Müssen wir öffentliches Posten von privaten Dingen verbieten?

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Schnell mal eben ’n sexy Selfie für den Schwarm machen? Heute Standard.

Jugendliche schicken sich Nacktfotos, die dann im Netz landen, Wilfremde befreunden sich auf Facebook und lassen sich gegenseitig an ihrem Privatleben teilhaben, Menschen teilen ihren Standort und andere private Dinge öffentlich mit. Und wenn das dann rauskommt ist das Geschrei groß. Müssen wir der Menschheit verbieten, sich im Internet zu entblößen?

Kurze Antwort: Nein. Müssen wir natürlich nicht. Die reißerische Headline sollte nur für Aufmerksamkeit sorgen. Denn selbst dem konservativsten Internet-Hasser sollte mittlerweile klar sein, dass sich das Internet so wie es ist nicht einfach zurückrollen und wieder in den Schrank stellen lässt.

Facebook, Twitter, Googleplus, Instagram, Vine, gifyo und wie sie alle heißen sind da und werden nur weggehen, wenn jemand die internationalen Leitungen kappt, nationale Netze einführt und alle kollaborativen Sozialmediendienste verbietet.

Was so hoffentlich nie passieren wird.

All diese Plattformen haben zumindest mein Leben bereichert, bunter und einfacher gemacht. Aber völlig unkritisch stehe ich den Entwicklungen auch nicht gegenüber. Denn vielen Menschen scheint immer noch nicht klar zu sein, welche Auswirkungen es haben kann, wenn sie ihre Daten, Fotos, privaten Informationen übers Netz verteilen.

 

Keine Grundsatzdiskussion, bitte

Ich will hier nicht die große Aluhut-gegen-Spackeria-Diskussion neu aufmachen. In Zeiten der Geheimdienst-Enthüllungen müssen wir die Grenzen von Privatsphäre und Öffentlichkeit, von anlassloser Überwachung und Gegenmaßnahmen wie Verschlüsselung sowieso neu ausloten und diskutieren.

Mir fielen nur in den letzten Tagen einige Dinge auf: Zum einen fand das Thema „Sexting“ zunehmend seinen Weg in die Medien. (Sexting = Verschicken von Nacktfotos und Nachrichten mit erotischem Inhalt per SMS oder Kurznachrichtendienste).

"Oh noes. He put my nudies on 4chan." Kampagne gegen Sexting.

„Oh noes. He put my nudies on 4chan.“ Aus der ProJuventute-Kampagne gegen Sexting.

Da gab es dann „Schockmeldungen“ wie „Schüler-Handys voller Nacktfotos“:

„Besorgte Lehrer warnen: Immer mehr Schüler verschicken Sexbilder übers Handy. (…) Das „Sexting“-Problem ist den Schulleitern so wichtig, dass sie keine Zeit verlieren. „Wir … stehen vor einem Problem“, schrieben die fünf Pädagogen aus dem niedersächsischen Cloppenburg gleich im ersten Satz ihres Briefes an die Eltern.

Immer häufiger berichteten Schülerinnen und Schüler von Nacktbildern, die über Soziale Netzwerke und Smartphones verbreitet würden. Die Fotos würden schnell weitergereicht, „so dass alle Handys voll von Nacktfotos sind“, sagte er.

„Ich finde es sehr erschreckend, vor allen Dingen wenn ich bedenke, dass wir Lehrer ebenso wie die Eltern von diesen Dingen tatsächlich nichts wissen.““

 

Kampagnen gegen „Sexting“

Der Artikel berichtet auch über eine „bundesweite Kampagne“ gegen Sexting, über die ich aber sonst nirgendwo etwas finden konnte (sachdienliche Hinweise erbeten).

In der Schweiz gibt es eine solche Kampagne bereits. Unter dem Motto „Sexting kann dich berühmt machen.
Auch wenn du es gar nicht willst.“ warnt die Organisation ProJuventude davor, Nacktfotos zu verschicken:

Die Kampagne wurde von schulesocialmedia.com bereits kritisch auseinander genommen (hier und hier). Das Krawall-und-Titten-Blog „Amy and Pink“ schoß erwartbar krawallig gegen derartige Bemühungen: „Sexting leicht gemacht: So verschickt ihr Nacktfotos richtig“.

