Das Qualitäts-Dilemma: Publizieren oder prüfen?

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Echt falscher Tweet von Paris Hilton

Als freier Journalist mit Anspruch (auch an sich selber) stehe ich vor einem Dilemma: Infos raushauen, auch mal ohne strenge Prüfung, weil ich schnell sein will oder auf Quantität verzichten – und dafür weniger Aufmerksamkeit riskieren?

Mir sind in den letzten Tagen mindestens zwei berufliche Fehler auf Twitter unterlaufen. Sie sind nicht gravierend, aber sie ärgern mich.

Am Donnerstag habe ich während einer 12stündigen #Xaver-Sturm-ICE-Fahrt einen gefälschten Tweet von Paris Hilton verbreitet.

Klar: Ein Lacher. Man traut es ihr zu, daher war meine Skepsis eher verhalten. Ich schaute mir kurz den Account an, der den Tweet verbreitet hatte und schöpfte wenig Verdacht.

Kurzer Verdacht, aber zu müde zum prüfen

Ganz kurz dachte ich an die Seite, die vor einigen Monaten mal für Diskussionen gesorgt hatte: Auf lemmetweetthatforyou.com lassen sich beliebig Tweets von beliebigen Menschen erzeugen und dann in die Welt pusten. Freund und Kollege Giesler hatte schon im März davor gewarnt, dass Medien darauf herein fallen könnten.

Ich war aber nach zwei Aufzeichnungen und frühem Aufstehen mit Flug nach München zu müde, um genauer zu prüfen, ob sich jemand hier einen Scherz erlaubte. Außerdem war die Netzverbindung im ICE bescheiden. Für Twitter reichte es, aber Webseiten emulierten das 56k-Modem-Gefühl: Laaaangsam.

Und so verbreitete ich den Fake. Die Retweets purzelten. Alle lachten.

Zum Glück habe ich aber auch kritische und wachsame Follower: @nils90 und @fluestertweets mahnten beide, dass das nach Fake und lemmetweetthatforyou.com riechen würde. @Fluestertweets erbrachte dann den Bild-Beweis:

Ich zog den Tweet daraufhin zurück, was mir (berechtigte) Kritik von @kopfduell bescherte:

Tja. Was soll ich dazu sagen. Ich versuchte es mit dem Transparenz-Move:

Es wirkte: @kopfduell gab sich erstmal zufrieden.

Transparenz besser als Vertuschung

Aber ich ärgerte mich trotzdem. Ich finde nach wie vor, dass ein transparenter Umgang mit Fehlern besser ist, als sie zu verschweigen. Aber noch besser ist, gar keine Fehler zu machen.

Doch das ist gar nicht so leicht, wenn man wie ich versucht, zeitweise im Nachrichtenstrom mitzuschwimmen. Als freier Journalist versuche auch ich, möglichst exklusive oder neue Informationen zu verbreiten. Zum einen, um interessant für neue Follower, Leser oder wen auch immer zu sein. Zum anderen, um mich bei Kollegen zu empfehlen.

Wie immer in den Medien geht es vor allem um eins: Aufmerksamkeit, die dann irgendwie monetarisiert werden kann. Nicht des Geldes wegen. Aber um von dem Leben zu können, was ich täglich in den Medien tue.

Mein „Leak“ aus der Pressemitteilung

Doch der Versuch kann auch nach hinten losgehen. Als ich heute Vormittag vom Zahnarzt kam las ich mit Überraschung die Eilmeldung in der tagesschau-App, dass der Axel-Springer-Verlag den Nachrichtensender N24 übernimmt. Viel mehr Infos standen dort nicht, also fragte ich bei meinen N24-Kontakten per DM auf Twitter nach: Was ist da los? Ich wurde sofort mit Infos aus der Betriebsversammlung versorgt, die ich per Twitter verbreitete.

Während ich das twitterte, stand ich im Flur der Zahnarztpraxis. Die Pressemitteilung dazu hatte ich weder gesucht, noch gelesen. Hätte ich mal machen sollen. Denn was ich als „Leaks“ verkaufte, waren offizielle Infos aus der Presseabteilung. Was mir auch sofort (Twitter ist ja schnell) um die Ohren gehauen wurde:

Was für eine Mango!

