„Der Twitpic-Skandal“ oder Das Problem mit den AGB

Ist Twitpic böse, blöde oder wurden die neuen Nutzungsbedingungen einfach mißverstanden? Die Diskussion läuft und zeigt eine ganz andere Problematik auf: Wir haben oft keine Ahnung von den Regeln, nach denen Websites ihre Geschäfte betreiben.

Die Verwirrung um Twitpic erreicht ihren Höhepunkt. Gestern hatte Spiegel Online die Aufmerksamkeit auf die neuen Nutzungsbedingungen des Twitter-Bilderdienstes gelenkt:

„Der Twitter-Fotodienst Twitpic, über den man Fotos hochladen und über eine kurze Adresse in Twitter-Botschaften einbinden kann, hat einen exklusiven Deal mit der britischen Fotoagentur „Wenn“ geschlossen. Künftig sollen Fotos, die Stars über Twitpic ins Internet stellen, weltweit vermarktet werden. Das teilten die beiden Unternehmen am Dienstag in einer gemeinsamen Erklärung mit.“

Selbstportrait mit iPhone

Ein klassisches Twitpic (Foto: marcof bei Flickr)

Die Empörung war groß und kochte innerhalb kurzer Zeit hoch. Auch ich änderte als Konsequenz und aus Protest in all meinen Twitterclients (Tweetdeck, Echofon und qtweeter) den Bilderdienst von Twitpic zu yfrog oder plixi.

Twitpic rudert zurück

Twitpic ruderte daraufhin in einem Blogeintrag zurück und gab bekannt, man sei mißverstanden worden:

„You the user retain all copyrights to your photos/videos and we are very sorry by the confusion our old updated terms of service caused.“

Friede, Freude, Eierkuchen? Mitnichten. Denn derzeit enbrennt eine Diskussion, ob man mit Twitpic zu hart umgegangen sei und die Geschichte nicht wasserdicht gemacht hätte.

Auslöser ist unter anderem ein Posting von Christoph Kappes in seinem posterous-Blog. In diesem kritisiert er SpOn und netzpolitik.org dafür, dass sie bestimmte Teile der neuen Nutzungsbedingungen nicht berücksichtigt hätten, zu Ungunsten von Twitpic:

„Kurz: TwitPics Anwälte wollten sagen: ‚Ihr als Urheber behaltet alle Rechte. Ihr gebt uns aber (viele) Nutzungsrechte für unseren Internetdienst und unser Geschäft (einen solchen Dienst zu entwickeln, betreiben etc.), einschliesslich der Nutzungsrechte, die wir benötigen, um unseren Internetdienst zu bewerben oder weiterzuverbreiten.'“

Der Autor des Spiegel-Artikels, Ole Reißmann, entgegnete daraufhin über Twitter:

[blackbirdpie url=“https://twitter.com/oler/statuses/68234262003982336″]

Die Verwirrung ist komplett

Bei SpOn arbeitet man derzeit wohl an einem Nachklapp mit anwaltlicher Hilfe, um die Geschichte aufzuklären. Das ist auch bitter nötig, denn ich für meinen Teil bin mittlerweile echt verwirrt.

Meine Verwirrung zeigt ein ganz anderes Problem auf, das Christoph Kappes als den eigentlichen Skandal empfindet und worin ich ihm 100%ig zustimme:

„Der eigentliche Skandal ist, dass – was wir ja alle ahnten – nicht nur Laien solche Nutzungsbestimmungen nicht interpretieren können, sondern auch Fachexperten, Journalisten und auch Juristen ohne Spezialausbildung nicht mit ausreichender Sicherheit. Es kostet mindestens 1.000 EUR, hierzu von einem Fachanwalt eine qualifizierte Auskunft zu bekommen – und nur wenige Nutzer wüssten überhaupt, wie sie mit Google den richtigen Anwalt finden.“

Viele Nutzer (und ich nehme mich da nicht aus), nehmen die seitenlangen AGBs von Softwarefirmen und Webdiensten ungelesen hin. Dass da manchmal echt merkwürdige Sachen drinstehen ist kein neues Phänomen und mir erst kürzlich bei dem Cloudservice Wuala aufgefallen.