Darin gibt Autorin Daniela Dietz den Exhibitionisten und -innen so wertvolle Tipps wie „Seht verdammt gut aus!“, „Räumt auf!“, „Benutzt eine gute Kamera!“, oder“Zeigt so viel ihr wollt!“, die allerdings auf alle Selfies zutreffen.

 

Jawohl, sie landen im Netz

Der wichtigste Tipp kommt allerdings zum Schluss: „Jawohl, sie landen im Netz!“

„An wen auch immer ihr die Teile letzten Endes verschickt, ihr könnt euch sicher sein: Früher oder später tauchen sie im Internet auf! (…)

Deswegen sind drei Dinge besonders wichtig: Erstens: Ihr dürft kein Problem damit haben, dass euch andere Menschen nackt sehen. (…) Und zweitens: Ihr müsst euch sicher sein, dass ihr nur Fotos verschickt, hinter denen ihr zu 100 Prozent steht! Drittens: Seid mental darauf vorbereitet!

(…) Lasst euch auch nicht mobben! Die meisten, die euch verarschen, haben selbst am meisten Probleme mit sich selbst. Am besten ignoriert ihr sie knallhart und lebt mit einer neuen Erfahrung im Gepäck ein sexuelles erfüllteres Dasein weiter.“

Das sind alles entzückend-naive Tipps aus der Muttis Küchenratgeber-Ecke. Jaaa, seid selbstbewusst, seid stark, macht euch nichts aus den Lästermäulern, die sind doch selber arme Würstchen! Das wird der 13jährigen, die scheu ihre Sexualität entdeckt garantiert helfen, wenn der halbe Schulhof über sie lacht. Nicht.

 

Seid euch klar, was passieren kann

Trotzdem steckt im Kern die wahrste Aussage: Seid euch klar, dass die Fotos im Netz landen können. Und überlegt dann dreimal, was ihr tut und wem ihr vertrauen könnt.

Ob das bei Pubertierenden auch so zieht, da hab ich meine Zweifel. Gerade unter Druck von Freunden, Peers oder dem ersten Freund werden viele Heranwachsende die Bedenken wahrscheinlich eher beiseite schieben, um nicht als Feigling oder prüde da zu stehen.

Ein Bild, das Tobias Gillen schnell bereute gepostet zu haben: Ferraris vor der Geschäftsstelle der Grünen

Ein Bild, das Tobias Gillen schnell bereute gepostet zu haben: Ferraris vor der Geschäftsstelle der Grünen (hier nicht mehr zu sehen)

Dass selbst Profis die Sturmwelle von (sozialen) Medien hart treffen kann, hat Kollege Tobias Gillen gerade erst gelernt (allerdings im nicht-sexuellen Kontext). Kann man da von Jugendlichen erwarten, dass sie sich den Konsequenzen ihres Handelns immer bewusst sind?

 

„Wir kennen uns nicht, aber wir sind Facebook-Freunde“

Vielen Menschen scheint das auch bei viel weniger brisanten Dingen als Nacktfotos nicht bewusst zu sein. Gleich zwei Clips fielen mir in den letzten Tagen in die Timeline, die zeigten, was passiert, wenn Menschen von einem Wildfremden mit vermeintlich privatem Wissen über sie konfrontiert werden.

Oh nein, mein unbekannter Facebook-Freund besucht mich zuhause! Und er weiß Sachen über mich. Aus Facebook.

Oh nein, mein unbekannter Facebook-Freund besucht mich zuhause! Und er weiß Sachen über mich. Aus Facebook. Überraschung!

Im „SocialMedia Experiment“ sucht Jack Vale anhand von Ortungsfunktionen um sich herum nach Menschen in seiner Umgebung und tut so, als sei er ein Medium. Hoch amüsant:

 

 

In „Real Life Facebook“ schaut Greg Benson bei Facebook-Freunden vorbei, die er nie getroffen hat und konfrontiert sie mit dem Wissen, was er via Facebook über sie sammeln konnte.

