Linkliste: Die (späte) Wikileaks-Diskussion

Die Fülle an Artikeln, die derzeit zum Thema Wikileaks produziert werden ist erschlagend. Jedes Leitmedium hat mittlerweile mindestens ein Statement abgegeben, teilweise auch zwei, die sich nicht selten widersprechen. Hier der Versuch einer Übersicht.

Üblicherweise diskutierte Fragen sind, wie mit der durch Wikileaks vermeintlich neu geschaffenen Transparenz umzugehen sei, ob Online-Whistleblowing nun gut oder schlecht ist, welche Gefahren soviel Transparenz mit sich bringen könnten und wo die Grenze zwischen “Veröffentlichen oder Nicht-Veröffentlichen” zu ziehen sei.

Die Diskussion kommt überraschend spät. Wikileaks gibt es seit über 3 Jahren, seit Frühjahr diesen Jahres wurden die Aktivitäten enorm angezogen und spätestens seit Veröffentlichung des so genannten “Collateral Murder“-Videos sollte Wikileaks eigentlich jedem Journalisten ein Begriff sein. Die Diskussion hätte spätestens dann einsetzten sollen, doch außer vereinzelter Stimmen war wenig zu hören.

Doch besser spät als nie. Hier also die zuletzt erschienen Artikel zur…

Wikileaks-Diskussion im Journalismus

- Hans-Martin Tillack (Stern): Wikileaks und wir

Äußerst lesenswerter und sehr ehrlicher Kommentar von Tillack, in dem auch die nicht unbelastete Vorgeschichte von Stern und Wikileaks zur Sprache kommt. Tillack widerspricht seinem Kollegen Karsten Lemm (“Löcher im System“), der die Gefahr durch unbedachte Veröffentlichung betont.

Moneyquote: “Man muss schon sehr blind oder sehr autoritätsverliebt sein, wenn man ausgerechnet in diesen Tag meint, Regierungsapparate müssten nur ungestört arbeiten können, dann werde alles gut.”

- Evelyn Finger (ZEIT ONLINE): Wikileaks: Wahrheit ist eine Waffe

Evelyn Fingers Appell, mit den “Internetpartisanen von morgen, diesen mächtigen Verfechtern eines noch nicht genau definierten Weltgewissens” zu reden und mit ihnen gemeinsam eine “Ethik des Internetzeitalters” zu entwickeln.

Moneyquote: “Es nützt unserer Sicherheit nicht, die WikiLeaker als Internetterroristen zu verteufeln, (…) Der Horizont unseres Daseins – kurz: unsere Zukunft – ist abhängig von hinreichendem Wissen und von richtigem Handeln.”

- David Hugendick (ZEIT ONLINE): Wikileaks: Transparenz, und dann?

Evelyn Fingers Kollege mahnt, dass mit der Transparenz auch mehr Verantwortung einher geht, nicht nur für Journalisten und NGOs, sondern auch für Bürger.

Moneyquote: “Erst dann hat die Transparenz einen Nutzen für die Demokratie. Sonst bleibt sie eine rhetorische Figur. Denn ein Informationsrecht, das niemand gebraucht, ist wenig wert.”

- Tim Renner (Motorblog): Napster auf den Elektrischen Stuhl?

Tim Renner meldet sich zu Wort und mahnt die mit Politik befassten Menschen, nicht den gleichen Fehler zu machen, wie dereinst die Musikindustrie: Lernt mit dem Internet zu leben oder geht unter!

Moneyquote: “Deshalb gebt Euch Mühe, die Konsequenzen der Digitalisierung nicht zu bekämpfen, sondern zu erkennen und zu meistern. Wir von der Musikwirtschaft versuchen es ja mittlerweile auch.”

- Henry Porter (Guardian): The powerful may howl, but only because we are learning the truth

Henry Porter merkt an, dass trotz der Depeschen und entgegen aller Behauptungen die Welt noch nicht untergangen ist. Im Gegenteil.

Moneyquotes:

“In the WikiLeaks cables, knowledge and the editing and reporting skills found in the old media, combined with the new ability to locate and seize enormous amounts of information on the web, has actually resulted in responsible publication, with names, sources, locations and dates redacted to protect people’s identities and their lives.”

