Warum die #st_ry-Themen nicht belanglos sind

Am Donnerstag launchten wir „str_ry – deine doku“ (zur Abstimmung, zum Crowdfunding), unsere sechsmonatige Webreportagereihe,  die nicht nur crowdfinanziert, sondern auch mit Hilfe, Unterstützung und Feedback der interessierten Öffentlichkeit zustande kommen soll. Doch einigen sind die zur Abstimmung gegebenen Themen zu „belanglos“, „schwammig“ oder „offensichtlich“.

Vor allem Journalistenkollegen scheinen mit der Art und Weise, wie wir die Themen ausgewählt und präsentiert haben ein Problem zu haben.

Meine Vermutung: Die Irritation könnte daher stammen, dass wir uns nicht an die übliche Art, ein Thema zu „verkaufen“ gehalten haben. Sondern alles bewusst sehr offen formuliert und gelassen haben.

Hmm... wir müssen da mal was aufklären, glaub ich...

Hmm… wir müssen da mal was aufklären, glaub ich…

„Da fehlt mehr als ein o“

schreibt Kollegin Katrin Schuster auf ihrem Blog und nimmt uns ganz schön auseinander. Sie meint, dass sie keines der Themen interessieren würde.

„Weil ich schon die Fragen nicht verstehe bzw. nicht für Fragen halte. Bzw.: Ich finde es mindestens merkwürdig, ja, sogar ziemlich betrüblich, dass ein innovatives Format thematisch gerade nicht innovativ ist, sondern nicht mehr und keine anderen inhaltlichen (nicht formalen!) Denkansätze zu bieten hat als das öffentlich-rechtliche (Netz-/Ökothemen) und das private (Selbstversuch/Ökothemen) Fernsehen, die all diese Themen nun schon mehrfach und zudem komplexer beackert haben, als die st_ry-Mini-Exposés vermuten(!) lassen.“

Ähnlich äußern sich Kollegen auf Twitter zu den Vorwürfen von Katrin (hier, hier, hier und hier).

Kollege Markus @monoxyd Richter schrieb mir in einer langen Mail:

„Zusätzlich waren mir auch die Themen zu allgemein gehalten. Das sind ganz exakt die Themen, die ich von einem klassischen Sender erwarte, der mal was „ganz verrücktes“ machen will. Irgendwas mit Netz und Politik! Oder hier! Digitaldating! Klar sind das spannende Themen, aber dafür brauchen wir kein neues Format.“

Ex-RTL-Kollege Tim Kickbusch postete auf Facebook:

„Themen leider bissel lahm. Und so beliebig, dass man das Gefühl hat, es geht gar nicht um den Inhalt. Sondern um die Präsentationsform. Und den Präsentator.“

Katrin schlußfolgert, man könne st_ry vorwerfen, es sei populistisch, weil wir nur Themen ausgewählt hätten, die bei der Form der Finanzierung logisch seien. In der Hoffnung, dass die Netzgemeinde ™  nur für die Themen ausgibt, mit denen sie sich eh beschäftigt.

Zwei Mißverständnisse

Hier handelt es sich um zwei Mißverständnisse. Zum einen: Ich halte die Themenfelder „Das Netz und die Politik“ / „Ernährung“ / „Digitale Liebe“ und „Datenschutz“ weder für „beliebig“ noch für „lahm“.

Ich bin vielmehr der Meinung, dass fast alle Geschichten und Themenfelder in irgendeiner Art und Weise schon gemacht, gedreht, geschnitten, zwar schon erzählt worden sind.  Aber nicht so, wie wir es vorhaben.

Warum dann st_ry?

Daher bin ich der Meinung bin, dass es ein neues Format für diese Themen braucht. Denn das ist das in meinen Augen Neue an st_ry:

Gemeinsam mit der interessierten Crowd soll ausgelotet werden, was noch fehlt, welche Geschichten in diesen großen Themenkomplexen noch nicht erzählt worden sind, welche Hintergrundinfos noch fehlen, was noch nicht verstanden worden ist.

