Live-Blog: Freiheit statt Angst ’13

8:56 Uhr. Im EC-Zugabteil ist es kalt und das betrifft nicht nur die Außentemperatur, gesenkt durch eine übereifrige Klimaanlage. Auch innerlich friert es mich irgendwie, seitdem ich weiß, was die großen Geheimdienste dieser Welt versuchen, über uns zu wissen.

Noch ist vieles nebulös und unklar. Wieviel wird eigentlich überwacht? Wie schnell landet man auf dem Radar? Reicht ein Blogpost wie dieser, um irgendwo auf der Welt in irgendeiner Datenbank zu landen?

Meine Freundin gab mir gestern dieses Buch:

Von 2007, aber immer noch aktuell: The End of America

Von 2007, aber immer noch aktuell: The End of America

Naomi Wolf warnt darin:

There are ten classic steps dictators or would-be dictators always take when they wish to close down an open society. Each of those ten steps is now underway in the US today.

Das Buch ist fünf Jahre alt. Aber ich habe wenig Zweifel, dass es an Aktualität eingebüsst hat.

Als ich es im Zug auspacke meint sie: „Ich würde mich gern mit dem Regisseur austauschen, der es mir damals empfohlen hat. Aber ich weiß nicht mehr, welchen Kommunikationskanal ich noch nutzen kann, um uns beide nicht zu gefährden.“

Wir dürfen uns nicht abhalten lassen zu kommunizieren

Das ist genau das, was nicht passieren darf. Wir dürfen uns nicht abhalten lassen, zu kommunizieren, offen zu reden, offen unsere Meinung zu sagen. Egal, wo. Gerade jetzt sollten wir das Internet, dieses großartige Kommunikations-Instrument, bewusst nutzen.

Dazu gehört aber auch: Wissen, wie man sich gegen verdachtlose und anhaltlose Dauer-Überwachung schützen kann. Wir werden um das Thema Verschlüsselung nicht mehr herum kommen.

Heute findet in Berlin die Demonstration „Freiheit statt Angst“ statt. Um 13 Uhr beginnt der Zug auf dem Alexanderplatz, mehr Infos zum Programm hier. Ich werde hier und auf Twitter von der Demo berichten.

13:20 Demo sammelt sich

Ankunft Alex. Erster Eindruck: Na, wo sind sie denn? Rund um den Bahnhof Alexanderplatz: Nüschte. Nur hier und da ein paar Versprengte.

Dann aber:

Ankunft Versammlungsort. Eine Band spielt. Eine hübsche Menge, aber noch kein 30.000.

Dafür aber die bei diesen Demos üblichen sehr kreativen Plakate:

Sehr schönes Plakat:
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13:50 Kundgebung läuft

Derzeit laufen die üblichen Kundgebungen mit den relativ erwartbaren Forderungen, die aber artig beklatscht werden:

Auszug (Redner konnte ich mir leider nicht merken):

„Was ist denn das für eine Gesellschaft, in der ein Briefträger bestraft wird, der einen Brief liest, aber der amerikanische Geheimdienst meint, er könne sich einfach bedienen?!“

Aber man greift sich auch an die eigene Nase:

„Wer von uns benutzt denn Whatsapp, obwohl wir wissen, dass die eine beschissene Datenschutz haben?!“

Jetzt spricht Jacob Appelbaum:

„Es ist inspirierend zu sehen, wieviele Menschen hier sind. In meinem Land gibt es das nicht. Wahrscheinlich, weil die Amerikaner den Kontakt zur Weltgeschichte verloren haben.“

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“Edward Snowden ist der Grund, warum wir hier stehen. Es hat nicht mit ihm angefangen. Aber es zeigt, dass es trotz dieser Riesensummen, die für Spionage ausgegeben werden, immer noch eine einzelne Person reicht, um etwas zu bewegen.”

Appelbaum beschuldigt die NSA, schlechte Kryptographie zu verteilen. Er möchte sich für seine “Arschloch-Regierung und unseren beschissenen Präsidenten” entschuldigen. Im Anschluss ruft er dazu auf, Regierungsgebäude zu besetzen, die z.B. über Asylverfahren entscheiden.

“Es geht um unsere Würde, unsere Integrität, unsere Handlungsfähigkeit.”

Er fordert die Deutschen dazu auf, zu Handeln, dann würde der Rest der Welt folgen. Ausserdem müsse Merkel und ihre „Lügen“ abgewählt werden.

„Kick her the fuck out off government.“

14:30 Die Demo geht los

Der Zug formiert sich und setzt sich jetzt langsam in Bewegung.

15:30 Demo läuft

Die Demo läuft seit einer knappen Stunde und steht gerade am roten Rathaus.

Der Zug ist mittlerweile sehr lang, allerdings eher lose laufend, so dass es sehr schwierig ist abzuschätzen, wieviele Teilnehmer es sind.

Ich denke aber die von der Tagesschau „mehrere tausend Demonstranten“ sind eher konservativ geschätzt. 10.000 dürften es schon sein.

Zwischendurch gibt es immer wieder kleine lustige Episoden:

17:00 Demo klingt aus

Zwischendurch schnell am Rande des Demozugs mit Tilo Jung und meinen Begleitungen Essen eingeworfen. Dabei die Zeit gestoppt, die der Zug brauchte, um an uns vorbei zu ziehen: 22 Minuten.

Anruf bei befreundeten Physikerin, die wir noch mit den Parametern „Teilnehmer pro Reihe“, „Schrittgeschwindigkeit“, „Abstand zwischen den Reihen“ füttern mussten und die dann für uns 14.000 Teilnehmer errechnete. Der AK Vorrat gab währenddessen per Twitter 20.000 Leute bekannt, aber Veranstalterzahlen muss man ja mit Vorsicht genießen.

Die Demo klingt jetzt am Kundgebungsplatz beim Alex aus.

Mein Fazit: Gelungene Demonstration, ordentlich Presse am Start gewesen. Die Veranstalter können zufrieden sein.



  1. Daniel Lücking

    Moin :)

    Handwerklich: Sehr fein mit Vine!

    Taktisch: da es immer wieder Kritik gibt, dass Demo-Bilder ausgewertet werden – besonders, wenn es um Gegendemos gegen NPD & Co geht – hab ich mich mit Live-Bildern mittlerweile sehr zurück genommen, beschränke mich auf Bilder von Schildern oder Leuten, die definitiv ins Bild wollen.

    Auch, wenn Panoramafreiheit & Demoteilnahme quasi ein „Selbst-Schuld“ rechtfertigen. Bei dieser (Party-)Demo war es aber weniger ein Problem.

    Deshalb: fettes LIKE!


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