Probierwochen beim „Elektrischen Reporter“

Es tut sich was beim ZDF in Sachen „Neue Medien“. Gestern lobte ich den Sender für seine Twitter-Tätigkeiten, heute finde ich (beschämend spät) heraus, dass Maris Sixtus‘ Produktionsfirma an neuen Formaten schraubt. Mit teils überraschenden Ergebnissen.

In relativer Heimlichkeit launchte Blinkenlichten Produktionen in den letzten Wochen sechs sogenannte „Dummies“ als Vorgeschmack auf mögliche neue Webformate auf dem Blog des „Elektrischen Reporters“

Ein „Dummy“ ist so etwas wie eine Ideenskizze, die Programmverantwortlichen zeigen soll, wie eine neue Sendung aussehen könnte.

Piloten zum Abschuß freigegeben

Normalerweise geschieht dies in aller Heimlichkeit. Doch das ZDF hat sich lobenswerterweise entschlossen, die Dummies zur öffentlichen Besprechung freizugeben. Ein Novum in der Geschichte der Formatentwicklung. Und eine Idee, die der Transparenz und Beteiligungsphilosophie des Netzes entspricht. Man merkt: Hier sind Profis am Werk, die das Netz leben.

Formatkritik

Ich habe mir alle 6 Formate angesehen und will hier kurz meine Eindrücke wiedergeben:

1.) Ein verfilmtes Lawblog von Udo Vetter

Ausschnitt aus "Lawblog"

Ausschnitt aus "Lawblog"

Udo Vetter klärt über die Gefahren vom Surfen am Arbeitsplatz auf. Sehr guter Ansatz, erinnert mich aber in der Machart zu sehr an den „Elektrischen Reporter“. Selbst die Soundeffekte sind teilweise dieselben.

Auch der Auftritt von Herrn Vetter erinnert – wenn vielleicht auch ungewollt – sehr an Herrn Sixtus. Sowohl Tonfall als auch Outfit sind beinahe identisch. Hier fehlt mir der USP („Unique Selling Point“ = Alleinstellungsmerkmal), auch wenn Herrn Vetter die Rolle sehr gut steht. Würde ich mir öfter ansehen.

2.) Ein Netzpolitik-Format

„ePolitik“ soll netzpolitische Themen behandeln – eine echte Herausforderung, aber sehr wichtig. Denn viel zu viele Redaktionen lassen dieses  Themenfeld außen vor, oft aus Unwissen über dessen Existenz. Die Pilotfolge von „ePolitik“ beschäftigt sich mit dem Für und Wider von „Open Data“, also der Idee, dass alle amtlich erhobenen Daten im Internet frei verfügbar sein sollten.

Das Hauptproblem von Netzthemen ist die Umsetzung fürs Fernsehen, denn viele netzpolitischen Themen sind äußerst abstrakt und für den Laien schwer verständlich. „ePolitik“ versucht dies mit einer Pappschild-Metapher zu lösen. Die besprochenen Webseiten werden ausgedruckt und auf Pappschilder geklebt, die dann an „echten“ Locations aufgehängt oder aufgestellt werden.

Ausschnitt aus "ePolitik"

Ausschnitt aus "ePolitik"

Die Grundidee ist gut, wird jedoch nach einigen Minuten etwas fad und ist wenig dynamisch. Die Interviews sind sehr schön eingesetzt und bestechen durch Tiefenschärfe, doch dem ganzen Beitrag fehlt es an Dynamik und Bewegung.

Ein Mashup von Grafiken, Animationen und echten Bildern würde dem Ganzen gut tun. Denn dass es an Beiträgen über Netzpolitik mangelt, steht außer Zweifel.

3.) Ein Webwissen-Format

Auch diese Idee ist sehr gut, wird in „Webwissen kompakt“ doch versucht, das Internet und seine Möglichkeiten den Leuten zu erklären, die davon keine Ahnung haben. Und das sind viele. In der Dummy-Folge wird das Thema „RSS“ DAU-freundlich aufbereitet. Veranschaulicht wird dies von 2D-Animationsfigürchen.

