20 Stunden #OccupyFrankfurt
- Ein Festival des Zorns

20 Stunden (mit Schlaf- und Dreh-Unterbrechungen) hab ich mich auf dem OccupyFrankfurt-Camp rumgetrieben. Hab Leute getroffen, mit ihnen diskutiert, mir die Assamblea angesehen und mein Zelt im Camp aufgeschlagen. Die Erfahrung lässt mich zwiegespalten zurück.

Der Mann auf dem Boden ist wütend. “Die Scheiss-Banker denken sie wären was Besseres. Wenn ich sie in der Innenstadt um eine Spende bitte, werde ich nicht nur ignoriert, ich werd beschimpft.” Sein Kumpel neben ihm fällt ihm ins Wort “Diese Fotzen-Banken! Die sollen mal aufpassen, dass wir ihnen nicht da hoch kommen.” Die Männer sind angetrunken, aber die Wut ist echt.

Es sind die deutlichsten, aber nicht die einzigen wütenden Worte, die ich an dem Abend zu hören bekomme. Jeden den ich frage, hat einen anderen Grund, warum er im Camp ist. Aber alle haben sie irgendwie die Schnauze voll. Von den Banken, von den Politikern, von der Krise, vom Euro, der Umweltverschmutzung, der Globalisierung, der Ausbeutung, dem Kapitalismus – dem Scheiss-System.

Das dicke € besetzen: Volksküche unter dem Euro-Zeichen.

Das dicke € besetzen: Volksküche unter dem Euro-Zeichen.

Diffuse Wut

Die Wut ist oft genug diffus. Die Menschen kommen vom Hundertsten ins Tausende, wenn ich mit ihnen rede. Sie haben alle ein großes Mitteilungsbedürfnis – wenn man sie nicht stoppt oder eine Zwischenfrage stellt, bekomme ich 5 Minuten lange Monologe zu hören. Es hat sich viel Unzufriedenheit aufgestaut, hab ich das Gefühl, die jetzt aus den Köpfen und Mündern hervorbricht.

Dabei ist die Stimmung im Camp an diesem Sonntag Abend eher entspannt. Zwei Feuer brennen in Tonnen, aus der Küche zieht Eintopf-Geruch über den Hauptweg in der Camp-Mitte. 10 Leute sitzen im Kreis und trommeln irgendwie (oder “intuitiv-improvisatorisch) auf nicht-gestimmten Trommeln.* Einer jongliert mit Feuer, irgendwo anders dröhnt ein Soundsystem.

Auf Decken und Planen, auf Stühlen und Hockern sitzen Menschen zwischen 20 und 60, rauchen, trinken, essen, unterhalten sich. Ein politisches Protest-Camp hatte ich mir in meiner naiven Weltsicht anders vorgestellt. Weniger wie die kleine Schwester des Fusion-Festivals. Mehr wie die zornige Tochter des Tahir-Platzes.

Mein Zuhause für eine Nacht: Ein Zelt am Rande des Camps.

Mein Zuhause für eine Nacht: Ein Zelt am Rande des Camps.

Assamblea: Basisdemokratie in Reinform

Die Assamblea verstärkt meinen Eindruck. Als sie mit einer halben Stunde Verspätung lsogeht haben sich ca 30-40 Leute eingefunden (ich bin aber mies im Schätzen). Ich hatte mir (in meiner naiven Weltsicht) vorgestellt, dass das die Hauptveranstaltung des Abends ist und mindestens das ganze Camp teilnehmen würde.

Pustekuchen. Es sitzen noch mindestens genau so viele Menschen draussen im Camp und interessieren sich mehr für Spaß und Juckelei als für inhaltliche Diskussionen. Vielleicht bin ich da ungerecht. Wenn es zweimal am Tag so eine Assamblea gibt (und das seit zwei Wochen), geht man vielleicht nicht immer hin. Aber der Eindruck, dass es hier mehr um das Event als um Veränderungen gehen könnte, kann für Außenstehende leicht aufkommen.

Dass manchen lieber fern bleiben hat sicher seinen Grund. Schließlich – das finde ich schnell raus – ist so eine Versammlung nicht unanstrengend. Jeder hat Rederecht – Basisdemokratie sei Dank. Was sich in der Theorie gut anhört, ist in der Praxis ein echte Herausforderung. Denn viele machen von ihrem Recht Gebrauch. Und sei es nur, um zu bestätigen, dass man mit dem Gesagten einverstanden ist oder dem Vorredner zustimmt.

So werden auch kleinste Kleinigkeiten durchexerziert. Bis die Versammlung uns gestattet mit der Kamera anwesen zu sein, vergehen einige Minuten, in denen sich die Anwesenden auch über den generellen Umgang mit der Presse und Negativ-Beispielen austauschen. Als wir dann filmen dürfen hab ich trotzdem das Gefühl, dass diese Entscheidung schnell und im Konsens getroffen wurde. Aber wie lange dauert dann eine wirklich schwierige Entscheidung?

Nächtliche Assamblea: Basisdemokratisch. Und (deswegen) anstrengend.

Nächtliche Assamblea: Basisdemokratisch. Und (deswegen) anstrengend.

