Zapp: Sieht aus wie Redaktions-Expertentelefon, ist aber PR

„Rufen Sie unsere Experten heute von 10 bis 16 Uhr an, Sie beantworten Ihre Fragen.“ Solche Aufrufe in deutschen Tageszeitungen, Wochenblättern oder auf Online-Portalen zu Fußpilz-, Finanz- oder Fremdgehproblemen kennt man. „Doller Service der Redaktion“ denkt der gutmütige Leser. Stimmt. Aber nicht von der Redaktion, sondern von darauf spezialierten Agenturen. Die sich das von Unternehmen bezahlen lassen.

Für Zapp hab ich mit dem NDR-Volontär Daniel Schmidthäussler über diese Sonderform der PR einen kleinen Film gemacht:

Ausgangspunkt für die Recherche war dieser Artikel von Marcus „Mediendoktor.de“ Anhäuser über eine Telefonaktion, die sich Bild.de ans Revers heftete, in Wirklichkeit aber von einem Pharmakonzern beauftragt wurde. Der hat eine Pille gegen vorzeitigen Samenerguss auf den Markt gebracht, die er aber nicht direkt bewerben darf. Was tun? Ganz einfach: PR hinten rum machen.

Die Masche, die wir aufgrund der Recherche von Marcus entdeckten ist immer dieselbe: Ein Unternehmen möchte gern Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken oder in einem Expertenumfeld auftauchen, um so in einem besseren Licht zu erscheinen.

Eine darauf spezialisierte Agentur (in unseren Beispielen DJD, Marcus hat PR.NRW erwischt) stellt eine Expertenrunde zusammen, formuliert eine Vorankündigung und schickt diese an interessierte Redaktionen. DJD hat dafür sogar extra die Seite pressetreff.de eingerichtet, auf der sich jeder anmelden und die Infos abrufen kann.

Die Zeitungen übernehmen dann diese Ankündigungen, die praktischerweise schon so geschrieben sind, dass sie so wirken, als seien sie von der Redaktion geschrieben. Nach Abschluss der Aktion dann das selbe Spiel: Die Agentur fasst die meistgestellten Fragen zusammen und macht mit hübschen Fotos ein leicht verarbeitbares Presse-Paket, das gar nicht wenige Redaktionen dankbar verwenden und so fremde Arbeit, als ihre eigene darstellen.

Natürlich ohne zu sagen, dass die Aktion eigentlich von einem Unternehmen wie ErgoDirekt, Royal Canin oder dem Verein der Zuckerindustrie bezahlt wird.

Wir haben bei unseren Nachforschungen dutzende Beispiele gefunden, DJD bestätigte uns ihre Vorgehensweise gern im Interview und auch ErgoDirekt trat vor die Zapp-Kamera, um zu erklären, dass das eine tolle Möglichkeit sei, ihre Botschaft an viele Millionen Leser zu bringen.

Der Donaukurier, der diese Aktionen seit Jahren auf ihrer Internetseite verwertet (ebenfalls ohne die Hintergründe aufzuklären) war mutigerweise zum Interview bereit und verteidigte sein Vorgehen. Die werblichen Sätze streiche man doch raus.

Nach dem Interview erreichte uns dann doch noch eine Email: Man würde in Zukunft solche Aktionen doch lieber selber durchführen. Nicht unbedingt wegen unserer Recherche, aber für die Leser-Blatt-Bindung sei originärer Content doch viel besser. Der Meinung bin ich auch.



  1. fair radio

    Toller Beitrag. Tolle Recherche.

    Schade, dass darin nicht auch auf ganz ähnliche Verfehlungen im Radio hingewiesen wird.

    Auch da sind „gekaufte“, weil von PR-Agenturen vermittelte Experten gang und gäbe.
    In allen radioüblichen Formen: Eingebaut in Beiträge, als einzelne O-Töne, als fertig produzierte Interviews.

    Und auch hier läuft vieles völlig ohne Kennzeichnung für den Hörer.

    Wir von der Initiative fair radio haben schon mehrfach darüber berichtet: http://www.fair-radio.net/www/tag/pr-im-radio/

    Wir würden uns freuen, wenn auch Kollegen aus der Medienberichterstattung, diese Problematik aufgreifen würden.

    Herzliche Grüße
    fair radio
    Initiative für mehr Glaubwürdigkeit im Radio
    http://www.fair-radio.net


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