Wie wird man zum Whistleblower?

http://danielbroeckerhoff.de/wp-content/uploads/2013/11/Bildschirmfoto-2013-11-16-um-18.40.46.png
4 Whistleblower. 3 mutige Geschichten. 4 Menschen, die mehr Schutz gebraucht hätten.

„Whistleblower“ – Menschen, die die Öffentlichkeit über Mißstände in Behörden, Institutionen oder Unternehmen informieren – sind seit Wikileaks, spätestens aber seit Edward Snowden fast jedem ein Begriff. Wie wird man zum Whistleblower? Und wie ist die rechtliche Lage für sie in Deutschland?

Mit diesen Fragen beschäftige ich mich diese Woche für das NDR Medienmagazin Zapp. Ich bin auf dem Weg nach Münster, um dort Guido Strack zu treffen. Er deckte Mißwirtschaft in seiner EU-Behörde auf und musste dann mit ansehen, wie der Vorfall erst unter den Teppich gekehrt und dann gegen ihn verwendet wurde.

Die eigens für solche Fälle geschaffene EU-Anti-Korruptionsbehöre OLAF entpuppte sich im Laufe der Geschichte von Guido Strack als zahnloser, müder Tiger, der lieber in der Ecke vor sich gähnt, als aufzuklären, was in den EU-Institutionen schief läuft.

Guido Strack, Vorsitzener Whistleblower Netzwerk e.V.

Guido Strack, Vorsitzener Whistleblower Netzwerk e.V.

Ein Rechtsstreit wie bei Kafka

Es folgte ein über zehn Jahre andauernder kafkaesker Rechtsstreit vor diversen Gerichten, in denen es am Ende gar nicht mehr um das Problem ging, das Strack mal aufklären wollte. Seine Geschichte ist hier detailliert geschildert, eine Chronologie samt Aktenzeichen-Pornographie findet sich hier.

Im Zuge seiner Erfahrungen gründete Strack das „Whistleblower Netzwerk e.V.“, um sich mit anderen zu vernetzen und gemeinsam für mehr Rechte und Schutz von Whistleblowern zu kämpfen.

Denn allzu oft bleiben diese allein. Werden als „Denunzianten“, „Spinner“ und „Wichtigtuer“ diffamiert, fliegen aus dem Job, fassen teilweise nie wieder Fuß. Die rechtliche Lage in Deutschland ist oben drein alles andere als ideal, alle Bundesregierungen der letzten Jahre weigerten sich, einen speziellen Whistleblowerschutz gesetzlich zu verankern.

In einem Ranking von Transparency International aus der letzten Woche landet Deutschland nur auf einem mittleren Platz.

Medien? Nicht immer eine Hilfe

Selbst wer sich an die Medien richtet, kann nicht sicher sein, Gehör zu finden. Denn die reagieren in der Regel nur auf die Geschichten, die krass und plakativ genug sind, um sie als Skandalsau durchs Mediendorf zu treiben. Ist die Geschichte zuende erzählt, bleiben die Informanten oft genug allein.

Einfach mal die Pfeife blasen, wenn was schief läuft? Gar nicht so einfach. (Copyright: Sharon Hall Shipp)

Einfach mal die Pfeife blasen, wenn was schief läuft? Gar nicht so einfach. (Copyright: Sharon Hall Shipp)

Ich muss mir da selbstkritisch an die eigene Nase fassen. Auch ich musste Menschen, die mir Informationen anvertrauen wollten schon enttäuschen, weil ich keine Redaktion fand, die diese verwerten wollte.

Oft war die Beleglage zu dünn für eine gerichtsfeste Berichterstattung oder die Fälle waren zu komplex und die Redaktionen winkten ab: „Das können wir dem Zuschauer nicht vermitteln.“

Auch deswegen treffe ich mich mit Filmemacher Michael Nieberg, der letzte Woche bei PlusMinus einen erneuten Gammelfleisch-Skandal enttarnte. Seine Informanten sind anonym geblieben, aber haben große Sorge vor möglichen Konsequenzen.

Mit ihm will ich über die Verantwortung sprechen, die Journalisten für ihre Whistleblower haben und darüber, wie schwierig es manchmal ist, eine wichtige Information an die Öffentlichkeit zu bringen.

Allein gegen das Amt

Es gibt aber auch Geschichten, die Hoffnung machen. Wie die von Inge Hannemann. Sie wurde Anfang des Jahres als „Jobcenter-Mitarbeiterin, die auspackt“ bekannt, da sie die Zustände in den Ämtern öffentlich anprangerte. Über sechs Jahre hatte sie Material und Belege gesammelt, sich ein Jahr darauf vorbereitet die Bombe platzen zu lassen.

Sollte man sammeln, um seine Vorwürfe belegen zu können. Geht aber auch elektronisch. (Copyright: Artform Canada)

Sollte man sammeln, um seine Vorwürfe belegen zu können. Geht aber auch elektronisch. (Copyright: Artform Canada)

Heute ist sie zwar vom Dienst im Jobcenter Hamburg-Altona freigestellt, aber sie wirkt kämpferisch und selbstbewusst genug, um den Fight durchzustehen.

Morgen drehe ich mit ihr vor ihrer alten Arbeitsstelle, bei der sie jetzt Hausverbot hat und werde sie fragen, ob man sich eigentlich auf so eine Situation vorbereiten kann – und wenn ja: wie?

Den ganzen Beitrag gibt es dann Mittwoch abend, im NDR Fernsehen um 23:20 bei Zapp.




Schreibe einen neuen Kommentar