Und das geht nur im Austausch mit den Zuschauern.

Wie komplex das Ganze wird liegt daher auch am Feedback und dem Interesse der Beteiligten. Die Mini-Exposées sind nicht mehr als ein kurzer Anriss des Themenfelds. Die Tiefe und die Richung wird sich im Laufe der Recherche zeigen.

Keine „typische“ Reportage

Auch das ist untypisch für eine „herkömmliche“ Reportage/Doku. Denn im „normalen“ Journalismus wird die Geschichte in einem Exposee zusammengefasst bevor sie gedreht wird. Die Richtung wird vorgegeben, die Erzählhaltung, die möglichen Protagonisten, die Tiefe der Recherche, ja oft schon Ergebnis und Erkenntnis der Reportage. Oft aus ökonomischen Gründen.

Das alles wollen wir bewusst nicht. Wir wollen ergebnisoffen arbeiten, wir wollen nicht von vorneherein wissen, was passieren wird. Welche Erkenntnis der Zuschauer nach den sechs Monaten haben soll, mit wem wir reden, wo wir hinfahren – das alles soll offen bleiben. Sonst wäre der Crowdsourcing-Ansatz eine Farce.

Ich bin mir daher sehr sicher, dass so eine Reportage zustande kommen kann, die es formell so noch nicht gegeben hat und die auch inhaltlich neue Wege geht. Allein, dass der Rechercheprozess offen gelegt wird und beeinflusst werden kann, verändert den ganzen Prozess, ergo auch das Ergebnis.

Beispiel: Die „Mission Burger“

„Brat Dir Deinen Burger“ ist wie alle Missionen nur das Gefäß, die „große Geschichte“. Drumherum wollen wir erzählen, wie unser Essen gemacht wird. Wo es herkommt. Und warum das so ist.

Da kann dann ein Seitenstrang das Thema „Gift im Essen“ sein. Was macht es mit uns, dass wir soviel Scheiss mit dem Essen aufnehmen? Ist da vielleicht der Grund für unsere Zivilisationskrankheiten „Krebs“ und die vielen Schilddrüsenunterfunktionen?

Das Gleiche gilt für die anderen Missionen: Sie alle sind die große Story, der rote Faden. Drumherum wollen wie viele andere Fäden spinnen.

Warum nur Digitalthemen?

Katrin stellt in ihrem Posting die Vermutung auf, dass wir uns nur auf die offensichtlichsten Digitalthemen gestürzt haben, weil wir hoffen, dass die Netzgemeinde ™ dafür uns Geld gibt.

Das war ohne Zweifel eine der Motivationen. Leute, die sich viel im Netz bewegen und dort interagieren wollen sind unser erstes Zielpublikum. Doch was Katrin vergisst (oder nicht weiß): Netzthemen sind mein Steckenpferd und meine ursprüngliche Kernkompetenz.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es Sinn macht sich mit den Themen zu beschäftigen für die man sich eh interessiert und bei denen man etwas Hintergrundwissen mitbringt, gerade wenn man sich über so lange Zeit mit etwas auseinandersetzt.

Danke für die Kritik!

Danke für die Kritik!

Danke für die Kritik!

Die teils scharfe Kritik hat mich etwas überrascht, aber zum einen kenn ich das Netz lange genug, um sie einordnen zu können zum anderen ist sie hilfreich und ein wichtiger Teil des st_ry-Prozesses.

Aber die Reaktionen und der Blogpost sind gleichzeitig auch ein großartiger Beleg dafür, dass st_ry jetzt schon funktioniert. Denn: Dieser Feedback-Prozess und das Auseinandersetzen mit der „Crowd da draussen“ ist genau das, was wir mit st_ry vorhatten.

Kein vorgefertigtes Produkt zum minimal-Kauen-und-schlucken. Sondern ein lebendiges Etwas, das sich im Laufe des Prozesses verändert.

//WERBUNG//



Schreibe einen neuen Kommentar