Kathrin rantet:
Heult nicht, tut was!

Zu meinem Hamburg-Obdachlosen-Artikel hat Kathrin eine Replik geschrieben:

„Wenn ihr es doch so furchtbar findet, dass Obdachlose diskriminiert und ausgegrenzt werden, wieso tut ihr dann nicht selber etwas dagegen?“

Und zu Klaus, dem Obdachlosen aus dem Video schreibt sie:

„2005 sah ich ihn das erste Mal, als er mir vor die Kamera sprang und mich anschrie, ich solle ihn gefälligst auch fotografieren:

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Andere Male pöbelte er, torkelte besoffen Passanten an, klaute einer Freundin wie ein wild gewordener Schimpanse das Croissant aus der Hand oder rangelte sich betrunken vor der Wandelhalle mit Gleichgesinnten. (…) Klaus hat betrunken am Hauptbahnhof meiner Meinung nach nichts verloren, wenn er Passanten bepöbelt oder ihnen das Essen klaut.“

Und sie fordert:

„Es ist nicht die Stadt oder die Deutsche Bahn, die die Menschen ausgrenzt und diskriminiert, sondern ganz allein wir heuchlerischen Menschen, die in dieser Stadt leben und Mitgefühl scheinbar nur noch im Internet verspüren.“

Kathrin regt sich zu Recht auf. Sie ist eine der wenigen Menschen, die ich kenne, die sich tatsächlich auch mal mit Obdachlosen unterhält und Zeit mit Ihnen verbringt. Ihnen das Gefühl gibt, Menschen zu sein und nicht lästiger Abfall.

Ich gestehe: Auch ich grenze aus

Ich muss mir da an auch an die eigene Nase fassen. Auch ich gehe in 95% der Fälle an Bettler und Obdachlosen vorbei, ohne Ihnen etwas zu geben. Manchmal kaufe ich eine Obdachlosen-Zeitschrift. Dann komme ich mit heldenhaft und großzügig vor. Beim Drüber-Nachdenken schäme ich mich gerade dafür.

Ja, manche haben diese Weg freiwillig gewählt. Andere kommen, andere wollen nicht mehr raus aus dieser Situation. Das hört und liest man immer wieder.

Andere bemühen sich, verkaufen ihre Hinz & Kunzt jeden Tag an derselben Stelle, nicken den Passanten freundlich zu und haben saubere Kleidung. Sie signalisieren: Ich will noch dazu gehören.

Ich gebe zu: Die zweite Gruppe ist mir näher als die erste. Ist es darum okay, die einen, die Betrunkenen, Stinkenden, Pöbelnden zu ignorieren, rauszuwerfen, loszuwerden und den anderen die Hand zu reichen?

Vielleicht ist mir das Video von Klaus deswegen nah gegangen: Weil es den unangenehmen Betrunkenen, um den ich sonst einen Bogen machen würde, sehr menschlich zeigt. Weil er aufgebracht und verzweifelt ist. Und ich auf einmal mich in seine Lage versetzen kann.

Das Internet macht Mitleid leicht

Das Netz hat sowas ermöglicht und ich finde es gut und problematisch gleichzeitig. Ein solcher Clip würde es nicht in die normalen Medien schaffen. Als Journalist wäre es meine Aufgabe herauszufinden, wie die Umstände sind, in denen er entstanden ist. Die Hintergründe recherchieren. Klaus aufsuchen.

Aber: Würde das eine Redaktion bezahlen? Wahrscheinlich nicht.

So steht der Clip einfach für sich im Netz. Das ist einerseits gut, weil er etwas zeigt, was sonst verborgen geblieben wäre. Das ist andererseits problematisch, weil eben diese Einordnung fehlt, die man braucht, um ihn besser verstehen zu können.

Der Clip wirkt so leicht manipulativ. Ist das schlimm? Ja. Und Nein. Ja: Weil er die so genannte Realität auf diese Weise noch mehr verfälscht, als es Medien sowieso schon tun. Und Nein: weil er auf ein Thema aufmerksam macht, das wenig Beachtung bekommt.

Aufmerksamkeit ist besser als keine Aufmerksamkeit

Was Kathrin aufregt: Dass es oft bei der Beachtung bleibt und es nicht zu Aktionen kommt. Das kann einen idealistischen Mensch, der seine Welt verändern will, sehr frustrieren. Alle heulen, keiner tut was.

Aber das ist nicht erst seit dem Internet so, wie Kathrin annimmt. Das ist schon immer die Regel gewesen. „Jeder ist sich selbst am nächsten“. Sprichwörter haben immer Recht.

Ich finde im Gegenteil, dass das Internet diesen Zustand verbessern kann. Denn Beachtung für so ein Thema ist besser als keine Beachtung. Mit dem Netz hat jeder Mensch mit Computerkenntnissen und Internetzugang die Möglichkeit, auf die Themen aufmerksam zu machen, die ihm am Herzen liegen.

Und vielleicht bewirkt das Video, dass 10% seiner Betrachter sich beim nächsten Obdachlosen, den sie treffen, daran erinnern. Und ihn auch beachten.

Ich kann mich nicht um alles kümmern, aber darauf hinweisen kann ich

Es ist schlichtweg zuviel verlangt, dass sich jeder um jedes Problem unserer Gesellschaft und Erde gleich intensiv kümmert. Es ist schon gut, auf die Probleme hinzuweisen. Immer wieder. Bis sich das Bewusstsein vielleicht ändert.

So verstehe ich meinen Job als Journalisten. Auf Mißstände hinweisen. Auf Probleme aufmerksam machen. Die Geschichten erzählen, die erklären, warum es dazu gekommen ist. Wach rütteln. Das ist meine Art von Aktion.

Zum Thema „Internet & digitaler Protest“ und „Engagement“ empfehle ich außerdem die „Klub Konkret“-Sendungen „Einfach dagegen? Was nutzt digitaler Protest?“ und „Was bringt Engagement?“



  1. Kathrin Hennings

    Mit der Antwort bin ich sehr zufrieden 😉 Und du hast Recht, man kann sich nicht um alle Probleme auf der Welt und auch nicht um jeden Obdachlosen gleichzeitig kümmern. Man hat immerhin auch noch ein eigenes Leben, in dem ab und an Probleme auftauchen. Aber manche Umstände liegen einfach direkt vor den Füßen. Das Internet kann, wie du sagst, eine gute Sache sein um aufmerksam zu machen. Aber wer interessiert ist an diesen eigenen aufkommenden Emotionen bei dieser Art Videos: Wenn ihr eh beim Bäcker seid, stellt bei dieser Jahreszeit einem Obdachlosen einfach eine Schrippe und einen warmen Tee hin – der verwundete Gesichtsausdruck und das überforderte „boah, danke!“ gibt einem mehr.


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