Beeindruckende Infrastruktur

Trotz dieser Vorbehalte bin ich beeindruckt vom Camp. Die Infrastruktur hat sich seit meinen letzten Besuch vor 12 Tagen professionalisiert, große Zelte sind aufgebaut worden, es gibt eine eigene IT-Abteilung und ein funktionierendes WLAN. Die Küche ist fast rund um die Uhr geöffnet und das Camp wirkt weder schmuddelig, noch chaotisch.

Auch sind die geäußerten Kritiken (s.o.), Wünsche, Wut-Ausbrüche nachvollziehbar, unterstützenswert und größtenteils in meinen Augen berechtigt. In einem sind sich alle einig: So, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Die Welt ist ungerecht, wird ausgebeutet und mit ihr die Menschen, das Kapital regiert uns und wir verstehen nicht mal wirklich wie das funktioniert.

Doch schon bei der Suche nach den Schuldigen fängt es an: Wer ist verantwortlich? Die Banken? Die Politiker? Die Unternehmen? Das “System”? Wir? Ihr? Ich? Die Gummibären-Bande?

Was ist eigentlich passiert?!

Auch die Frage nach den Ursachen ist schwierig: Ist es die Gier? Unsere Erziehung? Sozialisation? Das “System” (schon wieder)? War es der teuflische Plan der Iluminati? Die Weltverschwörung der Bilderberger? Oder hat sich der Joker was fieses ausgedacht?

Erst gerade ist man im Camp dabei, sich auf einen gemeinsamen Forderungskatalog zu einigen. Nach wirklich praktiblen Lösungen, jenseits von “Geld abschaffen, alles verstaatlichen, alles für alle und zwar umsonst”, sollte man gar nicht erst fragen. Die Ratlosigkeit ist Dauergast bei den Okkupisten – und ich kann es ihnen nicht übel nehmen.

Doch ich weiß, dass es andere tun. Und ungeduldig mit den Hufen scharren. Ich weiß auch, wie anstrengend so eine Basisdemokratie auf die Dauer werden kann. Vor allem, wenn man es mit eigentlich nicht miteinander zu vereinbaren Positionen zu tun hat.

Widerspruch oder berechtiger Wunsch?

Widerspruch oder berechtiger Wunsch?

Spannungen untereinander

Die ersten Spannungen waren dann auch für mich zu spüren. Ein Mann kam auf mich zu und wollte mir die Schmutzwäsche des Camps ausbreiten. Auf einmal stellte sich eine Frau neben uns, er schwieg sofort, nahm mich beiseite und murmelte was von “Stasi”.

Dann begann er von verschwundenen Spendengeldern und geklauten Beamern zu erzählen, die erst wieder auftauchten, als er Druck gemacht habe, weil er die Übeltäter gekannt habe. Eine merkwürdige Situation.

Auch gegen die “Zeitgeist”-Aktivisten gibt es Vorbehalte, den meisten sind ihre recht simpel erscheinenden Lösungsansätze zu billig, andere werfen ihnen Sektenähnlichkeit vor.

Ob es die Occupy-Bewegung  in Deutschland angesichts dieser Herausforderungen über den Winter schaffen wird? Ob sich die Aktivisten auf einen gemeinsamen Forderungskatalog einigen können? Vielleicht sogar konkrete Lösungen ausarbeiten, ohne von Utopistan zu fabulieren? Ohne, dass Macht- und Grabenkämpfe ausbrechen?

Ganz ehrlich: Ich bin da etwas skeptisch. Aber ich würde es ihnen wünschen.

tldr

Auf dem OccupyFrankfurt-Camp finden sich viele ratlose Wutbürger, die irgendwas verändern wollen, aber nicht genau wissen, wie. Gemeinsam wollen sie versuchen einen Forderungskatalog zu erarbeiten, dabei stehen sie aber vor großen Herausforderungen wie Basisdemokratie, verschiedenen Glaubens- und Wertsystemen oder schlicht gegensätzlichen Meinungen. Ich bin skeptisch, ob sie es schaffen werden, sich zusammen zu raufen, würde es ihnen aber wünschen.

*Der Percussionist in mir hat mit sowas große Probleme. Nur weil es einfacher ist, aus Trommeln irgendwelche Geräusche zu bekommen als aus anderen Instrumenten, sollte nicht jede/r Franz/Fränzin meinen, er/sie sollte/könnte jetzt auch mal ein bißchen öffentlich rumlärmen. Würde man mit einer Querflöte ja auch nicht machen.

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3 Responses to “20 Stunden #OccupyFrankfurt
- Ein Festival des Zorns”

  • Konstantin Neven DuMont Says:

    Danke für den informativen Bericht. Obwohl ich die Protestbewegung grundsätzlich unterstütze, fehlt es immer noch an der richtigen Kommunikation konstruktiver Lösungsvorschläge. Es mag sein, dass diese Vorschläge irgendwo im Lager vorhanden sind, sie kommen aber nicht bei der Bevölkerung an. Dort kommt in erster Linie an, dass die Protestler “dagegen” sind. Das wird auf Dauer nicht reichen. Wir arbeiten zur Zeit an einer Dokumentation, in der brauchbare Alternativen vorgestellt werden sollen.

  • BoleB Says:

    interessant zu lesen, danke für die eindrücke…zum thema querflöte, ich enttäusche da nur ungern, aber http://www.youtube.com/watch?v=DFgGGTd5fbI so ab 11:40

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