Warum ich Zeitungen hasse (und andere Allgemeinplätze)

HINWEIS: DIE STIMMEN, DIE ZU DIR REDEN SIND NICHT IN DEINEM KOPF, SONDERN IN DIESEM BEITRAG. EINFACH DIE UNTEN EINGEBETTETEN VIDEOS ANHALTEN! 😉

Der Spiegel (oder Spiegel Online?) hat mit seiner Zeitungsdebatte den eigentlich längst beendet geglaubten Krieg zwischen dem altehrwürdigen Königreich von Printistan und der neu besiedelten Welt von Digitalien neu entfacht. Irgendwie bin ich auf einmal auch involviert. Selber schuld, Bröckerhoff.

Ich gebe zu: Ich hab im Debattenkrieg um die Zukunft der Tageszeitungen und des Journalismus im Allgemeinen weder die friedensstiftende Lösung, noch irgendwelche brandneuen Waffen vorzuzeigen. Trotzdem hab ich mich ins Getümmel gestürzt. Vielleicht ist es wie im Nahost-Konflikt: Der Streit ist der Gleiche, nur die Akteure wechseln ab und zu. Welcome, Newbie.

In der letzten Aspekte-Sendung hab ich mich mit dem scharfen Schwert „Ich hasse Zeitungen. Ich hasse bedrucktes Papier.“ zitieren lassen. Die Kultursendung (die in der Headline jetzt einen drohenden „Kulturverlust“ mit dem Tod der Tageszeitung befürchtet), war auf mich aufgrund des Spiegel-Scharmützels aufmerksam geworden.

Hier der Beitrag in voller Länge:

[mediathek url=“http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1964748/Zeitungssterben“]

Zuspitzung galore! Was ich damit meinte, kommt in knapp 5 Minute natürlich nicht rüber. Zum Glück habe ich das für eine Vorversion des Spiegel-Artikels schon mal aufgeschrieben. Und Bitte:

Ich hasse Zeitungen.

Sie nerven mich mit ihrem unhandlichen Format, ihrer alles bedeckenden Größe, ihrem umständlichen Umgeblättere, ihrem Geraschel. Wer am Frühstückstisch eine Zeitung liest, kann sich auch gleich einen Paravent vor die Kaffeetasse stellen. Wer jemals versucht hat, im Flugzeug eine Zeitung zu lesen, ohne den Sitznachbar beim Umblättern mit einzuwickeln oder die Nase zu brechen, weiß was Akrobatik auf kleinstem Raum bedeutet.

Wer wie ich viel reist, will nicht noch jedes Mal einen Papierpacken mit dem Volumen eines Badehandtuchs mit sich herumtragen, nur um zu lesen, was er in den meisten Fällen schon seit gestern wusste.

Zeitungen sind unpraktisch.

Ich kann sie nicht nach Stichwörtern durchsuchen oder interessante Artikel in einem jederzeit und überall zugänglichem Archiv ablegen. Ich kann einen lesenswerten Beitrag nicht meinen Freunden empfehlen oder ihn mir für später merken. Ich kann meine Meinung nicht darunter schreiben oder mich direkt an den Autoren wenden. Und ich kann mir nicht schnell einen Überblick darüber verschaffen, ob irgendwo etwas Interessantes steht, um dann schnell dorthin zu gelangen.

Zeitungen sind außerdem bevormundend.

Sie entscheiden für mich, was heute wichtig zu sein hat, in dem sie bestimmte Berichte auf die Titelseite heben, andere Dinge im hinteren Teil verstecken oder gar ganz ignorieren. Sie meinen mir zeigen zu müssen, dass ich mich für Sport, Wirtschaft, Kultur oder das lokale Theatergeschehen zu interessieren habe, auch wenn mir das Schnurz ist – ich muss es mitkaufen.

Ich habe in den letzte 15 Jahren Zeitung nur in zwei Fällen vermisst: Wenn ich umgezogen bin und mein Geschirr bruchsicher verpacken wollte. Und wenn der Hamburger Regen mir mal wieder die Schuhe durchnässt hatte und ich sie gern mit Papier ausgestopft hätte, um sie zu trocknen. Beides kam nicht sehr oft vor.

Was meine ich damit?

Mit Zeitung meine ich in den meisten dieser Fälle die 200 bis 500 Gramm schweren Papiermonster, die man erst umständlich entfalten muss, um an ihren Inhalt zu gelangen. Diese Distributionsform ist für mich nicht mehr praktikabel.

Sie wird vermutlich den Weg gehen, den vor ihr schon Pferde als Transportmittel, Armbanduhren als Zeitmesser und Analogfotografie als Erinnerungsstützen gegangen sind: Etwas für Liebhaber, für Genießer, ein Distinktionsmerkmal von Anhängern eines entschleunigten Lebensstils. Nicht ganz verschwunden, aber selten und teuer.

Zeitungen sind aber noch mehr als bedrucktes Papier, wie der geschätzte Kollege Dirk von Gehlen kürzlich anmerkte. Es sind Institutionen zur Verbreitung von Informationen, die sie gesammelt und dann in eine gut konsumierbare Form gegossen haben:

„Eine Tageszeitung war – und ist es auch heute noch – diese auf Papier gedruckte tägliche Portion an Informationen, für die Menschen sich begeistern (und auch Geld ausgeben). Eine Tageszeitung wird – und ist es zum Teil auch heute schon – eine auf anderen Wegen verbreitete Portion Information, für die Menschen sich begeistern (und auch Geld ausgeben).“

So weit, so bekannt. Ich bin nicht der Erste, der sowas aufgeschrieben hat. Und irgendwie wiederholt sich die Debatte, pendelt zwischen „Ihr macht ja nix“ vs „Ihr habt doch keine Ahnung“. Seit Jahren. Sieht man auch gut an der O-Ton-Sammlung, die die Aspekte- Redaktion noch zusammen gestellt hat:

[mediathek url=“http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1965712/Ich-hasse-Papier“]

Heute erscheint bei SpiegelOnline nun mein Debattenbeitrag mit der zuspitzenden These „Warum Zeitungen wie Pommesbuden sind“. (Der Berliner Morgenpost-Kollege Bremer gab mir dafür gleich per Twitter auf die Omme: Link, Link.)

Ob ich damit geholfen habe, den Krieg zu beenden? Ich habe meine Zweifel, wenn ich so lese, was Herr Schulz bei der FAZ so aufschreibt und wie er dann in den Kommentaren auf onlinejournalismus.de meinem NDR-Kollegen Fiete Steegers vorwirft zu lügen. Ach, Kinners…




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