#Pilotsendung: Warum Journalisten öffentlich arbeiten müssen

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Copyright: Pedro Ribeiro Simões , (CC BY 2.0), picture cropped

Seit fast drei Wochen arbeiten wir an unserer Pilotsendung. Eins meiner Vorhaben war: Bei meiner Recherche eng mit dem Netz zusammen arbeiten. Der Plan war ambitioniert, erfolgreich, hat aber auch nur halb geklappt. Welche positiven und negativen Auswirkungen soziale Medien auf das journalistische Arbeiten haben können – mein Fazit in losen Stichpunkten. Die Cons zuerst.

CON: Man muss es wollen

Der wahrscheinlich wichtigste Punkt zuerst. Wer sich nicht für Kommunikation begeistern kann, wer Hemmungen vor sozialen Medien, dem Internet und viel Tippen hat, wer es nicht schätzt sich mit Wildfremden auszutauschen oder sich öffentlich mit seinem Halbwissen „nackig“ zu machen, der kann hier aufhören zu lesen. Wer all das ablehnt, ist aber wahrscheinlich im Journalis eh falsch aufgehoben.

Denn Recherche ist immer Arbeit, sie auch noch (halb-)öffentlich zu betreiben eröffnet viele neue Chancen, ist aber auch nicht einfach. Vor allem für die Journalisten der „alten Schule“, die es gewohnt sind, im stillen Stübchen zu arbeiten, stets in der Angst, jemand anders könnte schneller sein oder mitbekommen, woran gerade gearbeitet wird ist der Paradgimenwechsel enorm.

Crowdsourcing - it works!

Crowdsourcing – it works!

CON: Langer Atem und Nachhaltigkeit

Vor allem weil sich die Erfolge nicht über Nacht einstellen. Meine 1400 Follower bei Twitter sind aus 2 Jahren kontinuierlicher Aktivität erwachsen. Ständige Kommunikation, Feedback, Austausch sind Garant dafür, auch wahrgenommen zu werden.

Das dauert zwar, ist aber auf die Dauer nachhaltiger. Dass ich so aktiv im Netz bin, hat mir bei diesem Projekt enorm geholfen. Aber ohne mein vorheriges „Investement“ wäre es mir nicht gelungen.

CON: Ablenkung

Wer twittert schweift schnell ab. Sich zu fokussieren, sich nicht ablenken zu lassen ist die größte Herausforderung im Zeitalter der Timelines und Newsströme.

Ich bin darin nicht immer so gut, wie ich es gern wäre. Doch letztendlich ist das einer der Bestandteil der oft beschworenen Medienkompetenz, die wir alle lernen müssen.

CON: Hoher Zeitaufwand

Hinzu kommt ein relativ hoher Zeitaufwand. Ich hatte eigentlich vor, die Pilotphase viel intensiver zu bloggen. Doch mit dem Einarbeiten in ein mir fremdes Themenfeld, dem Suchen nach Drehorten und Gesprächspartner, der Orga und den Drehs selber ist ein Reportertag mehr als gut ausgefüllt.

Abends den Stand der Recherchen fü den interessieren Leser zusammen zu fassen hätte locker ein bis zwei Stunden länger gedauert. Ich habe mich daher aufs Twittern „beschränkt“, was sich aber für die (Recherche-)Arbeit als sehr tauglich dargestellt hat. Und vielleicht ist soviel Transparenz und up-to-date-sein gar nicht notwendig?

CON: Schwäche zugeben

Dem journalistischen Stand haftet oft der Ruf der Arroganz an. Häufig zu Recht. „Ich will gar nicht wissen, was die Leute über meine Artikel denken“, sagte mir kürzlich ein Freund. Für mich ein nicht nachzuvollziehender Standpunkt, schließlich mache ich meine Berichte und Filme für die Menschen da draussen.

Jedes Feedback ist daher wichtig, ob positiv (Ermutigung) oder negativ (potentielle Verbesserung). Doch wer zugibt, dass er sich verbessern kann, zeigt vermeintlich Schwäche. Das ist nicht jedes Menschen Sache.

PRO: Experten treffen, gemeinsam recherchieren

Dass viele Journalisten lediglich ein gesundes Halbwissen haben, möchten sie daher auch ungern zugeben – eines der größten Probleme des Journalismus derzeit. Ihr Unwissen öffentlich kund zu tun, scheint vielen daher eine Deligitimation ihres Berufes gleich zu kommen.

Dabei sehe ich gerade in sozialen Medien die Chance, auf Experten zu treffen oder gemeinsam zum Experten zu werden. Dass wir nicht alles wissen können, sollte mittlerweile gesunder Common Sense sein. Und selbst wenn es nicht um Expertenwissen geht: Es gibt viele Menschen da draussen, die gute Tipps haben.

Einer der wichtigsten Hinweise für meine Recherchen kam zum Beispiel über die Twitter: Der Verweis auf den hervorragenden Dokumentarfilm „Inside Job“, der mir die US-Finanzkrise 2008 anschaulich und ausführlich erklärt hat.

Auch ein vermeintlicher WLAN-Störsender, den mir ein „Occupy Frankfurt“-Aktivist beim Dreh präsentierte, konnte mittels Crowsourcing und Hive-Mind als „wahrscheinlich irgendwas anderes“ identifiziert werden. Die zwei Stunden, in denen wildfremde Menschen mir halfen, das Bauteil zu identifizieren waren für mich ein Schlüsselmoment: Es funktioniert!

Den Drehort für einen meiner Reporter-Beiträge haben wir ebenfalls per Followerpower gefunden – allein hätte ich mich totgesucht bei der Recherche nach kamerafreundlichen Bars in Berlin.

PRO: Man lernt andere Perspektiven kennen

Ich glaube nicht an objektiven Journalismus und auch nicht an „Wahrheit“. Ich glaube an Perspektiven, Diskurse und Subjektivität – aber auch an die Fähigkeit des Menschen, sich Meinungen zu bilden und diese ändern zu können (und zu dürfen).

An jede Geschichte und Recherche gehe ich mit meinem eigenen persönlichen Zugang und meiner kulturell geformten Prädisposition. Ich kann nicht aus meiner Haut und auch nicht aus meinen Denkmustern – aber ich kann mich bemühen für andere Argumente oder Sichtweisen offen zu sein.

Hierbei hilft das Netz ungeheuerlich. Hier finden sich alle Arten von Meinungen, Denk- und Sichtweisen, alle möglichen Menschen, mit denen man sich austauschen und an denen man sich reiben kann. Um zu einer eigenen Meinung zu kommen, kann ich mir keinen geeigneteren Ort vorstellen.

PRO: Themen & Zugänge sondieren

Ebenso gibt es keinen besseren Ort, um Stimmungen und Zugänge abzuklopfen. Als ich ankündigte, dass wir mit den Söhnen von Ralf Stegner und Winfried Kretschmann einen alkoholgeschwängerten Abend verbringen würden, war die Begeisterung groß.

Auch dass das Krisen-Thema interessieren würde war schnell klar, als ich ständig und stetig Feedback über Twitter und Facebook bekam. Für Journalisten, die allzu oft im elfenbeintürmigen Nebel stochern das ideale Tool zum Sondieren von Themen.

PRO: Es macht Spaß

Der beste Grund: Es macht Spaß. Punkt.

Genau.




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