ZDF.kulturpalast verkauft EPK als Exklusiv-Interview // UPDATE: Achso, Satire

Im ZDF.kulturpalast lief am 16.06.2011 ein vermeinliches Exklusiv-Interview mit dem HipHop-Star „Tyler The Creator“ (Link). Ein amüsantes Stückchen mit einem launigen Musiker, der keine Lust hat, immer dieselben nervigen Fragen zu beantworten. Einziges Manko: Das Interview wurde von einer Promotion-Agentur erstellt, der Interviewer hat den Künstler vermutlich nie selbst getroffen.

Der Interviewer wird im Beitrag als „Praktikant Johannes“ vorgestellt, der für die Sendung die HipHop-Größe treffen darf. Schon das ist ungewöhnlich: Normalerweise werden Stars von Redakteuren interviewt, nicht von Praktikanten.

Johannes inszeniert sich in der Folge als On-Air-Reporter, der vor und nach dem Treffen ein Statement vor der Kamera gibt:

 

"Praktikant Johannes" vor dem Interview

Jedoch gibt es keine Bilder vom Zusammentreffen der beiden. Johannes setzt sich in den Interview-Raum, vermutlich ein Keller in der Berliner Kulturbrauerei, sammelt sich kurz und beginnt das Interview, in dem er sich als erstes dafür bedankt, dass er das Interview führen darf („Thanks for having me.“)

 

"Praktikant Johannes" in der vermeintlichen Interview-Szene

"Praktikant Johannes" in der vermeintlichen Interview-Szene

Auffällig: Während des gesamten Interviews gibt es keine einzige Totale der Situation. Das mag dem Unvermögen des Praktikanten geschuldet sein, der sich mit Fernsehgepflogenheiten noch nicht auskennt. Aber ein guter Kameramann hätte daran gedacht. Denn schließlich möchte man doch zeigen, dass man den Künstler wirklich getroffen hat.

Doch die fehlende Totale hat wahrscheinlich einen anderen Grund: Das Interviewmaterial ist von der Promotion-Agentur „Beggars Group„, die „Tyler The Creator“ betreut. Dies bestätigte man mir telefonisch auf Anfrage.

Das „EPK“ („Electronic Press Kit„) wird an alle interessierten Medien verteilt, die daraus dann ihre Beiträge stricken und findet sich auch auf youtube.

Dort ist auch die Szene zu sehen, in der Tyler dem Interviewer die Fragen abnimmt, um sich eine interessante herauszusuchen:

 

Tyler checkt die Fragen ab

Tyler checkt die Fragen ab

Im ZDF.kulturpalast wird diese Szene ebenfalls gezeigt. Jedoch ist es hier „Praktikant Johannes“, der die Papiere überreicht:

 

"Praktikant Johannes" "übergibt" die Fragen

"Praktikant Johannes" "übergibt" die Fragen

Mysteriöserweise fehlt die Szene im EPK. Die anschließende Schimpftirade des Musikers über schlechte Interview-Fragen lässt „Praktikant Johannes“ zähneknirschend über sich ergehen. Sein Leiden sieht echt aus. „Praktikant Johannes“ scheint ein besserer Schauspieler als Journalist zu sein.

Nach dem „Interview“ stellt sich „Praktikant Johannes“ noch einmal vor die Kamera und spricht folgenden Text:

„Ich glaub, das Interview lief ganz gut. Zwischendurch hab ich das Gefühl gehabt, er war ein bißchen genervt. Es war auch sehr heiß da drin, vielleicht lag’s daran. Und so ganz, mit dem Ghetto-Slang, ich hab nicht alles verstanden. Aber ich glaub, für die Sendung reicht’s. Zurück ins Studio.“

Ob in der laufenden Sendung darauf hingewiesen wurde, dass Interviewer Johannes den Künstler wohl nie in Persona getroffen hat, ist leider nicht nachzuvollziehen. Im Netz konnte ich die Gesamt-Sendung nicht finden.

Aber auch wenn das der Fall gewesen sein sollte: Derzeit steht das angebliche Exklusiv-Interview kontextlos im Internet. Ich bin dem ZDF wirklich dankbar, dass es seine Beiträge ins Netz stellt. Factchecking Galore!

Ich hatte leider noch keine Zeit, die Redaktion ZDF.kulturpalast um Stellungnahme zu bitten. Meine Vermutung: Der Beitrag ist von einer Produktionsfirma, die sich sehr clever vorkam, ein EPK als Exklusiv-Interview zu verkaufen.

Den Head of Promotion der „Beggars Group“ Sven Herwig habe ich noch nicht persönlich für eine Stellungnahme erreichen können. Über ihn kam allerdings der Hinweis auf den ZDF-Schmu:

//Screenshot nach Beschwerde von Sven Herwig gelöscht//

Disclaimer: Ich habe für das ZDF über die Firma „Elbmotion Pictures“ in der Reihe „ZDF.reporter.unterwegs“ Regie geführt und arbeite derzeit über die Produktionsfirma für die ZDF.info-Sendung „Elektrischer Reporter“ als Autor.

///

Danke an meinen Mann John G. für den Hinweis!