 

 

Die einzige Lösung: Aufklärung

Für mich ist die einzige Lösung: Aufklären. Diskutieren. Bewusst-machen. Sich gegenseitig bestärken und wer Kinder hat: Diese stark machen.

Aber vielleicht ohne den ständig warnenden Zeigefinger, der unnötig Angst macht oder im Umkehrschluss zu Trotzreaktionen führen kann. Weswegen ich die ProJuventute-Kampagne im Kern richtig, aber in der Machart eher nicht so doll finde.

Was mir wichtiger ist als die ständigen Warnung vor eventuellen Schlimmheiten, die mehr Angst machen als stark: Wir müssen uns und den Nachwachsenden beibringen, mit der Verantwortung moralisch richtig umzugehen, wenn uns jemand etwas anvertraut.

Nochmal, weil mir das so wichtig ist:

 

Wir müssen uns und den Nachwachsenden beibringen, mit der Verantwortung moralisch richtig umzugehen, wenn uns jemand etwas anvertraut.

 

Das galt schon immer, auch offline. Doch in der Onlinewelt, die auch intimste Texte, Bilder und Töne speichert, selbst wenn sie vertraulich sind, gilt das besonders.

Gespeicherte Informationen, die im Vertrauen weitergegeben wurden, gehören auch dann noch vertraulich behandelt, wenn man miteinander gebrochen hat.

Nochmal, weil mir das so wichtig ist:

 

Gespeicherte Informationen, die im Vertrauen weitergegeben wurden, gehören auch dann noch vertraulich behandelt, wenn man miteinander gebrochen hat.

 

Punkt. Keine Diskussion.

Denn eigentlich sind viele dieser vermeintlich privaten Dinge relativ unspektakulär, auch wenn man sich vielleicht dafür schämt, wenn sie öffentlich werden.

Und eigentlich ist es doch etwas Nettes, wenn wir uns im Netz kennen lernen können. Vertrauliche Dinge austauschen, intime Sachen und warum nicht auch zeigen? Eigentlich könnte man so Distanz abbauen, Verständnis aufbauen, Austausch pflegen, Freunde gewinnen.

Eigentlich könnte es so kuschelig sein. Eigentlich.



  1. Steve Rückwardt

    Wichtiges Thema. Da sollte man mehr drüber sprechen, schreiben etc. Überall. Ob in Schule, zu Hause unter Freunde in den Medien. Wie wäre es mit einem Klub Konkret dazu? 😉

    Kenne den Amy und Pink Artikel nicht, aber Du scheinst ihn nicht sonderlich zu mögen. Die von Dir zitierten Aussagen

    Deswegen sind drei Dinge besonders wichtig: Erstens: Ihr dürft kein Problem damit haben, dass euch andere Menschen nackt sehen. (…) Und zweitens: Ihr müsst euch sicher sein, dass ihr nur Fotos verschickt, hinter denen ihr zu 100 Prozent steht! Drittens: Seid mental darauf vorbereitet!

    finde ich jedoch so falsch nicht. Grundsätzlich sollte man sich klar darüber werden, dass alles, was man ins Internet stellt rein theoretisch public werden kann, egal wie gut man vermeintlich absichert. Dieses Bewusstsein muss man mMn rechtzeitig vermitteln. Im Elternhaus und auch in der Schule.

    Dass dies bei dem Thema Sexualität und heranwachsenden Jugendlichen im Pubertätsalter (aber auch darüber hinaus) nicht sonderlich leicht ist, ist ein anderes Thema. Deswegen sollte man damit früh genug beginnen und auch Sexualität nicht tabuisieren sondern thematisieren.

    Schönes Beispiel hab ich kürzlich gesehen, wo eine Lehrerin ein Bild von sich mit einem Text auf einem Pappschild versendet um zu demonstrieren, wie schnell sich soetwas verbreitet, manipuliert werden kann etc. Leide finde ich ad hoc die Quelle nicht, aber evtl. hast Du das ja auch gesehen. Solche Experimente sollte man in den Schulaltag einbauen. Nur wenn das jemand selbst gesehen und erlebt hat, wird das bewusst.


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