als mein Kaffee kommt. Sein Schirm hängt genau vor dem Zucker. Als ich danach greife, fährt er mich an.

„Vorsicht, das ist meiner! Zeig Respekt vor den Sachen anderer!“

Bedrohlich starrt er mich an. Ich kenne diese Blicke aus Brasilien. „Alles gut, kein Problem, ich wollte nur den Zucker…“ – „Lass meinen Schirm!“

Er beginnt auf französisch in sich rein zu fluchen, reisst sich spürbar zusammen. Ich nehme Abstand. Verwirrt. Verletzt. Setze mich.

Er nimmt sein Pizzastück, setzt sich an einen anderen Tisch, immer noch leise schimpfend. Als eine alte Dame sich wenige Momente später zu ihm setzen will, beginnt er, auf sie einzureden.

„Ich bin seit zehn Jahren hier, ich studiere, aber das Land hat mich krank gemacht! Bei uns heiraten alle, kriegen Kinder und hier?! Ich hatte eine schwere Lungenentzündung, die Ärzte haben mich nicht ernst genommen. Aber wie soll ich denn krank eine Frau finden? Immer alleine, immer einsam!“

Die Dame nickt. Sie ist überfordert.

„Diese Stadt ist so reich, aber sie macht die Leute krank. Und als Afrikaner wird man immer schlecht behandelt. Sie geben uns nur die Scheiss-Jobs. Nirgendwo kriegt man eine Chance.“

Er hat etwas Manisches an sich. Oder ist das Temperament? Hat ihn unsere Gesellschaft krank gemacht? Oder war er vorher schon so?

Ich trinke meinen Kaffee aus, nehme meinen Mut zusammen. „Darf ich mich dazu setzen?“ – „Nein danke, ich unterhalte mich gerade!“. Ein abweisender Blick. Die ältere Frau nutzt die Gelegenheit dankbar. „Ich wollte eh gerade gehen…“

Ich versuche ihm zu erklären, dass es nicht um seinen Schirm ging, sondern dass ich Zucker wollte. Ich sage ihm, dass ich finde, dass er Recht hat. Dass unsere Gesellschaft materiell reich ist, aber sozial arm.

Er lächelt.

„Alles gut, Entschuldigung. Ich dachte, Du wolltest meinen Schirm nehmen.“ – „Nein. Und es ist vielleicht schwer zu glauben, aber nicht jeder möchte Ihnen etwas Böses.“ Er lächelt wieder. Aber meine Hand zur Versöhnung möchte er nicht schütteln.

Auf dem Weg zum Bahnsteig sehe ich die Menschen, wie sie in ihre Handys starren, tippen, wischen. Mit anderen in virtuellen Räumen verbunden, aber im physischen Raum isoliert.

Ich nehme mein Handy und stelle mich zu Ihnen. Seine Stimme schwingt in meinem Ohr nach. „Hier ist jeder allein.“




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