Wikileaks:
SPIEGEL-Analyse geleakt
– erste Zusammenfassung // UPDATE

Die mit Spannung erwartete SPIEGEL-Wikileaks-Ausgabe war durch eine Logistik-Panne heute mittag für kurze Zeit am Badischen Bahnhof in Basel erhältlich, darf jetzt jedoch nicht mehr verkauft werden. Eigentlich hätten ePaper und Druckausgaben erst heute am späten Abend publiziert werden sollen. Hier die ersten Infos aus dem SPIEGEL, via @freelancer_09, der den SPIEGEL-Artikel derzeit auf Twitter zusammenfasst. Alle Angaben ohne Gewähr.

Vor allem für Guido Westerwelle sind die Infos, die der Spiegel den diplomatischen Depeschen entnommen hat, alles andere als angenehm. Denn: In der FDP scheint es einen Informanten zu geben, der die USA mit Informationen füttert. freelancer_09 twittert:

„Informant in FDP: ‚junger, aufstrebender Parteigänger'“

US-Informant in der FDP

Doch das ist nicht die einzige Hiobs-Botschaft für Westerwelle. Unser Außenminister scheint im State Department nicht viele Freunde zu haben. Laut freelancer_09 schreibt der SPIEGEL, Washington bewerte Guido Westerwelle „kritisch wie keinen zweiten deutschen Politiker“. Westerwelle sei nur Außenminister wegen der Bindung des Amts an den Posten des Vizekanzlers und vor allem kein zweiter Genscher.

Geleaktes SPIEGEL-Titelblatt: Wie Amerika die Welt sieht

Geleaktes SPIEGEL-Titelblatt: Wie Amerika die Welt sieht

Merkels Dominanz sehen die Diplomaten daher als klaren Vorteil für die US-Interessen. Das Kanzleramt ist, laut freelancer_09s Zusammenfassung, für Washington der „bessere Ansprechpartner“ – für Westerwelle ein Schlag ins Gesicht.

Obama: Keine „emotionale Beziehung zu Europa“

Doch das heißt nicht, dass zwischen Merkel und Obama alles im grünen Bereich ist. Die Depeschen haben laut SPIEGEL eine klare Aussage: Merkel kam besser mit Bush zurecht als mit Obama. Dieser sei „immun“ gegen Merkels „Bezirzungsversuche“. Und zu Europa – dem Kontinent, der ihn bei seiner Wahl frenetisch feierte – habe Obama „keine emotionale Beziehung“.

Sein Blick richte sich „eher über den Pazifik als über den Atlantik“, China ist für die US-Regierung die „neue Gefahr für (den) Weltmachtsposten“. Die EU und Deutschland spielten da eher eine „untergeordnete Rolle“.

Merkel „pragmatisch“, Seehofer mit „begrenztem Horizont“

Von Merkel scheint das diplomatische Korps jedoch insgesamt mehr zu halten als von ihrem Außenminister. Sie sei „methodisch, rational und pragmatisch“, hielte sich „lieber im Hintergrund, bis die Kräfteverhältnisse klar sind“ und sei unter „Druck beharrlich, aber meidet das Risiko und ist selten kreativ“.

Vom CSU-Mann Horst Seehofer hält man in Washington dagegen wenig. freelancer_09 schreibt, die USA halten ihn laut SPIEGEL  „für einen unberechenbaren Politiker mit begrenztem Horizont“.

Infos wenig brisant – Skandal bleibt (vorerst) aus

Insgesamt enthalten die von freelancer_09 getwitterten Infos aus dem SPIEGEL-Artikel beinahe keine Informationen, die politisch Interessierte großartig überraschen sollten. Dass Westerwelle auch im State Department unbeliebt ist, bestätigen nur die Ressentiments, die hierzulande viele gegen ihn hegen: Westerwelle ist kein erfolgreicher Außenpolitiker. Auch die Einschätzungen über Merkel, Seehofer und die steigende Bedeutung von China in der Weltpolitik sind wenig brisant, eher amüsant.

Der versprochene Skandal bleibt vorerst aus. Keine Enthüllungen über die Unterstützung der PKK durch die USA, keine Vorwürfe gegen die Türkei, al Quaida zu unterstützen, bislang kein Grund, Diplomaten aus dem Land zu werfen, wie von den USA befürchtet. Und dass die USA einen Informanten in der FDP haben, sollte auch niemanden wirklich überraschen.

Trotzdem: Für Guido Westerwelle und seine Partei sind die geleakten Botschafts-Depeschen eine weitere Niederlage. Niemand liest gern, wie Bündnispartner wirklich über einen denken. Auch wenn man es im stillen Kämmerlein vielleicht immer vermutet hat.

//UPDATE 16:21h//

Wie auf der Webseite der „Vancouver Sun“ zu lesen ist, soll Julian Assange von Wikileaks heute nachmittag Reportern in Jordanien per Video-Pressekonferenz Fragen beantwortet haben. Laut „Vancouver Sun“ sagte er, die US-Dokumente würden „every major issue“ der heutigen Weltpolitik abdecken.

Ich frage mich derzeit, warum der SPIEGEL scheinbar vor allem die Depeschen ausgewertet hat, die sich zwar mit Deutschland beschäftigen, aber dafür wenig wirklich Neues offenbaren. SIEHE UPDATE 17:10h.

//UPDATE 17:10h//

Berichtigung: Es scheint doch eine weitere SPIEGEL-Story über die Wikileaks-Dokumente zu geben, die nicht ausschließlich Deutschland betreffen. Ab Seite 96 soll es ein gut 30seitiges Dossier geben, das sich intensiv mit den Informationen beschäftigt. Unter anderem sollen dort Putin und die Georgien-Krise, israelische Spione, die Iran-Atombombe, das Verhältnis USA-Türkei, Ausspähungen von Ban Ki Moon zur Sprache kommen.

//UPDATE 17:33h//

Es gibt noch zwei Tweets von @freelancer_09 über Karl-Theodor zu Guttenberg. Dieser sei ein „Enger und bekannter Freund der USA“, klage über Merkel und schwärze Westerwelle an. Zusammgefasst: „Karl-Theodor zu Guttenberg Hoffnungsträger der USA, aussenpolitischer Experte, Transatlantiker, und Freund der USA“. Aber auch das ist keine wirkliche Überraschung.

//UPDATE 19:06h//

Hier gibt es einen (leider etwas nichts-sagenden) Scan von @freelancer_09 aus dem SPIEGEL-Artikel „Im Visier der Supermacht“.



33 Kommentare

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  1. Zana Balasa

    Die Internetseite Wikileaks will auch nach der Festnahme ihre Chefredakteurs Julian Assange weitermachen. Die nächste Bereitstellung geheimer Schriften des US-Außenministeriums werde sogar noch mehr Schriften als bisher beinhalten, kündigten die Wikileaks-Kämpfer über den Online-Dienst Twitter an.

    • Daniel Bröckerhoff

      Ehrlich gesagt finde ich den SZ-Artikel arg konstruiert. Man kann den SPIEGEL-Kollegen einiges vorwerfen, u.a. dass sie die „So fies sprechen die Amis über andere Länder“-Story als Aufmacher gebracht haben. Aber ich würde „odd“ auch mit „merkwürdig, seltsam“ übersetzen und nicht mit „ungewöhnlich“ wie in „überraschend“. Dann hätten die Diplomaten IMHO „surprising“ geschrieben.


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