Als Autor des gestrengen NDR-Medienmagazins ZAPP würde ich jederzeit den Kollegen beiseite springen: „Und sowas schimpft sich Journalist?! Verkauft allgemein zugängliche Infos als „Leak“?! Was für ein Lauch! So ‚ne Mango! Pfeifenheini! Dumpfi! Schmierfink! Dosenbierverkäufer, dämlicher!“

Facepalm: Zerknirschter Journalist ist zerknirscht.

Facepalm: Zerknirschter Journalist ist zerknirscht.

Als freier Journalist habe ich mich (wie auch bei @kopfduell) versucht zu verteidigen. Diesmal mit dem Selbstironie-Move:

Nur rückgängig macht das meinen dämlichen Versuch, auch mal eine Exklusiv-Meldung zu verteilen auch nicht. Als freier Journalist stehe ich einmal mehr vor der Frage, was besser ist: Schnell sein und Fehler riskieren oder zurückhaltend sein und dafür nicht im Nachrichtenstrom mitschwimmen?

Wieviel Qualität? Wieviel Quantität?

Klar: Qualität muss vor Quantität komme. Hätte ich aber alle Infos aus allen 35.000 bisher veröffentlichten Tweets so sorgfältig geprüft, wie ich es bei Zapp-Beiträgen mit Informationen tue, hätte ich einen Bruchteil davon geschrieben.

Oft ist es eine Mischung aus „Quellen, denen ich vertraue“ und „Info klingt plausibel“, die mich dazu bewegen, etwas im Netz weiterzureichen. Ähnlich halte ich es bei Blog-Beiträgen auf dieser Seite. Sie sind für mich eher Work-in-Progress als „fertige Artikel, die nicht mehr korrigiert werden (müssen)“.

Denn: In beiden Fällen gibt es die Möglichkeit der Korrektur, des Zurücknehmens, des Richtigstellens. Auch kann hier mit #Followerpower oder #Crowdsourcing gearbeitet werden, wie das im Falle Paris-Hilton-Fake-Tweet ja geschehen ist.

Bei linearen Medien wie dem Fernsehen oder eher statischen journalistischen Formaten wie dem Bewegtbild ist das nicht so leicht möglich. Daher lasse ich dort mehr Sorgfalt walten.

Finger weg von Twitter? Nein Danke.

Ist das ein Fehler? Vielleicht. Das Spannungsfeld „Publizieren oder Prüfen“ wird immer schwieriger, je schneller unsere Medien werden. Ich muss als Journalisten immer zügiger erkennen, was echt ist und was nicht, was plausibel und was Unsinn, was Gerücht und was Exklusivmeldung ist.

Die Unmenge an Informationen, die von allen möglichen Leuten verbreitet werden kann, macht es nicht leichter. Doch das ist letzten Endes der Job eines Journalisten, bei dem möglichst wenig Fehler passieren sollten.

Die Alternative? Mich komplett aus dem „schnellen“ Geschäft auf Twitter & Co rauszuhalten und wie Stefan Niggemeier und viele andere nur noch eigene und lange Geschichten zu publizieren. Aber das ist für mich derzeit keine Alternative. Dafür mag ich den schnellen Austausch doch zu sehr.

Das Risiko? Wenn ich zuviele Fehler mache, könnte es mir irgendwann wie der BILD gehen: Ruf ruiniert. Glaubwürdigkeit dahin. Das will ich auf jeden Fall vermeiden.

Aber: Wo ist der Grad? Wann hat ein Journalist seine Glaubwürdigkeit verspielt? Was würdet ihr sagen?

tldr
Als Journalist muss ich zwischen Qualität und Quantität abwägen, um meine Glaubwürdigkeit nicht durch zu viele Falschmeldungen zu verspielen. Das wird im Netz immer schwieriger. #mimimi


37 Kommentare

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  1. wasi

    Der M&A-Deal ist fast abgeschlossen. N24 wird von Axel Springer zu 100 Prozent übernommen und wird mit der Welt-Gruppe zusammenführen. Der Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, die Kartellbehörden müssen noch zustimme. [Quelle: http://www.finance-magazin.de/strategie-effizienz/ma/ma-deals-nestle-funkwerk-celesio/ ]
    Es wird jedoch davon ausgegangen, dass das Kartellamt keine Einwände haben wird. Bin mal gespannt, wie sich N24 in der nächsten Zeit verändern wird.

