Ein Abend mit unbekannten @-Freunden

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Das einzige Foto von der ersten #tassebier

Folgender Artikel erschien im Oktober 2009 exklusiv auf der mittlerweile verstorbenen Website blogjournalisten.com. Ich hatte damals noch keinen eigenen Blog und war froh, mein Geschreibsel irgendwo veröffentlichen zu können. Aus dem „Abend unter @Freunden“ ist mittlerweile eine feste Veranstaltungsreihe der Berliner Musik- und Netzszene geworden: Die #tassebier. Damals war das alles noch nicht abzusehen…

Immer häufiger rufen Twitterer in ihrer Timeline zu spontanen Treffen auf. Getroffen wird sich im ICE nach Berlin, bei Messen oder Barcamps oder einfach nur spontan zum Feierabendbier in der nächsten Kneipe. Ein Erlebnisbericht.

„Du triffst Dich mit ein paar Kerlen, die Du im Internet kennengelernt hast? Doch wohl hoffentlich nicht auf gayromeo oder sowas?!“ Wer twitterfremden Real-Life-Freunden versucht zu erklären, warum es sich lohnen könnte, Menschen, deren echten Namen man nicht mal kennt, zum Bier zu treffen, kann mit heftigem Unverständnis rechnen. Ein Date mit Unbekannten – das kann nur schlüpfrig sein.

Zum Glück weiss ich, dass zumindest @withoutfield nicht in die Liga sexsüchtiger Schnellfick-Dater fällt. Durch regen Nachrichtenaustausch auf Twitter und Facebook haben wir rausbekommen: Beide liiert, beide Vater, beide Nerds, beide Bossafans und beide im Newsbusiness. Passt.

Neugier auf den Menschen, mit dem ich soviel gemeinsam habe

Ich bin zum Arbeiten in Berlin, wo Peter @withoutfield wohnt und neugierig auf den Menschen, mit dem ich soviel gemeinsam zu haben scheine. Per Twitter wird ein gemeinsamer Abend gefunden und – the more, the merrier – Peter lädt zum spontanen Twitter-Treffen ein: „Nachher noch auf ne Tasse #Bier mit @doktordab & @legastiger am Senefelder Platz // BLN – anyone else?“

Diese Art des spontanen Get-together ist eine neue Qualität des Webzwonull. Verabredeten sich bislang höchstens notgeile One-Night-Stand-Liebhaber oder verzweifelte Singles auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Right zum Blind Date im Internet, treffen sich nun ganz normale Menschen, ganz ohne Hintergedanken. Einziges Interesse: ein gutes Gespräch mit Gleichgesinnten und ein netter Abend im echten Leben, mit Leuten, denen man eh jeden Tag in der virtuellen Welt über den Server läuft.

Als ich in der MS Völkerfreundschaft ankomme, muss ich mich erstmal orientieren. Sitzt hier vielleicht schon irgendwo meine Verabredung? Ein Abgleich der anwesenden Gesichter mit den Twitter-Nutzerbildern per iPhone – nein, ich bin der Erste.

Spontan kommen Leute dazu

Ich reserviere das große Sofa am Fenster; eine gute Wahl, wie sich später herausstellen wird. Mein erstes Bier ist kaum angekommen, da stolpert ein Baseballcap-Träger in den Laden. Zielstrebig kommt er auf mich zu und stellt sich als Lukas aka @legastiger vor. Alles klar, das ist der arme Kerl, der wegen eines Mixtapes ein anwaltliches Schreiben im Snailmail-Briefkasten hatte. Er hatte Peters Tweet gelesen und sich spontan angeschlossen.

Kurz danach kommt Peter (@withoutfield) in den Laden, im Schlepptau einen bärigen Typen mit gutmütigen Gesicht und dicker Brille. Hristo aka @mitovson hat wie ich Peter irgendwo bei Twitter kennen- und schätzen gelernt und schließt sich dem Twitter-Gangbang an.

Das sich nun entwickelnde Gespräch hat nichts mit einem klassischen Blind Date gemein. Wo sonst ungelenkes Gestammel und sich-selbst-am-besten-darstellen vorherrscht, gibt es heute abend muntere Plaudereien. Statt quälendem Und-was-machst-du-so-Smalltalk wird zuerst nach der jeweiligen Blogadresse gefragt und die Frage erörtert, wie man ein Mixtape verlinken muss, damit kein Rechtsanwalt der Welt eine Chance auf Klagen hat.

Wie verlinkt man Mixtapes?

Die Vorschläge reichen vom Ausschreiben des Links a lá wehwehwehpunktmixtapespunktorg über das Verlinken auf txt-Files, in denen die Links drinstehen, bis hin zur wahnwitzigen Idee von Hristo, „Let me google that for you“ (http://lmgtfy.com/) für eine Rapidshare-Suchmaschinenanfrage zu benutzen, um restlos alle Spuren zu verwischen.

Als eine Stunde später auch noch Daniel aka @hirngulasch dazu stößt und kurz bevor ich gehe @ecoluddit mit den Worten auftaucht „Eine Männerrunde, alle die Finger am iPhone, das kann nur ein Twittertreffen sein“ ist klar: Hier haben sich Kerle gefunden, die sich im wahren Leben nie gesucht hätten. Vor der Kneipe rauchen wir gemeinsam die Friedenspfeife.

Denn anders als im wirklichwahren Leben kennt man sich irgendwie, verfolgt das Leben und Denken des Anderen teilweise seit Monaten in 140 Zeichen und teilt das Interesse an Themen, die sonst kein Schwein interessieren. So easy wie mit @hirngulasch hab ich noch nie mit jemandem über OS-Customizing geplaudert.

Angenehm betüdelt verlasse ich die Runde leider viel zu früh und freue mich aufs nächste Spontantreffen mit Menschen, die wie ich, manchmal ein @ vor dem Namen tragen.

Nachtrag: Mittlerweile gab es einige #tassebier, zu fast allen konnte ich aus Zeit- und Raumgründen nicht kommen. Danke, Peter, dass Du die Fahne weiter hochhälst! Und ich werde dabei sein, so oft und lange ich kann!



  1. #tassebier meets Klub Konkret: Leben wir im Paradies oder sind wir nur nackt? | Daniel Bröckerhoff

    […] Die digitale Analog-Party-Reihe #tassebier wird seit einigen Jahren von meinen Blogrebellen-Freunden Peter und Nilo ausgerichtet – woran ich nicht ganz unschuldig bin. Denn die erste #tassebier war nichts weiter als ein abendliches Wir-kennen-uns-aus-dem-Internet-lass-doch-mal-treffen zwischen Peter und mir eines Oktoberabends 2009, als ich wieder mal im RTL Hauptstadtstudio Schichten schrubbte, um über die Runden zu kommen und abends nicht immer allein im WG-Zimmer hocken wollte. Die ganze Geschichte hab ich hier schon mal aufgeschrieben. […]


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