Die Kettenreaktion
der Angst oder
„Kontrollen bringen
nicht mehr Sicherheit“

„Angst vor der Angst“, sang Herbert Grönemeyer schon 1986 und er ist mit dieser Textzeile heute so aktuell wie vor 24 Jahren. Damals hatten wir konkrete Ängste: vor radioaktivem Regen, dem Waldsterben, einem Atomkrieg. Heute ist die Angst diffus: Sie heißt „Terrorgefahr“ und niemand weiß so recht, wer für diese Gefahr verantwortlich ist und wie wir sie bekämpfen können. Das macht die Angst so gefährlich. Und uns und unsere Freiheit angreifbar.

Doch woher kommt diese Angst? Ist sie gerechtfertigt? Und sind die Maßnahmen, mit denen unsere Politiker versuchen, sie einzudämmen, die Richtigen? Oder wird die Terrorangst instrumentalisiert, um ganz andere Vorhaben endlich durchdrücken zu können?

Quarks & Co über die Gefahr, Risiken zu überschätzen

Mit diesen komplexen Fragen hat sich die sehr hervorragende Sendereihe „Quarks & Co“ Anfang März beschäftigt (Link zur Sendungsseite // Link zum Stream)  und dabei sehenswerte Videos und lesenswerte Artikel produziert.

Der wohl beste Beitrag: „Die große Gefahr, Risiken zu überschätzen.“ Nicht nur der Inhalt, auch die Machart des Films sollten Vorbild für jeden Fernsehmacher sein, der versucht, komplexe Themen zu visualisieren.

Den Film gibt es leider nicht als Ausschnitt beim WDR, aber auf youtube:

Die Kernaussage des Films:

„Mehr Selbstsicherheit und Gelassenheit, statt mehr Sicherheitsmaßnahmen, können das Fundament einer freien Gesellschaft stützen.“

Terroristen, so die Konklusio, würde so die Grundlage ihrer Macht entzogen. Denn diese fußt vor allem darauf, uns dort Angst einzujagen, wo wir mit Gelassenheit besser beraten wären.

Denn: Seit 2001 sind in Europa 247 Menschen bei terroristischen Anschlägen gestorben. Dagegen sind schätzungsweise 50.000 in Krankenhäusern ums Leben gekommen, weil sie die falschen Medikamente bekommen haben (Quelle: Quarks & Co). Die Chancen, im Krankenhaus zu sterben sind also ungleich höher, als im nächsten Bahnhof in die Luft gesprengt zu werden.

„Kontrollen bringen nicht mehr Sicherheit“

Aufgrund solcher und ähnlicher Zahlen kommt der Hamburger Politikpsychologe Thomas Kliche, einer der Gesprächspartner der Sendung, zu einem interessanten Schluß. Im Einspielfilm sagt er:

„Kontrollen bringen nicht mehr Sicherheit. Man kann versuchen, Ursachen auszuräumen, das ist das einzige, was langfristig mehr Sicherheit bringt.“

Stellt sich die Frage: Bringt die Vielzahl an Anti-Terror-Gesetzen überhaupt das gewünschte Resultat? Oder werden sie aus ganz anderen Gründen beschlossen, quasi durch die Anti-Terror-Hintertür eingeschleust? Auch dieses Thema behandelt „Quarks & Co“ und kommt zu dem Schluss:

„Die Geschwindigkeit, mit der die neuen Sicherheitsgesetze nach 2001 in den Bundestag eingebracht wurden, lassen vermuten, dass sie nicht als Reaktion auf die Anschläge am 11. September entstanden sind, sondern schon lange in der Schublade der Sicherheitspolitiker schlummerten. Doch erst nach den Anschlägen waren sie politisch durchsetzbar. (…)

Eine Studie aus dem Jahr 2003 zeigt, dass 17 Prozent der Telefonüberwachungen zum Erfolg geführt haben. Das ist zwar mehr als bei der Rasterfahndung – inwiefern es dabei aber um Terrorismusbekämpfung ging, geht aus den Ergebnissen nicht hervor. Wie auch bei der Rasterfahndung ist der Erkenntnisgewinn durch solche Maßnahmen zweifelhaft.