Auch meine Lieblingsserie Southpark hat sich des Problems in einer der letzten Folgen angenommen, mit dem üblichen deftigem Analhumor.

Die Politik müsste handeln *ähäm*

Denn wir Nutzer haben meistens weder Zeit noch Lust noch Expertise dutzende Seiten mit Juristenvokabular durchzuackern, oft auch noch auf Englisch. Doch die Firmen müssen sich juristisch absichern, da sie am Ende sonst die Gelackmeierten sind.

Es wäre also Zeit für die Politik, Klarheit zu schaffen. Doch bis man sich auf den beiden Seiten des Atlantiks auf einen kundenfreundlichen Umgang mit Nutzungsbedingungen einigen kann, werde wohl noch viele Updates und AGB-Änderungen über uns kommen.

 

//UPDATE 11:59h//

Hier noch ein lesenswerter Artikel von Till Kreutzer bei irights.info: „Freiwild oder Artenschutz: Ausbeutung durch AGB“



10 Kommentare

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  1. Ramona Neohoridis

    Mit dem hervorheben ist es denke ich nicht getan…. 85% meiner Bekannten und Verwandten liest die Dinger gar nicht erst, scrollt runter und stimmt blind zu. Klar ist das dann irgendwie eigene Schuld, nur Länge und Ausdrucksweise so mancher AGB’s ist wirklich nur was für wen, der sich damit auskennt.

    Eine kurze laienverständliche Version vorne weg, halte ich auch für eine gute Idee. Wenn auch nicht alle Informationen dort Platz finden, so ist es doch besser als gar nichts…..

  2. kadekmedien

    »Doch die Firmen müssen sich juristisch absichern, da sie am Ende sonst die Gelackmeierten sind. …
    Es wäre also Zeit für die Politik Klarheit zu schaffen.«
    Das mag so stimmen. Userfreundlicher aber wäre, wenn neben den juristisch verklausulierten AGB eine kurze, laienverständliche Version stünde à la »wenn Du Dein Bild über Twitpic verbreitest, erlaubst Du der Bildagentur W.E.N.N. es in unserem Namen lizenzrechtlich zu verwerten.« Denn das richtig Befremdliche ist doch, dass User geldwertes Material generieren, für das sie letztlich auch dann zahlen müssen, wenn es ihr eigenes ist (Bsp. Du wirst Zeuge einer Katastrophe, vertwitterst das Foto zunächst [und veräußerst damit die Nutzungsrechte für lau], und wenn Du es später von Twitpic auf Deinem Blog einbinden willst, kommt W.E.N.N. und sagt ’nee, nee, mein Lieber, so nich’…)

    Sehr gut gemachter Post, übrigens. Danke.

    • Daniel Bröckerhoff

      Danke fürs Lob 🙂

      Wie das jetzt genau aussehen sollte, hab ich bewusst erstmal außen vor gelassen. Dein Vorschlag ist auf jeden Fall eine gute Idee. Auch wenn ich bezweifle, dass das durchgesetzt werden könnte. Eine meiner Ideen war z.B., dass bei einer Änderung die entsprechende Passage nochmal dezidiert hervorgehoben wird (und dann vielleicht im Gebrauchsdeutsch erklärt wird).

    • Ramona Neohoridis

      Amen…. da hat man manchmal wirklich das Gefühl, dass sich der eine Anwalt hinsetzt und solche AGB’s zaubert um sich und seinen Kollegen anschließend Arbeit zu machen, sollte tatsächlich mal jemand auf die Idee kommen und die überhaupt lesen…..

      Oder der wollte für die nächste Generation Jura-Studenten ein prima Fall-Beispiel kreieren… Lieber Doktordab es ist nie zu spät seinen Horizont zu erweitern, ich kann das Studium nur empfehlen 😉

  3. Heike Rost

    Mag sein, dass ein Teil des Problems in unterschiedlichen Rechtsauffassungen in Europa und angelsächsischem Recht liegt. In Europa gibt es die urheberrechtliche Differenzierung zwischen personengebundenen Rechten und übertragbaren Nutzungsrechten. Im Gegensatz zum Begriff des Copyright, das keine Personenbindung kennt und beliebig übertragbar ist.


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