“Nothing but good can come from revelations about these companies, and in this brief moment when we have a glimpse of how things really are, we should relish the fact that publication of the cables, as well as the shameful reactions to it, have brought light, not fire.”

- Constanze Kurz (FAZ.NET): Aus dem Maschinenraum (22): Am Geldhahn

Die CCC-Sprecherin weist darauf hin, dass es im Internetzeitalter reicht, die virtuellen Geldhähne zu zudrehen, um eine unliebsame Stimme für eine gewisse Zeit zum Schweigen zu bringen, kritisiert, dass die Europäer es versäumt haben einen eigenen Bezahldienst á la Paypal aufzuziehen und prophezeit, dass Dezentralisierung der Schlüssel gegen derartige Zensur sein wird

- Memex 1.1: WikiLeaks: two challenges for journalism

Treffende Beschreibung der Herausforderungen, vor der der Journalismus jetzt steht:

Moneyquotes: “The WikiLeaks controversy is, par excellence, such a story and, like many bloggers, academics and media commentators, I’ve been struggling to (a) keep up with it, and (b) make sense of it.”

- Hans Leyendecker (SZ): Enthüllungen und Ethik – Wikileaks und die Systemfrage

Leyendecker hat und hatte seine Probleme mit Wikileaks, scheint sich aber damit abgefunden zu haben, dass der Journalismus sich ändern wird – “ob er will oder nicht.”

Moneyquote:

“Für weite Teile der Netzgemeinde ist so eine Nachricht die Bestätigung ihrer Sicht der Welt. Staatliche Macht ist darin vor allem eines: bedrohlich und immer gemein.

Für viele Jungen ist Wikileaks der Gegenpol zu dieser Welt. Und es ist eher zweifelhaft, dass sich die Alten, die Journalisten, die das Portal wegen seiner Radikalität kritisieren, mit ihrer Definition von Vertraulichkeit am Ende durchsetzen werden.

Die Kommentierung vieler klassischer Medien, auch der Süddeutschen Zeitung, ist aus Sicht der Alten berechtigt und notwendig, aber sie entfremdet die Jungen. Journalisten, die argumentieren, dass auch Staaten in bestimmten Fällen ein Recht auf Verschwiegenheit haben, sind aus ihrer Sicht nicht Teil irgendeiner Lösung, sondern ein Teil des Systems.”

- Lutz Herden (Der Freitag): Transparenz: Wenn der Kopf erst gefallen ist

Auch Herden hat seine Probleme mit der neuen Transparenz und meint, die Veröffentlichung der US-Depeschen würden mehr Schaden anrichten, als dass sie nutzen würden.

Moneyquote: “Was hat es bewirkt, als Wikileaks am 5. April 2010 mit dem ins Netz gestellten Video des Helikopter-Killings von Bagdad seinen ersten großen Coup landete? Gab es auch nur den Versuch, im UN-Sicherheitsrat eine Resolution einzubringen, die solche Kriegsverbrechen verurteilt hätte?

Ist etwas darüber bekannt, dass die Hubschrauber-Crew, die sich amüsiert darüber austauscht, zwölf Menschen (darunter zwei Reuters-Korrespondenten) wie Tontauben abzuschießen, vor einem US-Gericht steht?

Und was hat sich seit den Wikileaks-Veröffentlichungen vom 25. Juli – Feldprotokolle zur US-Kriegführung in Afghanistan – an der Afghanistan-Strategie der USA geändert?”

// UPDATE 22:30//

- Henryk M. Broder (Welt.de): Wir brauchen totale Transparenz in der Politik

Broder macht einen kleinen Exkurs in die Geschichte der Spionage, um dann die totale Transparenz in der Politik zu fordern. So würde Wikileaks letzten Endes auch überflüssig.

Moneyquote: “Wenn man dem Bürger zumutet, für die Fehlentscheidungen von Politikern zu haften – wie zum Beispiel für die Aufnahme Griechenlands in die EU –, dann hat der Bürger auch das Recht zu erfahren, wie solche Fehlentscheidungen zustande kommen.”

//UPDATE 13.12.2010, 0:08//

Analist war auch fleissig und hat eine Liste von Beiträgen zusammengetragen, die sich fern der journalistischen Moral- und Ethikdiskussion mit Wikileaks beschäftigen: “Intelligentes zu Wikileaks

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