Warum ich das Deutsche Bank-Interview von Sonneborn nicht witzig finde

Ich hab es jetzt auch endlich gesehen – das ZDF-„Interview“ von Martin Sonneborn mit der Deutschen Bank, in dem ein „Kommunikationsexperte“ dem Chef-Satiriker Fragen UND Antworten ins Mikro diktiert – und Sonneborn vermeintlich naiv das Spiel mitmacht.

Aber ich muss ehrlich sagen: Ich habe keine Sekunde gelacht. Ich habe mit ungläubigem Entsetzen auf meinen Laptop gestarrt und mich gefragt, wie ein Pressevertreter eines weltweit operierendes Unternehmen es auch nur versuchen kann, so mit einem vermeintlichen Journalisten eines öffentlich-rechtlichen Senders umzugehen.

Ist der Mann so dumm? So unsäglich naiv?

Ich kann mir das nicht vorstellen, obwohl es die Antwort ist, die mir am liebsten wäre. Denn das würde bedeuten, dass der Kerl einfach keine Ahnung hat und vielleicht tatsächlich dachte, etwas Gutes zu tun.

Dem Journalisten die Arbeit abzunehmen. Und sich selber – vielleicht war er aufgeregt, schließlich kommt UIH! das echte Fernsehen – prima vorzubereiten. Das wäre sogar irgendwie süß.

Süß.

Süß.

Das würde zwar auch bedeuten, dass die Deutsche Bank einen für seinen Job absolut untauglichen Menschen beschäftigen würde – aber hey: denken wir das nicht irgendwie alle insgeheim von Bankangestellten? Es würde nur ein gängiges Klischee bedienen.

Aber nochmal: Ich kann mir das nicht vorstellen.

Dafür ist der Laden zu groß. Zu professionell. Zu gewieft.

Stattdessen bin ich kurz davor zu glauben, dass diese Praxis dort üblich ist. Dass die Deutsche Bank meint, so mit Journalisten umgehen zu können und dass die sich das dann auch noch gefallen lassen. Aus Bequemlichkeit. Aus Unsicherheit. Aus Zeitdruck. Aus Ist-mir-Egalheit. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Oder denk ich zu schlecht von meinem Berufstand und zu „gut“ von der Bank? Bitte sagt mir, dass ich ein depressiver Soziopath bin, der immer nur das Schlechteste von seinen Mitmenschen annimmt.

Und an die Journalisten-Kollegen: Bitte sagt mir, dass ihr noch nie solche oder ähnliche Erfahrungen mit Pressemenschen gemacht habt. Bitte. Damit ich das „Interview“ auch endlich lustig finden kann.

//UPDATE 22:59//

So einen erklärenden Artikel wie ihn die FAZ gemacht hat, hab ich gesucht, aber jetzt erst Dank @publictorsten gefunden. Darin wird etwas Licht ins Dunkel gebracht: Die Produktionsfirma hatte bei mehreren Banken Interviews zum Thema Banken „für eine jüngere Zielgruppe“ angefragt. Die FAZ weiter:

Dabei stellte Smac Film Fragen wie zum Beispiel: „Warum haben wir weltweit gerade so viele Probleme mit dem internationalen Finanzsystem?“ Laut Sonneborn lehnten Deutsche Bank und Commerzbank solche Fragen als zu komplex ab.

Dem Sprecher der Deutschen Bank zufolge wurde dann der Produktionsgesellschaft vorgeschlagen, wie man Kindern und Jugendlichen komplexe Finanzthemen vermittelt. Die Bank betreibt ein Projekt zur Finanzbildung mit 1300 Schulen.

Nach seinen Worten war die Produktionsgesellschaft bereit, auf dieser Basis das Gespräch zu führen. Sonneborn hält dagegen, dass die von der Bank zugeschickten Fragen und Antworten Voraussetzung waren, um das Gespräch überhaupt führen zu können.

Dass ein Interviewpartner ein Gespräch angeblich verweigert, weil die Fragen „zu komplex“ seien finde ich ein ziemlich hartes Stück. So eine Beurteilung ist Aufgabe von Journalisten, nicht von Firmen-Pressesprechern. Genauso wenig, wie die Frage, wie man Inhalte am besten an eine bestimmte Zielgruppe vermittelt. Hier scheint eine PR-Abteilung weit über ihre Kompetenzen hinaus geschossen zu sein.

Das aber lässt für mich nur den Schluss zu, dass man bei der Deutschen Bank denkt, man habe es bei Journalisten entweder mit schlecht informierten, dummen oder denkfaulen Menschen zu tun, denen man doch ihre schwierige Arbeit gerne abnimmt.

Damit diese so berichten, wie man es gerne hätte. Und irgendwie scheint das ja zu funktionieren, sonst hätte man sich diese Mühe erst gar nicht gemacht.

Jetzt finde ich das Interview erst Recht nicht mehr lustig.

PS: Dass die Genese des Interviews im Beitrag sehr verkürzt dargestellt wird, ist allerdings auch nicht wirklich fair von Sonneborn und Co. Aber wer erwartet von einem Satiriker schon Fairness?



  1. V. F. Alle

    Hallo Kollege,
    ich finde es bedenklich, dass renommierte Medien (inkl. der neuen deutschen HuffingtonPost) aus dem Sonneborn-Interview eine Geschichte darüber gemacht haben, wie weit Satire gehen darf.

    Sie hätten auch gut fragen können, wie es mit dem Kulturwandel und der Transparenz bei den Banken aussieht. Beides wurde uns Bürgern nach der Finanzkrise versprochen.

    Das Ergebnis zeigt mir, wie gut die PR-Abteilung der Bank hier ihre Adressaten in Griff hat.

    Jetzt wundert es mich auch nicht mehr, dass es meine Finanzdienstleister (u.a. Deutsche Bank) nicht beeindruckt, dass ich als Journalist recherchiere, warum ich (trotz einer ordentlichen Erbschaft mit der ich eigentlich meine Schulden begleichen wollte) immer noch nicht schuldenfrei bin.

    Weil die Wirtschaftsmedien bisher nichts mit meinen Recherchen anfangen konnten, wurde ich zum Blogger. Jetzt berichte ich also kostenlos über Dinge, für die Journalisten eigentlich bezahlt werden sollten.

    Das ist also die schöne neuen Medienwelt. Mehr Realsatire geht für mich kaum noch.

    Mehr dazu gibt es unter: https://vfalle.wordpress.com/tag/martin-sonneborn/

  2. dermehler

    Interessant wird dann die Überlegung,wenn so „Journalisten“ bearbeitet werden,mit welcher Einstellung dann in anderen Abteilungen gearbeitet wird:Wir sind die D.Bank und ohne uns dreht sich die Erde nicht und wir können nix falsch machen denn wir sind die Bank. Und Herkunft einer solchen Einstellung wird produziert und/verstärkt durch diese netten/schweineteuren Consultingfirmen….

  3. Daniel Lücking

    Naja, wenn ich mir anschaue, wie bereitwillig Journalisten(Schüler) Interviews autorisieren lassen bzw. manche auch darauf bestehen, dann folgt die Deutsche Bank nur dem Trend des Copy-Paste-Journalismus.

    Dem getreuen ZDF-Zuschauer wir suggeriert, dass es kritische Berichterstattung im ZDF gäbe. Insofern: läuft doch für alle gut! (Bin ich noch ironisch oder schon zynisch?)…


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