//UPDATE, 28.6.2011, 16:20 Uhr//

Auch wenn der Beitrag als Satire gemeint war, wie einige Kommentare nahe legen, so muss sich die Redaktion trotzdem den Vorwurf gefallen lassen, dass das Stück im Internet völlig kontextlos (sprich: ohne einordnende Moderation) gezeigt wurde. Als Metatext steht in der Mediathek:

 

Im Metatext des Beitrages: Keine Spur von Ironie oder Einordnung.

Im Metatext des Beitrages: Keine Spur von Ironie oder Einordnung.

Selbes gilt für die Homepage des ZDF.Kulturpalastes. Auch dort fehlt jegliche Einordnung, das Interview mit Tyler wird als tatsächlich stattgefunden geteast:

 

Wo bitte geht's hier zur Satire?

Wo bitte geht's hier zur Satire?

Folgende Fragen habe ich jetzt an Sven Herwig, Head of Promotion der „Beggars Group“ gestellt:

  • Wie ist das EPK zustande gekommen? So, wie in den Kommentaren unter meinem Blogpost geschildert wird?
  • Hat der Interviewer, der im Bild zu sehen ist, Tyler getroffen?
  • Sind ihres Wissens nach noch andere Kollegen ähnlich vorgegangen wie die Sendung ZDF.Kulturpalast?
  • Wie werten Sie die Aufarbeitung durch die Sendung ZDF.Kulturpalast?
  • Ist dieses Vorgehen usus in der Musikjournalismus-Branche?

Die Redaktion ZDF.Kulturpalast hat eine schriftliche Stellungnahme zugesagt.

//UPDATE 28.6.2011, 23:50//

Sven Herwig hat mir geantwortet:

Hi,
bei dem Material handelt es sich um ein EPK, das von uns in Auftrag geben wurde. Das EPK stellen wir jedem Medienpartner zur freien Verfügung, der gerne in Bild oder Ton etwas mit Tyler, the Creator machen will und kein eigenes Interview hatte, da der Künstler leider nur sehr wenige Interviews gibt. Was die jeweiligen Medienpartner daraus machen ist ihnen letztendlich selber überlassen. ZDF Kultur hat es eher satirisch aufgearbeitet. Exklusiv war das Interview allerdings nicht (ich weiß nicht, ob der Kulturpalast das überhaupt behauptet hat), da sich nicht wie wie Eingangs erwähnt um syndicated Material handelt.

Kurze Gegenfrage: Gelten private Facebookeinträge jetzt schon als seriöse journalistische Quelle? Ich hoffe doch nicht. Wie konnten sie die Sachlage eigentlich zusammentragen, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben? Nur anhand von 3 Sätzen bei Facebook? Interessant….

Schöne Grüße
Sven Herwig

//UPDATE 29.6.2011, 12:45//

Ich selber habe die Stellungnahme des ZDF bislang leider nicht erhalten. Doch die  Kollegen von Meedia und DWDL haben die Geschichte aufgegriffen und dort weiß man, dass der ZDF.kulturpalast den Beitrag als Satire verstanden haben möchte.

Die gute Intention in Ehren, bin ich nach wie vor der Meinung, dass das aus oben genannten Gründen gründlich schief gegangen ist. Das ZDF scheint das eingesehen zu haben. Immerhin hat man den Header des Beitrags in der Mediathek um das Wörtchen „Fake“ ergänzt.

Die Kollegen von DWDL und Meedia sind übrigens ähnlicher Meinung wie ich.

@fdisselhoff schreibt bei Meedia:

„Der aufmerksame Zuschauer dürfte sich gewundert haben, warum ein Musiker plötzlich von einem Praktikanten interviewt wird. Doch wundert die Haltung der Redaktion schon sehr, das Stück im Nachhinein als Satire zu verkaufen. Denn wer soll in dem Stück derjenige sein, der den Spott abgekommt?“

Und Alexander Krei von DWDL meint:

„Letztlich ist der offenkundig als Satire gemeinte Beitrag mit all seinem Promo-Material wohl schlicht ein wenig unglücklich geraten.“

//UPDATE 30.06.2011, 6:13h//

Gerade erst gesehen: turi2.de berichtete gestern nachmittag auch über das Fake-Interview:

Als Bröckerhoff den Fake in seinem Blog enttarnte, redete sich der Sender damit heraus, den Beitrag als „Ausdruck eines satirischen Umgangs mit der Attitüde eines Sängers“ gebracht zu haben. (…) Jetzt muss sich der Sender dem Vorwurf stellen, statt gelungener Satire eine Zuschauertäuschung produziert zu haben.

//UPDATE 30.06.2011 20:31//

Die Story zieht weitere Kreise, mittlerweile werde ich aber nicht mehr als Quelle genannt, nur satundkabel.de referiert auf diesen Blog:

Bild.de – Wirbel um ZDF-Interview mit US-Rapper

B.Z. – ZDF fälscht sich Rapper-Interview zusammen

rap.de – ZDF sendet Fake-Interview mit Tyler
In den Kommentaren ist man sich auch hier (wie bei mir) einig, dass der Beitrag klar als Satire / Ironie zu erkennen gewesen sei.

satundkabel.de – Redaktion von „zdf.kulturpalast“ verteidigt sich für Fake-Interview

 



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