Obdachlose im Winter: Schäm Dich, Hamburg!

Der 72jährige Obdachlos Klaus Triebe wird vom „Sicherheitsdienst“ der DB aus dem Hauptbahnhof Hamburg entfernt. Der Fotograf und Filmer Ulli Gehner dokumentiert den Vorgang und veröffentlicht ihn auf Youtube. Es ist ein Dokument alltäglicher Diskriminierung und Ausgrenzung.

Ich konnte das Video nicht schauen, ohne wütend und traurig zu werden. Klaus Triebe geht am Stock, langsam schleppt er sich aus der Halle, schimpft, ist wütend. Als der Filmer ihn anspricht merkt man, wie froh er ist, als Mensch wahrgenommen zu werden.

Triebe ist völlig irritiert, versteht nicht, warum er Hausverbot bekommen hat. Zum Ende des kurzen Filmes wird er emotional, ist den Tränen nahe.

Welchen Grund es hatte, dass Triebe vom Bahnhofsgelände entfernt wird, weiß ich nicht. Aber sehe ich mir die Verfassung des alten Mannes im Video an, fällt es mir schwer mir vorzustellen, dass es einen guten Grund gab, ihn rauszuwerfen.

Er sieht nicht gewalttätig aus, auch nicht wie einer der Obdachlosen, die Passanten belästigen oder beschimpfen. Er wirkt wie ein alter Mann in einer kalten Winternacht, der vor die Tür gesetzt wird.

Und das ist das wirkliche Problem: Es gibt zu wenig Obdachlosenunterkünfte in Hamburg. Selbst in kalten Winternächten wie diesen.

Die Obdachlosenzeitschrift Hinz & Kunz schreibt dazu:

„Die Winterunterkünfte für Menschen, die auf der Straße bei Minustemperaturen täglich in Lebensgefahr schweben, sind voll oder überfüllt. (…) Nun bestätigt auch der Senat: „Bei einer Belegung von derzeit über 260 Personen schlafen im Pik As einige obdachlose Menschen auch auf den Fluren.“ Die Lage verschärft sich weiter. Bewohner des Pik As berichten uns, dass manche sich im Aufenthaltsraum auf Tische legen, um nicht auf dem Boden schlafen zu müssen.“

„Es ist einfach menschenunwürdig“, sagt ein Obdachloser. „Aber erfrieren will ich auch nicht.“ Wen wundert es, wenn Obdachlose sich bei solchen Zuständen entscheiden, die Nacht im Freien zu verbringen. Doch das bedeutet Lebensgefahr für sie. Sie drohen zu erfrieren. Wer zudem unter Alkoholeinfluss steht, schätzt seine Verfassung, oft nicht realistisch ein.“

„Doch das ist nicht die einzige Gefahr: Je mehr Menschen – darunter Alkohol- und Drogenabhängige und psychisch Kranke – so eng zusammen übernachten müssen, desto mehr Konflikte gibt es. So kommt es im Pik As jetzt häufiger zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Das berichten uns Bewohner. Auch die Zahl der Polizeieinsätze steigt. Ein Bewohner klagt: „Das ist kein Wunder, hier werden Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen zusammengepfercht. Wir können uns gar nicht verständigen.“

Wie kann es sein, dass in einer Stadt, die Millionen in ein nutzloses Bauwerk versenkt, Menschen zusammengepfercht in Notunterkünften vor sich hinvegetieren müssen, um nicht zu erfrieren?

Schäm Dich, Hansestadt Hamburg! Schäm Dich, Senat!



10 Kommentare

Schreibe einen Kommentar
  1. stefanie Buchwitz

    In Eimsbüttel im Hellkamp/Ecke Osterstrasse lag seit Mitte November ein Obdachloser am Rande des dort sehr breiten Gehweges. Er hatte sich den Platz wohl ausgesucht, weil er dort unter einem Balkon ein wenig Schutz vor dem Eisregen fand. Er war stets friedlich, man sah ihn nie. Kein Alkohol, kein aktives betteln. Um die Weihnachtstage hatten ihn die Bewohner mit Lebensmitteln aller Art versorgt. In der Zeit, in der die Tannenbäume der heiligen Weihnachtszeit auf den Strassen entsorgt wurden, kam jemand auf die Idee, dass nun auch der Obdachlose entsorgt werden müsse. Ein entwürdigender, menschenverachtender und bestimmt sehr teurer Einsatz von Polizei und Feuerwehr sollte für Ordnung im sauberen Eimsbüttel sorgen. Nun ist „er“ weg. An der Stelle, an der er lag, stehen jetzt häßliche, kalte Bauzaungitter, die an den Zaun unter der Kersten-Miles-Brücke im letzten Winter erinnern. Mein Sohn, der dem Obdachlosen Teile seines Taschengeldes in die zurückhaltend aufgestellte Schale legte, stellt mir nun fragen, die ich ihm nicht beantworten kann. Bestimmt gibt es viele alkoholisierte Obdachlose in Pöbellaune. Es lohnt sich aber die Fragestellung, warum sich Menschen in auswegslosen Situationen alkoholisieren und in diese üble Laune kommen. Es gibt viele Gründe, die zum Absturz eines Menschen führen können, die jeden von uns treffen könnten. Es gibt aber keinen einzigen Grund für derartig würdelose Aktionen.