Ausschnitt aus "Webwissen kompakt"

Ausschnitt aus "Webwissen kompakt"

Für mich hatte das Format stellenweise einige Längen, aber das mag daran liegen, dass ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Zudem kann ich mich mit dem Animierten nicht recht anfreunden oder identifizieren, auch wenn es nett gemacht ist.

Inhaltlich finde ich den Beitrag irreführend aufgezogen, da mir vorgemacht wird, RSS würde das Leben im Infodschungel erleichtern. Dass auch das Gegenteil der Fall sein kann (zuviele Feeds abonniert!), wird nicht erwähnt. Denn noch gibt es meines Wissens nach keinen Reader, der die für mich relevanten News aus den abonnierten Seiten herausfischt.

Hier würde ich die Umsetzung noch einmal überdenken, an der Formatidee aber unbedingt weiter festhalten. Wir brauchen dringend mehr „Erklärbären“!

4.) Ein Visions-Format

„Was wäre wenn?“ ist die Kernfrage von „uebermorgen.tv“. Die Beispielfolge zeigt, wie Werbung in ein paar Jahren aussehen könnte und erklärt dies anschaulich, kreativ und dynamisch.

Ausschnitt aus "uebermorgen.tv"

Ausschnitt aus "uebermorgen.tv"

Die Bildsprache besteht aus Mashups von Grafiken, Animationen und echten Bildern und ist in dieser Form absolut neu und revolutionär. Leider wohl auch ziemlich aufwändig und teuer.

In meinen Augen ist dieser Dummy von der Umsetzung her am besten gelungen und sollte unbedingt in Serie gehen. Das Ding muss man gesehen haben – mein absoluter Favorit. Ich hoffe nur, dass sich das ZDF von den Produktionskosten nicht abschrecken lässt.

5.) Eine Kolumne

Irgendwie hab ich das Gefühl, dass man bei der Formatentwicklung unbedingt eine Kolumne mit dabei haben musste, einfach um eine Kolumne dabei zu haben. Doch leider ist „Peter Glasers blauer Planet“ nicht gelungen.

Glaser monotoniert 2:30 lang über die Erfindung einer Schreibmaschine, die Emails verschicken kann, das Ganze wird durch die bekannten „Sixtus vs Lobo“-Bild-Collagen veranschaulicht. Bei 1:30 bin ich ausgestiegen. Zu lahm, zu langsam, zu langweilig. Schade.

Ausschnitt aus "Glasers blauer Planet"

Ausschnitt aus "Glasers blauer Planet"


6.) Ein Web-Nachrichtenformat

„Hyperland“ heißt der Versuch, in 7 Minuten die Woche im Netz zusammen zu fassen. Die Grundidee ist gut, doch in der Umsetzung kann sie mich noch nicht recht überzeugen. Denn was ist älter als die Tweets von gestern?

Ausschnitt "Hyperland"

Ausschnitt "Hyperland"

Zwar ist die Moderatorin ist sehr apart, allerdings steht sie etwas unmotiviert in ihrem Green-Screen-Studio herum, die Texte wirken nicht, als ob sie sie selber geschrieben hätten und insgesamt fehlt dem Format (auch von der Kameraführung her) die Dynamik, die „Ehrensenf“ unter Frau Bauerfeind noch hatte. Mein Gesamteindruck: Etwas steif. Und der Trailer ist mit 17 Sekunden auch viel zu lang.

Ich bin mir sicher: Das können sie besser. Und dann vielleicht auch täglich. Denn was ist älter als die Tweets von gestern?

Fazit

Ich finde es großartig bis fantastisch, dass sich die Produktionsfirma hier derart austoben kann und die Ergebnisse auch noch der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen werden. Soviel Transparenz und Mut würde jedem Sender gut stehen.

Vier von sechs Ideen gefallen mir richtig gut, allein mit der Kolumne und der Idee eines Wochenrückblicks mag ich mich nicht anfreunden. Die Umsetzung ist teils revolutionär (uebermorgen.tv), teils bei Erfolgsformaten abgekupfert (Lawblog), was natürlich nicht unbedingt schlecht sein muss.

Insgesamt sind die sechs Dummies ein Riesenschritt in die richtige Richtung: Mehr Bewegtbild-Berichterstattung aus dem Internet, über das Internet und für das Internet. Bitte mehr davon!