Wie BILD am SONNTAG aus Fehlern Profit schlägt

Ein Gastbeitrag von Tina Schober

Vor vier Wochen wurde die siebenjährige Mary-Jane aus Thüringen ermordet. Der Fall hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. In ihrer aktuellen Ausgabe widmet die BILD am SONNTAG (BamS) dem kleinen Mädchen fast eine halbe Seite mit Foto und titelt:

„Mary-Janes Mutter möchte, dass ihre Tochter so in Erinnerung bleibt.“

So macht die BamS aus Fehler Profit

So schlägt die BamS aus Fehler Profit

Die BamS berichtet, dass der Täter gefasst wurde und den Mord gestanden hat. Und drückt dann auf die Tränendrüse.

„Den Schmerz der Mutter kann das Geständnis jedoch nicht lindern. Mary-Janes Mutter hat nun BILD am SONNTAG ein bisher unveröffentlichtes Foto zur Verfügung gestellt.“

Und BamS erklärt das so:

„Die trauernde Alleinerziehende sagt: ‚Ich möchte, dass meine Tochter so in Erinnerung behalten wird.‘“

Das liest sich herzzerreißend und ist aus Sicht der trauernden Mutter wohl auch nachvollziehbar. Doch es scheint schwer vorstellbar, dass Mary-Janes Mutter zum Telefonhörer gegriffen, die BamS-Reporter angerufen und ihnen diese Foto einfach so angeboten haben könnte. Wieso hat die Mutter der Zeitung also das Bild exklusiv „zur Verfügung gestellt“?

Die Erklärung liefert der weitere Text. Die BamS berichtet, dass sie das Schicksal von Mary-Jane bereits von Anfang an begleitet habe – und dann heißt es plötzlich:

„In einem Bericht unserer Zeitung wurde dabei ein Foto gedruckt, das nicht Mary-Jane zeigte. Die Redaktion bedauert die Verwechslung und entschuldigte sich bei Mary-Janes Mutter und den Eltern des abgebildeten Kindes für den schweren Fehler.“

Die Redaktion entschuldigt sich also für ein falsch abgedrucktes Foto – und belohnt sich mit einem Exklusiv-Bild.

Und es geht direkt weiter mit der BamS-Selbstkritik:

„Auch berichtete BILD am SONNTAG, Mary-Jane wollte nicht mit ihrer Mutter wie geplant nach Berlin umziehen. Das war nicht zutreffend. ‚In Wahrheit hat sich Mary-Jane sehr auf den Umzug gefreut‘, sagt ihre Mutter.“

Das falsche Foto und die falsche Aussage zum Berlin-Umzug – eine Blamage für die BamS.

Die Zeitung hat sich mit den Betroffenen wohl auf eine öffentliche Entschuldigung geeinigt . Das ist legitim. Für die BamS ist das wahrscheinlich sogar schmerzhafter als eine Gegendarstellung.

Aber fragwürdig ist es trotzdem, denn Profiteur ist ganz klar die BamS, schließlich druckt sie neben den entschuldigenden Worten eben auch ein „bisher unveröffentlichtes Foto“.

Und nächste Woche? Gibt es dann die BamS-Exklusiv-Geschichte über das Kind, das fälschlicherweise als Mordopfer abgedruckt wurde? Zuzutrauen wäre es ihnen ja..

Tina Schober ist freie Journalistin und arbeitet wie ich unter anderem für das Medienmagazin ZAPP (NDR).




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