Warum wir „Inside Wikileaks“ brauchen

Es war abzusehen: Kaum werden Einzelheiten aus Daniel Domscheit-Bergs Buch „Inside Wikileaks“ bekannt, bricht ein Shitstorm Loboschem Ausmaßes auf den Wikileaks-Aussteiger herein. Teilweise ist selber schuld daran.

Die Meinungen sind immer die selben. Domscheit-Berg ist ein Egomane, beleidigt wirft er mit Schmutz nach dem sauberen Assange:

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Solches Feedback kann nicht mal mehr mit gutem Willen unter „konstruktive Kritik“ abgehakt werden. Domscheit-Berg muss geahnt haben, was da auf ihn zukommen würde. Zum Ende seines Enthüllungsbuches schreibt er:

„Im Nachhinein hatte meine Suspendierung für ihn [Assange, d. Autor] den Vorteil, dass er mich wie einen frustrierten Mitarbeiter aussehen lassen konnte, der das Projekt aus Rache kritisierte. Natürlich war ich frustriert. Natürlich war der Konflikt zwischen uns hochgekocht. Aber der Frust über meine Beurlaubung war nicht der Ursprung meiner Kritik, und inzwischen begriffen auch die anderen, dass bei Wikileaks etwas in die Schieflage geraten war.“

Trotzdem hält ihn das nicht davon ab, mit Hilfe seiner Ghostwriterin Tina Klopp jede Menge Annekdötchen und kleine Gemeinheiten aus dem Leben mit Assange zu erzählen. Diese sind ohne Zweifel unterhaltsam, doch überdecken sie jetzt in der Berichterstattung die wirklichen Enthüllungen, die im Buch enthalten sind.

  • Dass Assange einem Holocaust-Leugner vorgeschlagen haben soll, unter einem Pseudonym bei Wikileaks mitzuarbeiten, damit er bei den anderen Aktivisten kein Aufsehen errege – geschenkt.
  • Dass Wikileaks sich über einen langen Zeitraum größer gemacht hat als sie waren und ihre Infrastruktur marode und angreifbar gewesen sein soll – unbeachtet. (Domscheit-Berg schreibt dazu: „„Wir waren fahrlässig, und wir spielten mit dem Vertrauen unserer Quellen und dem Geld der Spender.“)
  • Dass Assange entgegen interner Absprache die Insurance-Datei und die US-Depeschen veröffentlich hat und Domscheit-Berg mit dem Tode bedroht haben soll – Randaspekte.
  • Dass ausgerechnet Assange von Domscheit-Berg angeblich eine Verschwiegenheitserklärung (!) haben wollte hat ebenfalls bislang noch niemanden interessiert. Dabei wäre das eine geradezu absurde Forderung für einen Informationsfreiheitskämpfer.

Dafür ist sich die AFP nicht zu schade, aus der Zwei-Zeilen-Anekdote, dass Assange seine Spielchen mit Domscheit-Bergs Kater trieb, eine eigene Meldung zu machen:

Und sogar die taz spielt Boulevard-Blatt und twittert:

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Dementsprechend sieht die Reaktion auf Twitter aus:

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Medien sind halt Medien. Schmutzgeschichten ziehen mehr Leser als komplizierte finanzielle Sachverhalten. Fiese Anekdoten sind für den Durchschnitts-Leser vermeintlich interessanter als die Frage, wie die Infrastruktur von Wikileaks wirklich ausgesehen haben mag. Und die Twitteria ist leider keinen Deut besser.

Wer von dem Buch eine Meta-Analyse über die Auswirkungen von Wikileaks erwartet hat, wird zwar enttäuscht. Doch war dies wohl nie die Intention Domscheit-Bergs. Ihm ging es vermutlich vor allem darum, mit seiner Vergangenheit aufzuräumen, sich einige Ärgernisse von der Seele zu schreiben (oder schreiben zu lassen) und einige Lügen zu entlarven.

Trotzdem oder gerade deswegen ist „Inside Wikileaks“ ein wichtiges Buch. Es gibt dem wirklich Interessierten die Möglichkeit zu verstehen, was in den letzten Jahren in und um Wikileaks geschah. Gemeinsam mit den Büchern des Spiegels, des Guardian, der NYT und bald auch von Assange selber, kann es helfen, sich in diesem Irrgarten der subjektiven Wahrheiten zurecht zu finden. 

Meine Rezension des Buches findet ihr bei meedia.de oder morgen hier im Blog.



  1. wn030

    das niveau der wikileaks-supporter-herde kann man derzeit übrigens getrost langsam als bedenklich bezeichnen. beim überfliegen von kommentaren in amerikanischen blogs und onlinemedien fällt einem auf, dass von 100 kommentaren 5 kommentare assange sowieso schon immer am nächsten baum hängen sehen wollten, die 95 anderen aber felsenfest von DDB als geheimdienst-agenten ausgehen. die meinen das dann auch noch ernst.

    bißchen gaga ist ein großteil der anhänger derzeit leider schon. und ausgesprochen denkfaul: es gibt nichts leichteres als bei jedem kritikpunkt zu schreien: „das folgt e.x.a.k.t. der CIA-planung!“

    da gott jetzt aber tot ist: wen bittet man nun am besten um bißchen hirn vom himmel?

  2. RC

    „Dass Assange entgegen interner Absprache die Insurance-Datei und die US-Depeschen veröffentlich hat und Domscheit-Berg mit dem Tode bedroht haben soll – Randaspekte.“

    In der gestern in der ARD ausgestrahlten Doku „Weltmacht WikiLeaks? Krieg im Netz“ hat Domscheit-Berg noch gesagt Assange sei kein gewalttätiger Mensch etc. und solche Dinge seien weit unter Assanges Niveau. Jemandem allerdings mit dem Tode zu bedrohen, ist wohl so hart wie es geht. Wo hat er jetzt gelogen/übertrieben/boulevardisiert? Im Buch oder in der Doku?


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