    • Ina

      Danke, Stefanie!
      Wenn jeder von uns handelt, wie Stefanies Sohn, ist den Menschen schon mehr geholfen! Wir müssen aufhören wegzugucken, dass ist eine blöde Angewohnheit, die wir uns mit den Jahren zulegen… Ich finde den Film einfach toll, weil er aufmerksam macht, und das brauchen wir heutzutage! Natürlich kann man über alles diskutieren, und versuchen Behauptungen grade zu rücken, aber das ist hier ja garnicht das Ziel! Danke, Daniel, für den großartigen, traurigen, zum Nachdenken anregenden Film!

  2. Kathrin Hennings

    Dazu muss man sagen, dass auch der Klaus stets alkoholisiert und in Pöbellaune unterwegs ist. Natürlich ist es totale Scheiße, dass Hamburg nicht mehr ihrer leeren Räume zur Verfügung stellen, aber der Bahnhof ist auch nicht der richtige Ort für die betrunkenen, pöbelnden Obdachlosen. Definitiv muss mehr Raum her, aber viele von ihnen wollen das ja nicht einmal in Anspruch nehmen. Ich finde den Beitrag sehr einseitig. Nicht falsch, aber einseitig.

    • Daniel Bröckerhoff

      Klar, der ist sehr subjektiv und von dem Film beeindruckt. Kein recherchiertes journalistisches Stück, sondern ein Blogeintrag. Dass er alkoholisiert war sieht man auch. Nichtsdestotrotz ist der Umgang mit Obdachlosen in Hamburg echt mies. Auch wenn viele die Hilfe verweigern, was ich auch weiß.

      Ich musste tatsächlich an Dich denken, als ich den geschrieben habe. Weil ich weiß, dass Du Dich mit denen auch unterhälst und beschäftigst. Als eine/r der wenigen.

    • Benjamin Laufer

      Naja, wer entscheidet denn, dass der Bahnhof nicht der richtige Raum ist? Das ist immer noch ein öffentlicher Raum, auch wenn die SPD da jetzt versucht, andere Fakten zu schaffen (was ich im Übrigen für rechtsstaatlich höchst bedenklich halte, vgl. http://www.hinzundkunzt.de/schone-neue-welt-am-hauptbahnhof/), in dem sich jeder aufhalten dürfen sollte. Was da passiert ist aber, dass eben jeder rausgeschmissen wird, der das konsumfreudige Klima beeinträchtigt. Genau das ist die Motivation der Bahn und das ekelt mich an.

      Die meisten Obdachlosen, die gerade draußen schlafen, machen das, weil die Zustände in den Einrichtungen unhaltbar sind. Wer will schon auf Fluren und Tischen schlafen? Die allermeisten Obdachlosen, die ich kenne, würden liebend gerne in eine Wohnung ziehen, finden aber keine. Solange der Wohnungsmarkt so ist wie er ist und die Situation in den öffentlichen Unterkünften auch, ist die Vertreibung am Hauptbahnhof noch zynischer, als sie es ohnehin wäre.

    • Daniel Bröckerhoff

      1.) Manchmal hab auch ich keine Zeit alles zu recherchieren, also danke für den Link.
      2.) Gemeint war: Hat er gepöbelt, geprügelt, Leute bedroht, geklaut etc, so dass man ihn entfernen wollte/musste.

  3. zoltan grasshoff

    Also ich finde der Filmer lebt ein wenig abseits der Realität mit seinen Fragen zu Adresse sowie Telefonnummer! Er untermauert das ganze nochmal mit dem Satz „Schade das du kein Telefon hast ! “ Echt schlecht !


Schreibe einen neuen Kommentar