Was das Internet für Obdachlose (und andere Randgruppen) tun kann…

Sie sind ausgegrenzt, im Gefängnis, haben eine Behinderung oder leben am Rand der Gesellschaft. Doch das Internet gibt denen eine Stimme, die sonst in der Öffentlichkeit keine haben oder zu wenig wahrgenommen werden.

Mehrere Male bin ich dieses Jahr mit Menschen in Berührung gekommen, denen ich nicht begegnet wäre, wenn ich nicht Journalist wäre. Und wenn es das Internet nicht gäbe. Für beides bin ich sehr dankbar.

Nachhaltig prägend war die Begegnung mit Heiko Kunert, blinder Blogger und Pressemensch des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins und Janine Zehe, ebenfalls blind und im Netz aktiv. Mit beiden habe ich für den Elektrischen Reporter ein Stück über Blinde im Internet gedreht.

Was ich zeigen wollte: Wie Blinde mit dem Netz umgehen und wie es für sie eine völlig neue Möglichkeit eröffnet hat, mit Nicht-Blinden zu kommunizieren, sich auszutauschen, sie kennen zu lernen. Es macht sie unabhängiger und freier. Und sie können sich Gehör verschaffen, wenn andere sie ignorieren.

Barrieren sprengen, wo keine sein müssen

Heute hab ich einer weiteren Seite gefunden, die mich tief beeindruckt und berührt hat. Es ist die Facebook-Seite des Obdachlosen Max Bryan, der sie wie ein Blog benutzt. Max hat nach eigener Diagnose eine Art multiple Persönlichkeitsstörung und ist sowohl Max (sein Geburtsname), als auch Bryan (sein Alter Ego).

Seit 20 Monaten ist er ohne Wohnung, nachdem er 15 Jahre lang in einer Dachkammer gehaust hat, in der er, einem inneren Zwang nachgebend, versucht hat, eine Art „Welt-Index“ zu erstellen. Derzeit radelt Max Bryan auf der Suche nach einer Wohnung quer durch Deutschland, was auch etwas Presse-Echo nach sich gezogen hat (z.B. hier, hier und hier).

Was mich an seinem Blog-Projekt so bewegt hat, war die schonungslose Innenansicht seiner Seele, die Art wie er schreibt und von seinem Leben und seiner Reise erzählt – und ein Foto. Es zeigt Max auf den Stufen der Hamburger „Roten Flora“, einem Treffpunkt für die Reste der linken Szene der Stadt und eine Anlaufstelle für Obdachlose. Sie schlafen auf den Treppen der ehemaligen Oper, betteln, saufen, prügeln sich, während Menschen wie ich auf der anderen Straßenseite überteuerten Milchkaffee trinken.

Die Gesichtslosen bekommen ein Gesicht

Ich gehe normalerweise auch an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Manchmal gebe ich Geld, wenn ich den- oder diejenige öfters gesehen habe und weiß, dass die Cents nicht in Alkohol fließen. Aber wir leben in getrennten Welten.

Und dann bekommt eines der bärtigen Gesichter in schmutzigen Sachen auf einmal ein Gesicht und eine Stimme. Und ich beginne zu begreifen, was ich eigentlich schon wusste: Diese Menschen sind nicht immer selber schuld an ihrem Schicksal. Sie sind Opfer ihrer Kindheit, dieser Gesellschaft, ihres Lebens, anderer Menschen.

Denn Max Bryan erzählt nicht nur von sich und seiner harten Lebensgeschichte, sondern auch von anderen, denen er begegnet ist. Von dem Mann, dessen Wohnung abbrannte, während er mit Schlaganfall im Krankenhaus lag. Von dem Mann ohne Beine, der lieber draussen lebt, als seiner Familie zur Last zu fallen.

Früher wären diese Geschichten unerzählt geblieben. Und Max Bryan hätte die Episode seines Lebens, in der er zwanghaft in seiner Wohnung die Welt geordnet hat, höchstens einem Psychologen berichten können. Jetzt kann er sich der Welt mitteilen, so lange und so ausführlich, wie er will. (Sehr ausführlich tut er das in seinem FAQ.) Das verdanken wir dem Internet. Für mich einer der besten Gründe, warum diese technische Errungenschaft so schützenswert ist.

//Nachtrag//

Gerade fällt mir noch eine weitere Seite ein, die mich sehr beeindruckt hat. Es ist die Homepage von Jens Söring, der nach eigenen Angaben unschuldig in Virgina, USA im Gefängnis sitzt und von dort aus über das amerikanische Justizsystem bloggt. Sehr lesens- und empfehlenswert, weil sachlich und beobachtend geschrieben.




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