Wenn sie den Erfolg gegen die Terroristen auch schuldig geblieben sind, wurden den Behörden durch die Terrorgesetze eine Reihe von Möglichkeiten an die Hand gegeben, um beispielsweise Steuerhinterzieher zu finden. So wurde die Kontodatenabfrage mit der Begründung eingeführt, dass sich nur so die Finanzierung des Terrorismus bekämpfen ließe. Heute haben jede Arbeitsagentur, jedes Finanzamt und die Sozialverwaltung Zugriff auf die Daten. Das ist verfassungsrechtlich bedenklich: Die „Umwidmung“ der gewonnenen Daten ist ein neuer Grundrechtseingriff.“

Die Geschwindigkeit, mit der besonders CDU/CSU-Politiker zwei Tage nach der Terrorwarnung von Innenminister de Maizière (und dem Bombenattrappen-Fund) erneut nach der Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung rufen, riecht nach Kalkül. Über die Beweggründe darf munter spekuliert werden.

Dass die Vorratsdatenspeicherung unser Land tatsächlich sicherer machen wird, möchte ich indes beruhigt bestreiten. Doch diese Maßnahme passt besser zu unserer kurzsichtigen Politik, als nachhaltige Planung und langfristige Veränderungen.

Ursachen ausräumen? Nein, danke.

Die Lebenssituation von verzweifelten (oder manipulierten) Menschen zu verbessern, wäre die wohl beste Art der Terrorbekämpfung. Wem es zu Hause gut geht, hat wenig Grund dafür, sich in Europa in die Luft zu sprengen.

Doch solche Veränderungen brauchen Zeit, kosten Geld und wer weiß, welche Regierung dann die Lorbeeren ernten darf? Dieses Risiko möchte kein an der Macht stehender Politiker eingehen. Dann doch lieber Millionen ausgeben für Datensammelstellen. Die kann man schließlich immer gebrauchen.

UPDATE: Und selbst wenn man den Politikern keine Hintergedanken unterstellen möchte, so müssen sie sich doch mindestens blinden Aktionismus vorwerfen lassen. Ich zitiere Tilmann Brück vom Institut für Wirtschaftsforschung:

„Die Frage ist, ob wir noch die richtige Balance haben, zwischen den Risiken des Terrorimus und den Kosten der Sicherheit.“

//gefunden hab ich den Film übrigens bei Freund Peter @withoutfield, drüben bei den Blogrebellen. (Von seiner unflätigen Wortwahl möchte ich mich allerdings distanzieren.)

//im Text schon verlinkt, möchte ich trotzdem noch einmal auf das Interview mit dem israelischen Psychologen Ariel Merari aufmerksam machen, der die Psyche von palästinensichen Selbstmordattentätern untersucht hat.



  1. M.Kleiser

    Wegen der Terrorwarnugen werden wahrscheinlich einige Menschen manche Reisen, die sie sonst per Bahn oder Flugzeug gemacht haben, jetzt per Auto machen.
    Aber Autofahren ist statistisch gesehen viel gefährlicher als Bahnfahren oder Fliegen!
    Es würde ja schon helfen, wenn man die häufigsten Todesursachen per Lauftext in Nachrichtensendungen durchlaufen ließe, wenn Politiker wieder vor Terror warnen. Da kämen dann durchaus auch Todesursachen vor, die die Politik vielleicht senken könnte. Aber Terrorismus käme da nicht vor.

  2. pEtEr

    Sehr gut aufgearbeitet, danke hierfür!
    Habe mal die Mediathek App angeschmissen und werde mir mal die ganze Sendung anschauen.
    Ach und das du dich von meiner „unflätigen Wortwahl“ distanzierst finde ich Lustig 😉


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