    Gruß,
    W.

  2. Gregor

    Ein schönes Beispiel, welche Auswirkungen ein Tweet haben kann, ist das Beispiel der Mohren-Apotheke die sich nicht zur Möhren-Apotheke umbenannte: https://twitter.com/smsteinitz/status/403484143868477440

    Der Sturm der Entrüstung über den gefakten Handzettel traft die Apotheken, das kleinen Unternehmen wurde mit Parolen beschmiert und beschimpft. Vielleicht sollte die Überlegung, welche Auswirkung meine Tweet haben kann, immer ein teil der Abwägung sein.

  3. Jan

    Ich glaube, dahinter steckt nicht nur das Tempo-Problem, sondern auch noch ein weiteres, dass du auch angesprochen hast: Die „Meldung passt in mein Weltbildraster“-Falle.
    Ein Beispiel dafür ist – aus ganz anderer Ecke – die „Generation Praktikum“ vor ein paar Jahren – als das in aller Munde war, bis Studien dann zeigten: Sowas gab es nur bei Unis (wo die Soziologen entsprechende Studien schrieben), Parteien (und NGOs) und den Medien, wo die Praktikanten dann über die Generation Praktikum schrieben. Im Rest der Welt, außerhalb dieser Blase, gab es das nie…
    will sagen: Wenn eine Meldung eintrudelt, die der eigenen, gefühlten und erlebten Lebenswirklichkeit entspricht, ist es sehr menschlich, diese erst einmal als wahr einzustufen und zumindest unterbewusst nur Dinge zu sehen, die das so belegen.
    Eine einfache Lösung dafür gibt es nicht, da hilft nur, sich selber dieser Falle immer wieder bewusst zu werden…

  4. Jan

    Ich weiß nicht, was Journalismus angeht, sollte man nie, nie, nie, nie die Qualität gegen Exklusivität oder gar Quantität austauschen.
    Ich hasse nichts mehr als Aufmacher, bei denen ich von vornerein merke: „Wenn ich da jetzt draufklicke, dann muss ich irgendeinen Schund lesen, der mit dem reißerischen Aufmacher rein gar nichts mehr zu tun hat“ (s. mein Blog).
    Vielleicht solltest du dein Leben mal ein bisschen entschleunigen, wenn es schon so weit ist, dass du Schwierigkeiten hast, zwischen privat und beruflich zu unterscheiden. Das tut letztendlich dir und deinem sozialen Umfeld sehr gut.
    Auf der anderen Seite kann ich mir natürlich keine Vorstellung von deiner Branche machen und ich weiß nicht, welcher Aufwand nötig ist, um ein gutes Einkommen zu gewährleisten, vielleicht ist der vorherige Satz deswegen ein wenig plump und neunmalklug dahergeschrieben.

    Ich möchte den Journalismus mal mit der Medizin vergleichen: ein Arzt rühmt sich doch auch nicht damit, in einem Jahr einhundert Wischiwaschi-Herztransplantationen unter selbst verursachtem Zeitdruck durchgeführt zu haben, sondern eher damit, zwanzig exzellente Herztransplantationen durchgeführt zu haben.
    Zugegeben, sehr weit hergeholt und dramatisiert, aber im Prinzip…

    Auf jeden Fall ein dickes Lob für die Selbstreflektion, was die „Fehler“ angeht.

  5. Duden

    Du kannst noch so sehr darauf pochen, dass Du ein „Zapp-Autor“ bist und hohe Ansprüche hast. Mit mangelnder Rechtschreibung legst Du die Messlatte jedenfalls sehr niedrig: „Quanität“

    Als Journalist muss ich zwischen Qualität und Quanität abwägen, um meine Glaubwürdigkeit nicht durch zu viele Falschmeldungen zu verspielen. Das wird im Netz immer schwieriger. #mimimi


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